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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist es, die Kenntnisse von der Buchmalerei im donauösterreichischen Raum in der Zeit vom späten 14. Jahrhundert bis Mitte des 15. Jahrhunderts zu erweitern. Dies soll vor allem durch die Einordnung in der Literatur noch nicht bekannter illuminierter Handschriften und durch eine genaue Untersuchung aller illuminierter Handschriften des neben Wien bedeutendsten Zentrums der Buchmalerei dieser Zeit – des Stiftes Klosterneuburg – und der mit letzteren verwandten Codices der Wiener "Hofwerkstätte" geschehen. Dabei sollen durch eine genaue Analyse der Ausstattungselemente (Deckfarbenschmuck, Fleuronnée, Lombarden) aller besprochener Handschriften und durch Berücksichtigung ihrer kodikologischen Merkmale wie Schrift, Wasserzeichen, Einband Kenntnisse über die Arbeitsteilung am Buchschmuck und auf diese Weise auch über einzelne Illuminatoren oder Werkstätten gewonnen werden.

Mein Dank gilt an dieser Stelle dem Betreuer dieser Dissertation, Herrn Univ. Prof. Dr. Gerhard Schmidt, für die stete Anteilnahme an meinen Arbeiten sowie den Leitern jener Bibliotheken, die mir Einsicht in ihre Handschriftenbestände gewährten.
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Beobachtungen zur Buchmalerei im Wiener Raum im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts

In diesem Abschnitt soll versucht werden, das Verhältnis der Handschriftengruppe um CCl 614 zu der des Niederösterreichischen Randleistenstils und zum Missale CCl 74 näher zu bestimmen. An Hand einer genauen Untersuchung des Fleuronnéeschmucks kann dabei aufgezeigt werden, daß wir es nicht mit isoliert voneinander entstandenen Handschriften zu tun haben, sondern daß zwischen ihnen konkret definierbare Beziehungen bestehen, die auch Aufschlüsse über den Werkstattbetrieb zu liefern imstande sind.

CCl 614 (⇒Kat.-Nr.1) enthält neben Deckfarbeninitialen mit Randleisten, die nach Schmidt (⇒Anm. 3-1) unbeholfene Nachahmungen böhmischer Vorbilder, etwa in der Art des 1368 datierten, für Albrecht III. bestimmten Evangeliars des Johann von Troppau (Cvp 1182) sind, auch mehrere volkstümliche figürliche Initialen, laviert mit Filigranschmuck. Zu letzteren hat ebenfalls bereits Schmidt a. O. festgestellt, daß ähnliche Initialen von der gleichen Hand auch in den Codices CCl 200 (⇒Kat.-Nr.2) und CCl 626 (⇒Kat.-Nr.3) existieren. Da die drei Handschriften zweifellos in Klosterneuburg geschrieben worden sind – das Kalendar des der spezifischen Klosterneuburger Liturgie folgenden Missales CCl 614 entspricht weitestgehend dem des Sierndorf-Missales CCl 71, ein und derselbe Schreiber ist in allen drei Codices nachweisbar (⇒Anm. 3-2) – , ist auch an der Entstehung ihrer buchkünstlerischen Ausstattung im Stift nicht zu zweifeln.
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Eng verwandt mit dem Deckfarbenschmuck von CCl 614 sind die zweifellos aus derselben Werkstatt stammenden vierzehn Deckfarbeninitialen (darunter drei historisierte: 8r Petrus, 34v und 37r Iohannes evangelista) des CCl 154 (⇒Kat.-Nr.4). Eine Entstehung in Klosterneuburg wäre denkbar, wenn auch die Tatsache, daß sich auf dem Hinterdeckel-Spiegel zwischen 1561 und 1575 eine Reihe von Privatpersonen eingetragen haben, eventuell für eine vorübergehende anderweitige Aufbewahrung des Codex sprechen könnte.

Der Stil der kleinen Figuren und das Ornamentvokabular (fleischige Akanthusblätter oder stilisierte Akanthusstäbe, auf 8r eine Blattmaske in Form eines Drachens) ist zu CCl 614 sehr ähnlich; man vergleiche etwa die Blattformen des jeweils oberen Rankenastes von CCl 614, 194r und CCl 154, 12r. Die Blattformen mit kugelig eingerollten Spitzen von CCl 614, 194r ‐ in grundsätzlich derselben Form noch im Rationale Durandi (Cvp 2765) nachweisbar (z.B. 251ra) - begegnen in etwas vereinfachter Form auch in CCl 154; z.B. auf Bl. 37r und – zu in gleichmäßigen Abständen mit kugeligen Blättern besetzten Rankenstengeln reduziert – in einer Reihe von Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils (z.B. Cvp 1790, 179r).

Gegenüber CCl 614 ist der Deckfarbenschmuck in CCl 154 etwas flüchtiger ausgeführt. An Farben wird in beiden Handschriften Rosa, Purpur, Zinnober, Grün und Blau verwendet. Das Grün findet sich in CCl 614 meist als Türkis, in CCl 154 als Dunkelgrün. Der freiere Rankenverlauf (ein vergleichbar geometrisierendes Schema wie bei CCl 614, 78r oder 188r findet sich in CCl 154 nicht) und die wenigen steifen Figürchen lassen CCl 154 etwas jünger erscheinen.

Der Holzeinband des CCl 154 zeigt auf seiner Rückseite eine zirka 20 cm große Madonna mit Kind. Die Madonna hält in ihrer Linken eine große Blüte, die sich in ähnlicher Form in Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils [Seite 5] wiederfindet (z.B. Wien, UB, Ms. 506, 38ra).

Die Madonna ist zweifellos etwa gleichzeitig mit dem Deckfarbenschmuck im Inneren der Handschrift entstanden. Drapierungsschema und Qualitätsniveau entsprechen etwa dem – allerdings schlankeren und bewegteren – Petrus auf 8r. Daß die Madonna von derselben Hand wie der Deckfarbenschmuck im Inneren der Handschrift stammt, wäre wohl denkbar; einer definitiven Entscheidung widersetzt sich jedoch die mäßige Qualität der Darstellungen, die zu wenig Anhaltspunkte für einen Händevergleich bieten. Dasselbe gilt auch für das Verhältnis der Bildchen in CCl 614 und 154.

Zwei Handschriften, deren sehr bescheidene Austattung – sie enthalten nur jeweils eine einzige, figürliche Initiale zum Textbeginn – letzten Endes wohl auf Vorbilder dieser Art zurückzuführen ist, befinden sich in den Klosterbibliotheken von Göttweig (Cod. 156 ⇒Kat.-Nr.5) und Kremsmünster (Cod. 159; laut Kolophon 1378 in Wien vollendet) (⇒Anm. 5-1). Das Stilniveau des halbfigurigen Paulus der letztgenannten Handschrift entspricht etwa dem der Verkündigungsminiatur des nach 1382 entstandenen Hendl-Breviers (⇒Anm. 5-2), die Formen der Initialausläufer sind wohl als Reduktion von Vorbildern in der Art von CCl 154, 8r zu verstehen. Die Initiale des Göttweiger Codex erinnert in ihrer Buchstabenkörper-Ornamentik und vor allem in ihren geradlinig verlaufenden, von großen Blüten unterbrochenen Ausläufern ebenfalls an das Hend-Brevier; eine Entstehung der Göttweiger Handschrift in Wien um 1380 wäre somit denkbar.

