Hebräische Handschriften und Fragmente in österreichischen Bibliotheken

Innsbruck, Universitäts- und Landesbibliothek Tirol (ULBT), Cod. 1155, Ruthrolle
Bibel
Das Buch Ruth
Kurze Passagen an zwei Stellen ausgeschnitten. Ausgeschnittene Textpartien wahrscheinlich Reparturschnitte, auf der Hinterseite deutliche Spuren eines Klebebandes. Die fehlenden Stellen umfassen das Wort tlyny ( תליני ) „du übernachtest“ in Ruth 1,16 und eine ganze Zeile aus Ruth 1,19, die einen halben Vers umfasst: wyhy kbˀnh byt lḥm wthm kl hˁyr ˁlyhn wtˀmrnh
(
ויהי כבאנה בית לחם ותהם כל העיר עליהן ותאמרנה ) „Und als sie in Betlehem angekommen waren, geriet die ganze Stadt ihretwegen in Bewegung“.

- 3 Tagin auf שעטנז גץ
- Ḥet mit Dach (arched ת)
- Großbuchstabe Lamed (capital ל) in Kap. 3,15
ליני
- Setuma zw. Kap. 3 und 4 (3,18-4,1)


Kommentar:
Ausführung konform nach Schulchan Aruch Sekt. 272 und 273 (d.h. 1 Yeriah/Blatt zu 4 Spalten je 42 Zeilen für die Rolle Ruth).

Wenig altes Vergleichsmaterial; keine Entsprechung mit den Ruthrollen in der British Library nr. 46. (Or 4220) and nr. 47 (Or. 4799). Nur 46 ist eine jemenitische Ausführung auf Leder aus dem 16. Jh. zu 9 Sp. und 21 Zeilen; nr. 47 ist eine späte Rolle aus dem 19. Jh. zu 9 Spalten und 20 Zeilen (s. Margoliouth, G. Catalogue of the Hebrew and Samaritan manuscripts in the British Museum, 3 vol., London, 1899-1915), vol. I, S. 19-20). Das Exemplar aus der Sammlung der Sassoon Library nr. 357 war nicht einsehbar (S. David Solomon Sassoon, Ohel Dawid. Descriptive Catalogue of the Hebrew and Samaritan Manuscripts in the Sassoon Library, 2 vols (London: Oxford University Press, 1932), vol. I, S. 557)

Datierung: 17./18. Jh. (Stefan Reif)
Schrift: aschkenasische Quadratschrift
Literatur: Stemberger, G., Die Megillot als Festlesungen der jüdischen Liturgieְ JBTh, 18 (2003), 261-276.


Addenda / Corrigenda ? − Please contact Dr. Martha Keil, St. Pölten/Wien (e-mail: martha.keil@injoest.ac.at)
Schattner-Rieser  
Bilder:
Innsbruck, Universitäts- und Landesbibliothek Tirol (ULBT), Cod. 1155, Ruthrolle:   recto  −  Spalte 1  −  Spalte 2  −  Spalte 3  −  Spalte 4

Fragment(e):
A: Pergament wellig und ausgefranst, tlw. an Knickstellen aufgebrochen. Wasserflecken. An den Rändern Risse mit weißem Klebeband verstärkt. Insektenfraß. Pergament auf Versoseite restauriert.
B: Aufbewahrungszylinder: blau marmoriertes Papier über Pappe. Ort, Zeit.
Höhe 335 mm, Durchmesser 50 mm. Deckel/Kappe reicht 50 mm über den Zylinderkörper. Auf Deckfläche blau umrandetes Signaturschildchen 1155. Auf Mantelfläche weißes Schildchen (Aufschrift gleichlautend wie auf beiliegendem Blatt, s. A*) mit Schenkungsvermerk s. A*. Rectoseite am rechten oberen Rand Tintenvermerk HS 1155. Versoseite Stempel der ULBT aus der NS-Zeit.

Material: Pergament (Haar- und Fleischseite sind nicht zu unterscheiden)
Handschriftmaße (in mm) Gesamtblatt: 600/610 x 310
Oberer Rand: 40 mm
Unterer Rand: 50 mm
Rechter Rand: 85 mm
Linker Rand: 120 mm
Spaltenschreibung: Vier Spalten von Blindlinien gerahmt, zu 42 Zeilen auf Blindlinierung. Zirkelstiche.
Schriftraum: 220 × 400 mm
Zeilen: 42
Spaltenhöhe: 218- 220 mm
Spaltenbreite: 75 u. 85 (Sp. 1–3: 220 × 75; Sp. 4: 220 × 85)
Zwischenspalte: ca 30-35 mm
Zeilenliniierung (Reglierung) und Zeilenbegrenzung (Justifikation) Blindlinierung und Justifikation
Zeilenhöhe: 5 mm
Buchstabenhöhe (Aleph): 2-3 mm
Buchstabenbreite (Aleph): 2 mm
Schriftplazierung: Buchstaben hängen auf der Zeile
Tinte: schwarzbräunlich

Schattner-Rieser 2015