Eine Untersuchung des Fleuronnéeschmucks der bislang erwähnten Handschriften bringt folgendes Ergebnis: Die Fleuronnéeinitialen des Hendl-Breviers und des Kremsmünsterer Codex wurden in keiner anderen illuminierten Handschrift aufgefunden; hingegen schließen sich CCl 614, 200 und 626 auch durch ihr einheitliches Fleuronnée zusammen.
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Im Fleuronnéeschmuck des CCl 614 sind drei verschiedene Hände feststellbar (Hand A, B, C); die Buchstabenkörper der Fleuronnéeinitialen stammen jedoch wegen ihres einheitlichen Formenkanons zweifellos von einer einzigen Hand. (⇒Anm. 6-1) Hand A hat das Fleuronnée in der ungezählten Kalenderlage von CCl 614 und in weiteren 20 Lagen dieser Handschrift ausgeführt, Hand B ist in neun, Hand C in zwölf Lagen nachweisbar. In der von Hand B mit Fleuronnée versehenen Lage VIII hat Hand A – mit Ausnahme der von Hand B ausgeführten Initiale C auf 83vb – das Fleuronnée zu den Lombarden auf 82r und 83v eingesetzt.

Während Hand C in keiner weiteren Handschrift nachgewiesen werden konnte, ist Hand A auch für den Fleuronnéeschmuck in CCl 200 und CCl 626, 185r-205v (das Fleuronnée auf den übrigen Blättern von anderer Hand) verantwortlich. Im Fleuronnée dieser Hand treten des öfteren am linken Initialrand angesetzte Profilmasken auf (z.B. CCl 614, Ir, 99r, 105r, 115r, 137r, 149r, 185r), und nur in den von dieser Hand mit Fleuronnéeschmuck versehenen Lagen der drei genannten Handschriften finden sich Initialen mit lavierten Federzeichnungen im Binnengrund, die somit diesem Florator zuzuschreiben sind (vgl. CCl 614, 135v – CCl 200, 2r – CCl 626, 185r, 201v).

Das wichtigste Ergebnis der Untersuchung des Fleuronnées von CCl 614 ist jedoch, daß der Fleuronnéetypus der Hand B sich sowohl in Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils wie in CCl 74 wiederfindet.
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Holter hat 1939 erstmals vier Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils vorgestellt (Cvp 1790; Berlin, STB, Cod. germ. fol. 479; Göttweig, Cod. 5; Cvp 1388) (⇒Anm. 7-1), sie um 1370 datiert und in den niederösterreichischen Raum lokalisiert. Schmidt hat diese Gruppe um insgesamt fünf Handschriften erweitert ("Hendl- Brevier" Stockholm, Königl. Bibl., Cod. A 175; CCl 74; Cvp 1523 (⇒Anm. 7-2); Bratislava, Kapitelbibl., Cod. 47; Melk, Cod. 356 (⇒Anm. 7-3)) und ihren Stil unter der Bezeichnung Niederösterreichischer Randleistenstil" zusammengefaßt. Außerdem sind dieser Gruppe noch zuzurechnen eine 1392 zu datierende Bibel der Wiener Universitätsbibliothek (Ms. 506), der 1386 in Wien geschriebene CCl 467 und ein Missale- Fragment der Klosterneuburger Stiftsbibliothek.

Der Begriff Niederösterreichischer Randleistenstils soll hier bloß auf jene Gruppe von insgesamt neun Handschriften (⇒Anm. 7-4) beschränkt werden, die in ihrem durchwegs unfigürlichen Deckfarbenschmuck eine derart starke Übereinstimmung zeigen, daß man in ihnen Produkte einer Werkstätte sehen muß, deren Tätigkeit aufgrund datierter Codices auf die achtziger und frühen neunziger Jahre festgelegt werden kann. Es sind dies alle der oben genannten Handschriften mit Ausnahme des Hendl-Breviers, des CCl 74 und des Cvp 1523.

Der Deckfarbenschmuck dieser Handschriften zeigt nachstehend aufgezählte Charakteristika, die etwa an Göttweig, Cod. 5, 1v, 69r, Berlin, STB, Cod. germ. fol. 479, 1r, 18r und an der UB-Bibel, 1r, 7r studiert werden können: Der Buchstabenkörper ist stets konturiert, zeigt eine flächige Blattfüllung oder ist ornamentiert. Drachen als Buchstabenkörper finden sich nur in Göttweig, Cod. 5, 1v und Berlin, STB, Cod. germ. fol. 479, 1r. Das in poliertem Gold gehaltene Initialfeld wird fast immer von zwei Wülsten gerahmt, der innere in Grün, der äußere in Karminrot (letzterer meist mit in kurzen Abständen aufeinanderfolgenden Gruppen von jeweils drei weißen Querstrichelchen). Als Binnengrund-Ornamentik - [Seite 8] bisweilen auch vor azurblauer Folie – finden sich Ranken, geometrische Zierstücke oder Halbpalmetten. Die vom Buchstabenkörper ausgehenden Ranken verlaufen parallel zu den Schriftkolumnen und sind vor allem mit kugelig eingerollten Blättchen, mit Halbpalmetten oder mit kleinen vierteiligen, federartigen Blättchen besetzt. Die Rankenstengel werden unterbrochen oder enden in Rankenmedaillons mit radial wegstrebenden Rankenstücken, glockenähnlichen Blüten oder Halpalmetten; unterbrochen werden sie auch von geometrischen Zierstücken und Verknotungen. Als freie Motive treten bisweilen gestrahlte Goldpunkte und stilisierte Blüten auf. An Farben werden Hellrosa, Purpur (in diesen beiden Farbtönen fast alle Buchstabenkörper), Grün, Blau und Karminrot verwendet.

In den Ranken finden sich bisweilen Tiere und Fabelwesen; teils vollständig oder partiell in Farben ausgeführt, teils in reiner Federzeichnung (z.B. Göttweig, Cod. 5, 1v, 177r, 232v). Motive – fast immer in reiner Federzeichnung –, die vor allem in den Ranken des jeweils ersten Textblattes zu finden sind, sind der vom Hund verfolgte Hase und ein Storch, der bisweilen einen Fisch im Schnabel hält (z.B. Berlin, STB, Cod. germ. fol. 479, 1r, 18r, Bratislava, Kap. Bibl., Cod. 47, 1r, UB-Bibel, 7r; Göttweig, Cod. 5, 1v).

Innerhalb dieser Handschriftengruppe schließen sich die UB-Bibel (⇒Anm. 8-1) und Cvp 1388 einerseits und Melk, Cod. 356 und das Klosterneuburger Missale-Fragment (⇒Anm. 8-2) andererseits enger zusammen. Der Deckfarbenschmuck jeder der beiden Gruppen ist zweifellos von jeweils einer Hand geschaffen worden; lediglich in der UB-Bibel könnte das dünklere Kolorit einzelner Initialen (vgl. z.B. 1r mit 38r) eventuell auf die Mitarbeit eines Gehilfen deuten. Die beiden erstgenannten [Seite 9] Handschriften unterscheiden sich durch ihre überwiegend mit vierteiligen, federartigen Blättchen besetzten Rankenstengel von den übrigen Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils, deren Rankenstengel zumeist kugelig eingerollte Blättchen flankieren (z.B. Cvp 1790, 182v; CCl 467, 1r; Göttweig, Cod. 5, 177r). Die beiden anderen genannten Handschriften unterscheiden sich vom Rest der Gruppe durch die dürftiger besetzten und etwas starrer verlaufenden Ranken, durch die Verwendung eines ansonsten nicht nachweisbaren Grüntons (helles Olivgrün) und in einuelnen Motiven – etwa in den V-förmig zusammengesetzten Kandelabern und in der Buchstabenkörperfüllung, wo gerade geschnittene Blattlappen die in Form einer geschwungenen Klammer abgelöst haben.

In fast allen Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils ist eine Hand nachweisbar; die insgesamt hunderte von Initialen mit Fleuronnée ausgestattet hat (⇒Anm. 9-1) und die bereits in CCl 614 und CCl 74 vertreten ist. Während in den Codices Melk, Cod. 356, CCl 467, UB-Bibel, Göttweig, Cod. 5 und im Missale-Fragment das Fleuronnée aller Initialen dieser Hand zuzuschreiben ist (wobei grundsätzlich natürlich nicht ausgeschlossen werden kann, daß nicht doch manche Initialen von einer anderen Hand stammen, die das Formenrepertoire der Haupthand kopiert), ist in den Handschriften Berlin, STB, Cod. germ. fol. 479 und Cvp 1790 eine zweite Hand mit wenigen Initialen vertreten. Im folgenden soll das Fleuronnée der erstgenannten Hand kurz charakterisiert und sein Vorkommen in den genannten Handschriften nachgewiesen werden.

Fleuronnée der genannten Hand findet sich im Binnengrund der von Doppellinien konturierten Lombard-Initialen, als Besatz an der Außenkontur des Buchstabenkörpers und als Perlenreihen zu Beginn der geradlinig verlaufenden Fadenausläufer. Größere Binnengründe enthalten häufig rosettenartig angeordnete gestielte Knospen (z.B. Göttweig, Cod. 5, 215v; UB-Bibel, 62r, [Seite 10] Melk, Cod. 356, 269r. Die Fadenausläufer zeigen oft Schlingen und/oder mäanderförmig verlaufende Enden und sind in der Regel mit symmetrisch angeordneten horizontalen Häkchen besetzt (z.B. Melk, Cod. 356, 255v, 258r, 260r). Zahlreiche Masken begegnen in Fadenschleifen oder an der linken Seite der Initialen.

Die Identität des Fleuronnées in CCl 614 und CCl 74 wird unter anderem durch folgende übereinstimmende Motive belegt: Reihen tropfenförmiger Perlen an der Außenkontur der Buchstabenkörper (vgl. CCl 74, 130r – CCl 614, 80r, 164v, 194r), blütenähnliche Motive im Zwickel zwischen Anstrich und Buchstabenkörper der I-Initialen (vgl. CCl 74, 166v - CCl 614, 194r), kleine, bei fast allen Fleuronnéeinitialen beider Handschriften nachzuweisende Spiralen am Ansatzpunkt der Fadenausläufer, identische Formen der Fadenausläufer (vgl. CCl 74, 19v – CCl 614, 204v).

Daß der mit der Sigle B belegte Florator des CCl 614 auch den Fleuronnéeschmuck von CCl 74 ausgeführt hat, bestätigen auch die identisch ausgeführten Masken im Fleuronnée (vgl. CCl 74, 346v – CCl 614, 298v oder CCl 74, 328v – CCl 614, 83v).

Der Nachweis, daß diese Hand mit dem oben genannten Florator der Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils identisch ist, ist am einfachsten durch Vergleiche derselben Typen von Fleuronnéemasken zu erbringen. Der bärtige Männerkopf von CCl 74, 349r begegnet unter anderem wieder in UB-Bibel, 65v und Göttweig, Cod. 5, 293r, die Maske in der Schlinge des Fadenausläufers von CCl 74, 19v und 346v findet sich auch in Berlin, STB, Cod. germ. fol. 479, 26v und Göttweig, Cod. 5, 82r. Die Besonderheit, daß bei der Profilmaske auf 244r in CCl 74 das rechte Auge gesondert eingesetzt ist, ist auch in UB-Bibel, 16v, CCl 467, 1v, Melk, Cod. 356, 269r zu finden. Ebenfalls häufig nachweisbar ist das bei der Maske CCl 74, 254v auftretende Motiv einer zum Saum der Kopfbedeckung parallel geführten, leicht geschwungenen Linie; etwa in UB-Bibel, 32v, 73r und Göttweig, Cod. 5, 82r und 116v. Schließlich zeigen Hase und Hund auf 10r in CCl 74 dieselbe Handschrift wie etwa in Göttweig, Cod. 5, 1v.
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Daß dieser Florator zumindestens für einen Teil der Deckfarbeninitialen der genannten Handschriften verantwortlich ist, wird dadurch belegt, daß in manchen Deckfarbenranken teilweise mit Farbe übergangene Profilmasken in Federzeichnung vorkommen, die in derselben Art auch im Fleuronnée nachweisbar sind. So findet sich dieselbe Mönchs-Profilmaske wie in den Ranken der UB-Bibel auf 109v und 294r unter anderem auch bei der Fleuronnéeinitiale auf 186r dieser Handschrift (in den Deckfarbenranken auf 294r ein Vogel in Federzeichnung, der in den von Cvp 1388, 1r wiederbegegnet). Die Profilmaske auf Cvp 1388/1v – in jener Handschrift, die keine Fleuronnéeinitialen der oben besprochenen Hand enthält – zeigt die bei zahlreichen Masken nachweisbare zum Saum der Kopfbedeckung parallel geführte geschwungene Linie.

Masken wurden nicht nur gleichzeitig mit der Vorzeichnung für die Deckfarbeninitialen eingesetzt, sondern in Einzelfällen – nur in der UB-Bibel – auch gleichzeitig mit der Ausmalung der Lombarden, wie etwa eine Lombardinitiale auf 257v der UB-Bibel beweist, wo die rote Maske am oberen Ende der gleichfarbigen Initiale eindeutig in einem Zuge mit dieser eingetragen worden ist (die Masken an der linken Buchstabenkörper-Kontur in der Gegenfarbe des Fleuronnées).

Aus dem Gesagten kann wohl eindeutig geschlossen werden, daß der in der Ausstattung der genannten neun Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils dominierende Künstler (⇒Anm. 11-1) zumindestens bisweilen sicherlich den gesamten Buchschmuck einer Handschrift (Lombarden (⇒Anm. 11-2), Fleuronnée, Deckfarbeninitialen) ausgeführt hat.

Dieser Schluß wird noch unterstützt durch den Standort jener wenigen Initialen der genannten Handschriften, die nicht das charakteristische Fleuronnée dieser Handschriftengruppe zeigen. Fleuronnée dieser zweiten Hand – vom oben besprochenen Fleuronnée unter anderem durch die Form der tropfenförmig [Seite 12] geschlossenen Ausläufer und durch das Fehlen jeglicher figürlicher Motive im Fleuronnée unterschieden – findet sich unter anderen auf allen Blättern der ersten Lage der Berliner Handschrift; mit Ausnahme des äußeren Doppelblattes derselben (Bl. 1, 8), das das Fleuronnée der Haupthand aufweist und mit einer Deckfarbeninitiale auf 1r ausgestattet ist (offensichtlich hat somit die Haupthand das erste Doppelblatt der Lage zur Gänze ausgestattet und den Rest der Lage an eine Hilfskraft weitergegeben). Fleuronnée der zweiten Hand findet sich auch zu 10 der insgesamt 11 mit Fleuronnée versehenen Initialen in Cvp 1790; jene Initiale – auf 24r –, die nicht das Fleuronnée dieser Hilfskraft sondern das der Haupthand zeigt, befindet sich ebenfalls auf einem mit einer Deckfarbeninitiale versehenem Blatt (die übrigen 10 Fleuronnéeinitialen auf deckfarbenschmucklosen Blättern).

Wie ist nun die Position des in seiner Provenienz (⇒Anm. 12-1) noch ungeklärten CCl 74 (⇒Kat.-Nr.6) innerhalb der bislang besprochenen Handschriften?

Während durch die Fleuronnéeinitialen des CCl 74 ein personeller Zusammenhang sowohl zur Gruppe um den CCl 614 wie zur Handschriftengruppe des Niederösterreichischen Randleistenstils gegeben ist, sind die Beziehungen in der Ornamentik des Deckfarbenschmucks von CCl 74 – der mit Ausnahme des unter böhmischen Einfluß stehenden Kanonbildes einer einzigen, bodenständigen Hand zuzuschreiben ist – zur letztgenannten Gruppe deutlicher ausgeprägt.

Die Dracheninitiale auf 10r und die glockenähnlichen Blüten links oben auf demselben Blatt begegnen in ähnlicher Form [Seite 13] etwa in Berlin, STB, Cod. germ. fol. 479, 18r; die Blüten der rechten unteren Ecke auf 10r oder des unteren Rankenastes auf 83r in CCl 74 finden sich auch in den Randleisten von 1r der Berliner Handschrift oder auf 69r der Göttweiger Bibel. Geometrische Zierstücke und Medaillons mit radial wegstrebenden Blüten- und Blattmotiven zeigen auch Randleisten in Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils (UB-Bibel, 7r; Göttweig, Cod. 5, 1v; Cvp 1790, 16r), jedoch verlaufen dort die Ranken geradliniger, sind weniger dicht und in der Regel auch weniger phantasievoll besetzt. Auch für die Art der Buchstabenkörper-Füllung und Rahmung des Initialgrundes, für die federartigen und kugeligen Blättchen gibt es in CCl 74 keine Entsprechung. Umgekehrt finden sich in genannter Handschriftengruppe eine Reihe von Motiven in CCl 74, die letzten Endes auf italienische Quellen zurückzuführen sind, nicht. So etwa fehlen die Kugelreihen (CCl 74, 109v, 129v), die lanzettförmigen Blättchen (CCl 74, 10r oben) und die in die Randleisten interpolierten Gefäße (CCl 74, 83r, 192r). Das Kolorit ist in den Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils kräftiger; Zinnober, das häufig in CCl 74, 614 und 154 vertreten ist, fehlt fast völlig.

Der Deckfarbenschmuck der Handschriften des Niederösterreichischen Randleistenstils darf also nicht bloß als Weiterentwicklung des von CCl 74 verstanden werden; daß er jedoch aus Vorbildern wie CCl 614, CCl 154 und CCl 74 geschöpft hat, ist an Hand der aufgezeigten Übereinstimmungen evident.

Da die Hauptkraft des Niederösterreichischen Randleistenstils in den 70er Jahren als Florator an der Ausschmückung von CCl 614 und CCl 74 beteiligt war, müssen es diese und ähnliche Vorbilder gewesen sein, aus denen der genannte Florator in den 80er Jahren – mittlerweile offensichtlich selbständig geworden – einen neuen Randleistenstil kreierte.

Zur Zeit ihres Aufenthaltes in Klosterneuburg dürfte diese Kraft auch CCl 201 (⇒Anm. 13-1) ausgeschmückt haben, wie die zu Beginn der einzelnen Predigten eingesetzten Fleuronnéeinitialen [Seite 14] nahelegen. Man vergleiche etwa die eine Maske umschließende Fadenschleife auf CCl 201, 10r mit Berlin, STB, Cod. germ. fol. 479, 26va; die Form der die Fadenausläufer begleitenden Häkchen derselben Initiale in CCl 201 ist unter anderem in CCl 614, 204v nachweisbar. Die Akanthoid-Rosetten auf CCl 201, 70r und 107r begegnen in ähnlicher Form etwa in UB-Bibel, 62r oder Melk, Cod. 356, 269r. Der mit Wasserfarben – vor allem in Hellgrün und Hellbraun – angelegte Randleistenschmuck auf 1r in CCl 201 hat allerdings mit dem des Niederösterreichischen Randleistenstils nichts zu tun, steht vielmehr in seinen Blattformen dem CCl 74 (z.B. 10r) näher – woraus eine Datierung von um 1375 abgeleitet werden könnte.

Der Florator dieser Handschrift hat zweifellos auch vergrößerte Majuskeln der jeweils ersten Zeile des Schriftspiegels mit Fleuronnée und/oder Masken ausgeschmückt. Man vergleiche etwa die Akanthoidrosette in der Majuskel auf 35r mit den oben angeführten Beispielen oder die Maske auf 34vb, 48r und 65vb mit beispielsweise Göttweig, Cod. 5, 114v. Eine noch zu überprüfende Frage wäre, ob dieser Florator nicht – analog etwa zu Heinrich Aurhaym – auch als Schreiber tätig gewesen ist, da der Duktus der verzierten Majuskeln für eine gleichzeitige Ausführung von Buchstaben und Buchstabenschmuck spricht. Bei einer solchen Untersuchung wäre ein Brevier aus Säusenstein (Sankt Pölten, Diözesanbibliothek, Cod. 97) (⇒Anm. 14-1), das ebenfalls mit Masken in der Art der des Niederösterreichischen Randleistenstils verzierte Majuskeln enthält (z.B. 35r, 88v, 356v) und das auch in seinem übrigen Buchschmuck (Fleuronnéeinitialen – z.B. 13r, 20r, 27r, 51r, 176v – und zwei Deckfarbeninitialen auf 1r und 86r) starke Analogien zu CCl 201 zeigt, mit zu berücksichtigen.

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Reminiszenzen an den Niederösterreichischen Randleistenstil" sind noch in Handschriften gegen oder um 1400 nachweisbar. So in den in der Literatur noch nicht genannten CCl 104-107 (⇒Anm. 14-2) und im jüngeren [Seite 15] Teil von Graz, UB, Cod. 168. (⇒Anm. 15-1) Auf 1r in CCl 104 etwa im vom Storch bekrönten rechten Teil der Randleiste (vgl. Bratislava, Kap.bibl., Cod. 47/1r) und im Blütenmotiv am oberen Seitenrand (vgl. Göttweig, Cod. 5, 1v). Im aus dem Kloster St. Lambrecht stammenden Grazer Codex erinnern etwa die federartigen Blättchen der Initialausläufer auf 41r in Bd.2 an den Niederösterreichischen Randleistenstil" (vgl. z.B. Cvp 1388, 1r); die geradlinig verlaufenden, mit Halbpalmetten besetzten Randleisten ähneln jenen des 1399 datierten Cvp 353 (⇒Anm. 15-2) aus dem Besitz des Stiftes St. Dorothea.

Hingewiesen sei abschließend auf das in der kunsthistorischen Literatur noch nicht genannte Kanonbildchen des Karthäuserbreviers Cvp 1872 (⇒Anm. 15-3). Dessen Assistenzfiguren entsprechen ikonographisch jenen des Kreuzigungsbildchens auf 138r des RD: Maria führt die verhüllten Hände zum Gesicht, der zum Gekreuzigten aufblickende Johannes legt die Rechte in seine Wange und hält in der anderen Hand ein Buch. Die Kreuzigung [Seite 16] des RD ist jedoch stilistisch jünger; die Gewänder sind dort stoffreicher und verhüllen den Körper in stärkerem Maße. (⇒Anm. 16-1) Die Assistenzfiguren des Karthäuserbreviers stehen hingegen mit ihrem seichten Faltenrelief, ihren knapp sitzenden Gewändern und den in flachen Bögen verlaufenden Körperkonturen und Saumlinien noch durchaus auf der Stufe der älteren Stilschicht des RD (vgl. z.B. die Apostelfürsten auf 30v des RD) und sind somit wohl noch in die neunziger Jahre des 14. Jahrhunderts zu datieren.

Der auf den Kanon folgende Text (für den Kanon wurde keine eigene Lage verwendet) zeigt eine Reihe von Fleuronnéeinitialen (z.B. 143v, 144r, 181r, 190r, 325r), deren interpolierte Masken in ähnlicher Form in Handschriften des späten 14. Jahrhunderts begegnen (vgl. z.B. Cvp 1872, 181r mit CCl 626, Ir; Cvp 1872, 190r mit CCl 201, 23r).

Auf Grund der aufgezeigten Beziehungen im Buchschmuck erscheint die Bestimmung der Handschrift für eine der drei niederösterreichischen Karthausen (Mauerbach, Gaming, Aggsbach) wahrscheinlich.
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Die Werkstatt des Missales Wiener Neustadt, Neukloster (OC), Cod. XII A 10

In diesem Kapitel soll eine Gruppe von um 1400, vor allem im niederösterreichischen Raum entstandenen Codices behandelt werden, deren Buchschmuck von einer Werkstätte ausgeführt worden ist, als deren Hauptwerk das oben genannte Missale angesehen werden darf. Zu dieser Gruppe zählen folgende – zum Teil nur mit Fleuronnéeinitialen ausgestattete – Codices (in Klammern die jeweilige Katalognummer; mit Asterisk die in der kunsthistorischen Literatur nicht genannten Handschriften): CCl 10* (16), CCl 14* (17), CCl 23-24 (18), CCl 27* (19), CCl 33* (20), CCl 344* (21), CCl 600* (22), Heiligenkreuz, Cod.1-2* (23), Brixen, Seminarbibl., Cod. A 12 (24), Berlin, STB, Cod. germ. fol. 1109, Sankt Florian (OSA), Cod. III 205 (25), Wiener Neustadt, Neukloster (OC), Cod. XII A 10 (26), Budapest, Bibl. der Akademie der Wissenschaften "Ivrét 1 b" (27).

Aus den ersten Jahren des 15. Jahrhunderts stammen drei illuminierte Handschriften der Klosterneuburger Stiftsbibliothek: die 1401-1402 datierten, mit einer figürlichen und einer unfigürlichen Deckfarbeninitiale ausgeschmückten CCl 23-24 sowie die mit je einer unfigürlichen Deckfarbeninitiale ausgestatteten CCl 10 (datiert 1404) und CCl 14 (datiert 1401). Die genannten Handschriften enthalten außerdem eine Reihe großer Fleuronnéeinitialen, die zwei verschiedenen Händen zuzuschreiben sind. Jene Hand, die in CCl 23 das Fleuronnée eingesetzt hat (in diesem Kapitel fortan als "Florator A" bezeichnet), ist auch für das Fleuronnée in CCl 14 verantwortlich, jene Hand, von der das Fleuronnée in CCl 24 stammt ("Florator B") ist hingegen auch in CCl 10 nachweisbar. Florator A ist außerdem in den deckfarbenschmucklosen Handschriften CCl 27, 344 und 600 zu finden.
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Das Fleuronnée der Hand A ist meist bewegter, wirkt schwungvoller (man vergleiche etwa die Fadenausläufer der Fleuronnéeinitialen von CCl 23 und 24), die mäanderförmigen Enden sind in ihrem Duktus zwar nur geringfügig aber konstant von denen der Hand B verschieden: bei letzteren variiert der Abstand zwischen den Schlingen und die horizontale Breite der Schlingen weit weniger stark. Dreipunkt-Motive finden sich bei Hand B nur als Endmotive, bei Hand A hingegen häufig auch als Besatz von Fadenausläufern.

Das Fleuronnée der genannten Handschriften zeigt in größeren Binnengründen häufig kreisförmige Felder mit rosettenartig angeordneten, kurzstieligen Perlen. Die Rosetten sind bisweilen farblich voneinander abgesetzt; ihre Perlen heben sich des öfteren vor dunklem Grund als plastische Gebilde ab (z.B. CCl 10, 151v; CCl 14, 4v; CCl 24, 48v).

Mit dem Fleuronnée des Niederösterreichischen Randleistenstils (vergleiche etwa Göttweig, Cod. 5, 369r) besteht kein Zusammenhang. Demgegenüber ist das der genannten Handschriften vor allem weitaus großformiger und zeigt keine Masken. (⇒Anm. 18-1) Die Palette beschränkt sich zudem nicht bloß auf Blau und Rot; daneben wird häufig auch Violett und bisweilen auch Braun (⇒Anm. 18-2) verwendet. Vergleichbar großperlige Akanthoidrosetten als Binnengrundfüllung finden sich etwa in der Wenzelsbibel (Cvp 2759-2763) (⇒Anm. 18-3) aber auch schon in böhmischen Handschriften der sechziger Jahre des 14. Jahrhunderts – etwa im Missale des Johann von Neumarkt (Prag, Kapitelbibl., Cim. 6) (⇒Anm. 18-4).
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Das Fleuronnée der genannten Klosterneuburger Handschriften zeigt engste Beziehungen zu dem des Missales Wiener Neustadt, Neukloster, Cod. XII A 10. Vom "Florator A" stammt etwa das Fleuronnée auf 67v, auf 150v (ausgenommen Initiale I auf 150va) und die Initiale I auf 182va, wie die schwungvollen Formen der Fadenausläufer (vergleiche damit etwa CCl 23, 80v, 172v; CCl 14, 25r, 11v sowie 144r, 59v) und die mit Dreipunkt-Motiven besetzten Ausläufer (vergleiche etwa CCl 14, 4v, 73v) belegen.

Der überwiegende Teil des Fleuronnées im Wiener Neustädter Codex stammt von einer unter anderem auf 2r-54v nachweisbaren Hand, die auch in der 1397 datierten Bibel Heiligenkreuz, Cod. 1-2 vertreten ist. Die gleichförmigen Schlingen der Fadenausläufer und die Form ihrer Dreipunkt-Endmotive erinnern zwar an "Florator B" der Klosterneuburger Handschriften – man vergleiche etwa Cod. XII A 10, 16r mit CCl 344, 2r, 43r; CCl 600, 61v, 75r –, doch zeigen die Fadenausläufer des "Florators B" engere Windungen und häkchenförmige Enden – siehe z.B. die Ausläufer am unteren Seitenrand von CCl 24, 67v, 139v, CCl 27, 1r, 216r, die waagrechten Ausläufer links der Initiale auf CCl 10, 123v, 260r und die Ausläufer am oberen Seitenrand von CCl 344, 2r, 43r. Häkchenförmige Ausläuferenden vergleichbarer Form findet man im Wiener Neustädter Codex nur bei wenigen Initialen; z.B. auf 108v (S, I), 182va (D) und 182vb (I). (⇒Anm. 19-1)
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Gegen eine Zuschreibung des Fleuronnées dieser wenigen Initialen an den unter anderem auf 2r-54v tätigen Hauptflorator des Wiener Neustädter Missales spricht vor allem der Umstand, daß auch in der 1399 datierten Handschrift Brixen, Seminarbibl., Cod. A 12 – deren unfigürliche Deckfarbeninitiale zum Buchbeginn bislang dem Heinrich Aurhaym zugeschrieben wurde – neben eindeutig vom "Hauptflorator" stammendem Fleuronnée (man vergleiche etwa den Fleuronnéeschmuck Wiener Neustadt, Cod. XII A 10, 16r – Brixen, Seminarbibl., Cod. A 12, 78v; 18r – 99v; 168v – 142v) ebenfalls durch häkchenförmig abschließende Fadenausläufer charakterisiertes nachweisbar ist. Fleuronnée dieser Art – im Brixener Codex erstmals auf 93v und ausschließlich in violetter Farbe nachweisbar – findet sich etwa zur Buchinitiale auf 120v; das Formenrepertoire des Fleuronnées dieser Initiale ist eindeutig das des "Florators B" der Klosterneuburger Handschriften (man vergleiche damit etwa CCl 10, 239v und 260r).

Demselben Florator ist auf Grund der engen Übereinstimmung zur genannten Brixener Initiale auch die Fleuronnéeinitiale in St. Florian, Cod. III 205 auf 128r (⇒Anm. 20-1) zuzuweisen, und dieselbe Kraft war auch in der Handschrift Berlin, STB, Cod. germ. fol. 1109, z.B. auf 291v, tätig. [Seite 21]

Die einfachen, sorgfältig gezeichneten Buchstabenkörper der Fleuronnéeinitialen der Handschriften dieser Gruppe folgen in der Mehrzahl einem Formenkanon; eine Zuweisung eines bestimmten Fleuronnéetypus zu einem bestimmten Lombardentypus scheint nicht möglich zu sein. Während bei den genannten Handschriften Lombarden ohne oder mit Fleuronnée jeweils dieselben Formen aufweisen, zeigen in CCl 14 und im von derselben Hand geschriebenen CCl 33 nur die mit Fleuronnée ausgestatteten den üblichen Formenkanon. (⇒Anm. 21-1) Mit dem in dieser Handschriftengruppe vorherrschenden Formenkanon für Lombard-Initialen haben auch die wenigen kalligraphischen im Missale von St. Florian – mit Ausnahme der Fleuronnéeinitiale auf 128r (siehe oben) – nichts zu tun.

Die Tatsache, daß die in den genannten Klosterneuburger Handschriften tätigen Floratoren auch in Handschriften anderer Provenienz nachweisbar sind, beweist, daß es sich nur um vorübergehend im Stift tätige Kräfte handeln kann. Daß allerdings alle der heute in Klosterneuburg aufbewahrten Codices dieser Gruppe im Stift geschrieben und somit dort auch ausgeschmückt wurden, kann nicht bewiesen werden. Eine Entstehung im Stift darf meines Erachtens mit sehr großer Wahrscheinlichkeit für CCl 600 angenommen werden, da dieser Psalter der spezifischen Klosterneuburger Liturgie [Seite 22] folgt und man die als Vorlage dienende Handschrift wohl kaum als Abschrift an einen anderen Ort gebracht haben wird. Fakten, die eindeutig gegen eine Entstehung einzelner der in Rede stehenden Klosterneuburger Handschriften in diesem Stift sprechen, lassen sich nicht erbringen: Der Schenkungsvermerk auf 471r in CCl 344 muß nicht zwangsläufig bedeuten, daß das fertige Buch vom Donator übergeben worden ist, sondern könnte auch so interpretiert werden, daß dieser nur das Geld zur Anfertigung des Buches zur Verfügung gestellt hat; und das Wort "comparavit" der Schlußschrift von CCl 23-24 besagt wohl lediglich, daß ein Lohnschreiber für diese Arbeit herangezogen worden ist. (⇒Anm. 22-1)

* * *

Im folgenden soll nun untersucht werden, inwieweit auch im Deckfarbenschmuck die genannten Handschriften eine homogene Gruppe bilden. Die Klosterneuburger Handschriften schließen sich in dieser Hinsicht durch die übereinstimmenden Ranken-Blattformen (vgl. vor allem den Duktus der dreiteiligen Blatthälften) und die Art des Initialgrundrahmens der Buchinitialen eng zusammen. Denselben Rahmen zeigt die Initiale Heiligenkreuz, Cod. 1, 1r und die der Brixener Handschrift (in der Art ihrer Schaftfüllung entspricht letztere CCl 10); die Blattranken dieser beiden älteren Handschriften sind etwas kleinformiger.

Was die Ornamentik aller Handschriften dieser Gruppe miteinander verbindet, sind spezifische Formen der Buchstabenkörper-Füllung, des Initialgrundrahmens und der Binnengrundornamentik. Als Buchstabenkörper-Füllung finden sich flächige oder dreidimensional bewegte Blätter; charakteristisch für diese Handschriftengruppe sind zwei Formen von Schaftfüllungen. Die eine zeigt ein um seine Längsachse derart gedrehtes Blatt, daß die stets paarweise zusammengefaßten Blattlappen in ihrer Richtung alternieren. Diese findet sich etwa in Brixen, Seminarbibl., Cod. A 12, 2r, CCl 10, 1r, Wiener Neustadt, Cod. XII A 10, 9v, 138r, 145r, 157r (die Blattrippen werden in [Seite 23] der Regel durch zwei parallele Striche wiedergegeben) und – in einfacherer Form – bei den kleineren Initialen St. Florian, Cod. III 205, 17r, 19r, 101v. (⇒Anm. 23-1) Die andere Form der Buchstabenkörper-Füllung – mit an der Schaftkontur angesetzten, dreiteiligen, gegeneinandergerichteten Blättchen – findet sich in Berlin, STB, Cod. germ. fol. 1109, 1r, Heiligenkreuz, Cod. 1, 1r, Wiener Neustadt, Cod. XII A 10, 101r, St. Florian, Cod. III 205, 34r und 158v. Die Schaftfüllungen werden in den beiden Missalien sehr häufig von einer rundlappigen, vier- oder fünfblättrigen Blume unterbrochen (z.B. St. Florian, 88v, 107r, Neustadt, 87v, 115r); ein dreilappiges, eingerolltes Blatt im Schaft als Fortsetzung einer Balkenfüllung zeigen die Initialen St. Florian, Cod. III 205, 1r, 76r und Wiener Neustadt, Cod. XII A 10, 15v. Dort wo der Initialgrund mit einem plastischen Rahmen versehen ist, wird meist nur der innere Teil des unteren Rahmenstücks aufgehellt, während die Innenseite der übrigen Rahmenstücke gegenüber dem äußeren Teil des Rahmens abgedunkelt wird – es wird also quasi eine senkrecht über dem Rahmen stehende Lichtquelle angenommen. Die Innenkante des Rahmens wird fast immer durch eine weiße Deckfarbenlinie akzentuiert. Eine weit seltener auftretende Rahmenform zeigt CCl 23, 4r; sie findet sich auch im Missale in Wiener Neustadt auf 9v, 21v, 137r, 154v. Von den verschiedenen Hintergrundmustern sei jene, nur in den beiden Missalien (Wiener Neustadt, 5v; St. Florian, z.B. 88v) und im Budapester Lektionar nachweisbare Form erwähnt, wo jeweils die untere Hälfte jeder Raute in einem dünkleren Farbton als die obere gehalten ist.

Die Blattranken der Handschriftengruppe sind wenig charakteristisch. Sie zeigen einen freieren Verlauf als jene der Initialen der älteren Stilschicht des RD oder des Cvp 381 (vgl. etwa 5v, 19v), sie enthalten – mit Ausnahme einer stilisierten Kerzenblüte auf 1r des St. Florianer Missales, auf 1r des CCl 23 und auf 5v des Wiener Neustädter Missales – keine Blüten, die Blatthälften sind meist zwei- oder dreilappig.
[Seite 24] Im St. Florianer Missale sind gegenüber den anderen Handschriften dieser Gruppe die Blattenden häufiger kugelig eingerollt (z.B. 1r, 92v); neben den üblichen vierteiligen Blattformen finden sich dort auch solche mit betont dornartig auslaufenden Blattlappen (vgl. z.B. St. Florian, 33r-34r, 88av, 101v). Die Blattformen dieser Handschriftengruppe sind in der böhmischen und österreichischen Buchmalerei der neunziger Jahre und des ersten Jahrzehnts des 15. Jahrhunderts allgemein verbreitet (vgl. z.B. die Ranken-Blattformen der Wenzelsbibel [Kraša, Tafel X, XI, XXI] oder auf 57r des RD oder die Blattranke zwischen den Kolumnen auf 163r des RD.

Während sich die Palette der mit unfigürlichen Initialen ausgeschmückten Handschriften dieser Gruppe auf den üblichen Dreiklang von Blau (als Azurblau oder Blaugrau), Rosa und Grün (vor allem als Türkis) beschränkt (die Manschetten stets in Zinnober), findet sich in den Missalien eine reichere, vor allem um Dunkelrot und im Wiener Neustädter Missale auch um Gelb (etwa auf 117r, 152r, 154v) erweiterte Farbenskala. Die letztgenannten beiden Farben sind auch in der älteren Stilschicht des RD nachweisbar: dasselbe Rot erstmals auf 70va, Gelb (nur in sehr wenigen Fällen) erstmals auf 69rb.

* * *

Im Gegensatz zur durchaus einheitlichen Deckfarbenornamentik sind im figürlichen Schmuck der Handschriftengruppe deutlich mehrere Hände erkennbar. Im Hauptwerk der Gruppe, im Missale Wiener Neustadt, Neukloster, Cod. XII A 10, unterscheidet Schmidt (⇒Anm. 24-1) "mindestens zwei Meister: Der ältere, der das Kanonbild samt Stifter malte, hängt noch vom Frühstil des Rationale ab, besonders von dessen zweiten Meister. (⇒Anm. 24-2) Ein jüngerer Maler schuf den Rankenrahmen des Kanonbildes und die Masse der Initialen offenbar schon unter dem Einfluß des Meisters Nikolaus." Dem ersten Satz dieses Zitats ist zweifellos zuzustimmen. Gleich den Figuren des Meisters [Seite 25] II des RD handelt es sich auch bei den Assistenzfiguren der Kreuzigung um schlanke Figürchen, deren Gewand durch langezogene röhrenförmige Faltenzüge – bei Johannes auch durch eine Reihe kleiner ösenförmiger Faltentälter – gegliedert ist und gerade oder in flachen Kurven verlaufende Säume zeigt. Gegenüber der reliefartigen Johannesfigur wirkt die Maria durch die etwas wulstigeren Faltenzüge und durch ihre kurvigere Kontur plastischer. Besonders sie steht den Figürchen des Meisters II des RD nahe; man vergleiche etwa den Christus der Schlüssel-Übergabe-Szene auf 1v des RD. Demgegenüber erscheinen die Apostelfürsten auf 30v des RD etwas voluminöser.

Etwa auf dem Stilniveau des Kanonbildes stehen die Marienfiguren auf 138r, 145r und 145v des Wiener Neustädter Missales. Im rundköpfigen Gesichtstypus und in der graphischen Durchzeichnung der Haare erinnern sie an den Johannes des Kanonbildes; im Faltenstil ist vor allem die Verkündigungsmaria auf 138r mit dem Johannes vergleichbar (ihr Gewand breitet sich allerdings im Gegensatz zu dem des Johannes geringfügig am Boden aus).

Derselben Hand wie der Kanonbild-Kruzifixus des Wiener Neustädter Missales ist zweifellos auch der nur etwa 8 cm große Friedenskuß-Kruzifixus zuzuweisen. Mit ersterem stimmt auch der Kanonbild-Gekeuzigte des St. Florianer Missales engstens überein. Beide zeigen eine völlig identische Haltung und entsprechen einander auch in Details wie in der Wiedergabe des Lendentuches, des Dornenkranzes und der Finger. Oberkörper und Physiognomie des St. Florianer Gekreuzigten entziehen sich allerdings einem näheren Vergleich, da sie beschädigt sind. Von den drei genannten Gekreuzigten unterschieden sich die beiden kleinen der Gnadenstuhlinitiale (115r) und am unteren Seitenrand des Kanonbildes des Wiener Neustädter Missales (letzterer beschädigt) ikonographisch geringfügig (ihr Körper ist in Gegenrichtung des Kopfes gedreht, die Stellung der übereinandergelegten Füße ist verschieden), während stilistisch keine wesentlichen Unterschiede auszumachen sind (vgl. 115v - Friedenskuß-Kruzifixus).
[Seite 26]

Die Initialbilder auf 87v (Resurrectus), 153r (Petrus) und 154v (Anna Selbdritt) unterscheiden sich vom Rest der Initialen des Wiener Neustädter Missales vor allem durch ihre Proportionen, ihre stärkere Plastizität und den fortschrittlicheren Faltenstil. Ihre Köpfe – mit kleinen, zart eingezeichneten Details – sitzen auf einem vergleichsweise massigen Körper; man vergleiche etwa den Auferstehenden mit dem disproportionieren Christus der Palmsonntaginitiale (21v), den Petrus mit den Apostelfürsten auf 159v und die Anna mit der Maria auf 145v. Auffällig sind gegenüber den meisten der übrigen Darstellungen auch die relativ kleinen Hände mit den dünnen Fingern. Die wulstigen, an der Körperkontur ansetzenden Zugfalten beim Auferstehenden und bei Petrus vermitteln – gemeinsam mit der starken Aufhellung des von der Falten unterfangenen, vorgewölbten Körperteils – einen weit stärkeren Eindruck von Körperplastizität als die Figuren des Kanonbildes aber auch als die Apostelfürsten auf 30v des RD. Petrus und Anna sind die beiden einzigen Darstellungen, bei denen der Gewandsaum rechtwinkelig am Boden umknickt. Von den übrigen sitzenden Marien (z.B. 15v, 107r, 145v) unterscheidet sich Anna auch durch die großen, vom Knie ausgehenden Tütenfalten und durch den zweimal eckig gebrochenen Gewandteil an ihrer rechten Körperseite; und nur hier findet sich ein Sitzmöbel.

Eine größere Gruppe von Initialen (z.B. 15v, 21v, 101r, 107r, 115r, 115v, 140v, 159v), die sich durch Verwendung derselben Gesichtstypen zusammenschließt (vergleiche etwa Petrus auf 115v, 159v, 101r, 107r und Christus auf 115v, 140v), zeigt einen gegenüber den Assistenzfiguren der Kreuzigung zum Teil fortschrittlicheren Faltenstil und dürfte von jener Hand stammen, die für die Apostelfigürchen des Kanonbildes verantwortlich ist. Der dieser Gruppe zugezählte Paulus auf 159v entspricht in seinem Faltenrelief dem dritten Apostel links des Kanonbildes. Gegenüber der Verkündigungsmaria auf 138r und dem Johannes des Kanonbildes ist sein Faltenrelief großformiger und plastischer. Im Faltenstil vergleichbare Darstellungen [Seite 27] findet man auf 30v und 57v des RD. So ist die Drapierung des Christus der Trinitätsdarstellung auf 30v des RD gut mit der Gottvaters auf 115r und der des Christus auf 140v des Wiener Neustädter Missales vergleichbar (der Faltenstil des letzteren ist gegenüber dem der beiden anderen genannten Darstellungen geringfügig knittriger), und die sich vom Körper ablösenden Falten auf 115v des Wiener Neustädter Missales begegnen auch beim sitzenden Apostel der Abendmahlszene auf 57r des RD.

* * *

Die von Schmidt a.O. angenommene Beeinflussung des Stils der Apostelfigürchen des Kanonbildes ist meines Erachtens nicht eindeutig zu erkennen. Das Faltenrelief der halbfigurigen Heiligen der Rankenmedaillons auf 274r des RD und der zum größten Teil wohl ebenfalls dem Nikolaus zuzuschreibenden Initialbildchen auf 195-204, 215-224 und 235-255 derselben Handschrift (⇒Anm. 27-1) ist in der Regel einfacher und plastischer, die Wirkung der Figuren monumentaler (siehe etwa RD, 274r - Katharina, 196va, 201vb, 202va, 203rb). Von den Initialdarstellungen des Wiener Neustädter Missales gehen zwar einige eindeutig über das Stilniveau der jüngeren Stilschicht des RD hinaus (z.B. 15v, 140v, 153r, 154v), jedoch können auch hier keine konkreten Beziehungen zu Werken des Illuminators Nikolaus nachgewiesen werden.

* * *

Daß das Missale Sankt Florian, Cod. III 205 in derselben Werkstätte wie das Wiener Neustädter Missale entstanden ist, wird nicht nur durch die Fleuronnéeinitiale Sankt Florian, Cod. III 205, 128r belegt, sondern auch durch stilistische und ikonographische Beziehungen zwischen den beiden Handschriften. Die historisierten Initialen des St. Florianer Missales sind in der Regel um ein bis zwei Drittel kleiner als die des Wiener Neustädter Missales, und auch die Figuren sind – wenn auch nicht in demselben Verhältnis – verkleinert worden. Demzufolge sind die Darstellungen der erstgenannten Handschrift gedrängter, überschneiden die Akteure häufiger den Bildrand [Seite 28] und sind des öfteren fragmentiert (vgl. z.B. Wiener Neustädter Missale, 15v, 101r, 138r mit St. Florianer Missale, 4r, 19r, 105r). Die Figürchen in St. Florian sind plumper, häufiger disproportioniert, ihr Faltenwurf ist summarischer und großformiger (vgl. St. Florin 4r – Wiener Neustadt 15r); ihre Gesichter zeigen weniger graphische Details (vgl. die Petrus-Physiognomien St. Florian 20r, 92v – Wiener Neustadt 21v, 101r), doch bisweilen Ansätze zu einer Individualisierung (Chorherren auf 120v, Johannes auf 94r), die sich in den technisch in der Regel höherstehenden Gesichtern des Wiener Neustädter Missales nicht finden.

* * *

In der besseren Ausführung unterscheidet sich das Kanonbild des St. Florianer Missales von den meisten der übrigen Darstellungen. Auf die enge Übereinstimmung der Gekreuzigten der mit einem völlig identischen Rahmen versehenen Kanonbilder beider Missalien wurde bereits hingewiesen. Das Motiv des in der Armbeuge eingeklemmten Gewandzipfels des St. Florianer Johannes findet sich lediglich im Wiener Neustädter Missale wieder (Verkündigungsmaria auf 138r, zweiter Apostel rechts des Kanonbildes), das von einer schlaufenförmigen Röhrenfalte eingeschriebene Knie des Johannes begegnet etwa auch beim Christus der Abendmahlszene auf 57r des RD. Gegenüber dem Wiener Neustädter Kanonbild sind die Gesichter der Assistenzfiguren weniger detailliert ausgeführt, ihre Körper sind kräftiger gebaut; auch ein Detail wie die unterschiedliche Wiedergabe der Füße des Johannes (in derselben Form wie bei Johannes von St. Florian auch beim Petrus auf 275r dieser Handschrift) spricht wohl eindeutig gegen die Zuschreibung der beiden Kanonbilder an dieselbe Hand. Die Darstellungen des St. Florianer Missales stammen höchstwahrscheinlich von einer einzigen Hand; der etwas altertümliche Charakter des Kanonbildes ist eventuell auf die Vorlage zurückzuführen. Im Faltenstil stehen die Initialbildchen auf demselben Niveau wie der Großteil der Wiener Neustädter Darstellungen (vgl. z.B. St. Florian, 1r, 33r – Wiener Neustadt, 15v). [Seite 29]

Einen engen ikonographischen Zusammenhang, der die Benutzung desselben Vorlagenmaterials beweist, zeigen die beiden Darstellungen der Segnung des Bissens beim Letzten Abendmahl (St. Florian, 94r – Wiener Neustadt, 115v). Übereinstimmung besteht sowohl in der Anordnung der Akteure um einen runden Tisch als auch in zahlreichen Details (Typen, Bewegungen, Drapierungsformeln). Da das zur Verfügung stehende Bildfeld im St. Florianer Missale etwa um ein Drittel kleiner ist, andererseits aber die Figürchen in beiden Darstellungen etwa gleich groß sind, wurden in St. Florian die beiden Apostel der mittleren Bildebene weggelassen und wurde gleichzeitig der Bildausschnitt verkleinert, so daß sich Judas nun nicht mehr auf sein Knie sondern auf den Wulst des Buchstabenkörpers stützt. Außerdem wurden die Akteure enger zusammengerückt. Der in Seitenansicht gesehene Judas findet sich auch in der Abendmahlszene auf 57r des RD; dort allerdings als Empfänger des ihm von Christus dargereichten Bissens. (⇒Anm. 29-2) Ein möglicher Zusammenhang besteht auch zwischen den beiden Himmelfahrtsdarstellungen (St. Florian, 19r – Wiener Neustadt, 101r). Hier beschränkt sich die Übereinstimmung allerdings lediglich auf die Tatsache, daß in beiden Darstellungen ein in Rückansicht gegebener Apostel von Akteuren – deren Zahl in St. Florian aus Platzgründen reduziert worden ist – mit identischer Kopfhaltung flankiert wird. Gegen eine direkte Abhängigkeit mancher Darstellungen des St. Florianer Missales von denen des Wiener Neustädter Missales spricht die unterschiedliche Provenienz der beiden Handschriften. Erstere ist auf Grund ihres Inhalts wohl in St. Florian geschrieben und daher dort auch ausgeschmückt worden, das Wiener Neustädter Missale ist hingegen höchstwahrscheinlich in Wiener Neustadt entstanden. (⇒Anm. 29-3) [Seite 30]

Im Zusammenhang mit der Besprechung des St. Florianer Missales III 205 sagt Schmidt: "Bemerkenswert ist etwa die Übereinstimmung des Figurenstils (nicht des Rankenwerks!) mit sicher in Wien oder Niederösterreich illuminierten Handschriften wie Klosterneuburg, Cod. 23 (1401 datiert)..." (⇒Anm. 30-1). Im Faltenstil vergleichbare Darstellungen gibt es sowohl im Missale von St. Florian (am besten vergleichbar der Augustinus auf 120v, demgegenüber die ebenfalls vergleichbaren Darstellungen auf 33r und 158v von deutlich schwächerer Qualität sind) als auch im Wiener Neustädter Missale (z. B. die Maria auf 15v, während die Anna auf 154v bereits einen fortschrittlicheren Faltenstil vertritt). In der gegenüber den St. Florianer Darstellungen sorgfältigeren Malweise und vor allem auch in der Zeichnung der Physiognomien (vgl. z.B. den knienden Autor aus CCl 23 mit dem Petrus auf 101r des Wiener Neustädter Missales) steht jedoch das Widmungsbildchen aus CCl 23 dem Wiener Neustädter Missale näher. Für das großformige Rankenwerk dieser Initiale gibt es in den Blattranken des Kanonbildes und der Kalenderblätter des Wiener Neustädter Missales die stärksten Parallelen. So findet sich die Form der dreiteiligen Blatthälften, die eines mit einer Art Zipfel versehenen tropfenförmigen Blattzwickel-Goldfeldes und die der Kerzenblüte von CCl 23, 1r in den Ranken auf 5v des Wiener Neustädter Missales in derart ähnlicher Form, daß wohl auch aus diesem Grund die Tätigkeit des Illuminators von CCl 23 im Wiener Neustädter Missale angenommen werden darf.

Der Handschriftengruppe um das Wiener Neustädter Missale ist schließlich auch noch das in der kunsthistorischen Literatur noch nicht behandelte Lektionar in der Bibliothek [Seite 31] der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (⇒Kat.-Nr.27) zuzuzählen. (⇒Anm. 31-1) Das Kalendar dieser Handschrift weist eindeutig auf eine Entstehung in der Diözese Salzburg (⇒Anm. 31-2); die Handschrift könnte somit etwa für eine Kirche in Wiener Neustadt, das im Mittelalter ja zur Salzburger Diözese gehörte, angefertigt worden sein. Dazu kommt, daß die Schrift des Wiener Neustädter Missales und des Budapester Lektionars einen so weitgehend verwandten Duktus zeigt, daß derselbe Schreiber angenommen werden könnte. Das Ornamentvokabular des Budapester Lektionars läßt sich in den beiden oben genannten Missalien nachweisen. Einen identisch relieferten und auf die gleiche Weise beleuchteten Rahmen zeigen die Kanonbilder der beiden Handschriften; stilisierte Blüten derselben Form wie im Schaft der Initiale zieren im Wiener Neustädter Missale den Grund des Kanonbildes und den Schaft der KL-Initiale auf 3r; die Form der Rautenmusterung in einem Blattmedaillon am rechten Seitenrand ist in beiden Missalien zu finden (siehe oben). Das Rahmensystem hat seine stärksten Analogien in dem Lyra-Meister zugeschriebenen Handschriften (Cvp 2783, 1r; New York, Pierpont Morgan Library, M.853, 2r), die Blattformen [Seite 32] entsprechen sowohl denen der historisierten Initialen des Wiener Neustädter Missales als auch jenen der oben genannten Lyra Meister-Handschriften.

Im Figurenstil des Lyra-Meisters und der beiden Missalien lassen sich jedoch keine wirklich überzeugenden Parallelen zum Paulus des Budapester Lektionars finden. Mit dem Lyra-Meister ergeben sich nur allgemeine Berührungspunkte, etwa in der Verwendung eines Strahlenkranzes (einen sehr ähnlichen Strahlennimbus zeigt jedoch auch die Maria auf 145r des Wiener Neustädter Missales) und in der guten Qualität der Darstellung. Einem Vergleich mit dem oeuvre des Lyra-Meisters steht vor allem auch entgegen, daß eine frontal gesehene Vollfigur von der Hand desselben nicht bekannt ist. Ikonographisch entspricht der Paulus etwa dem auf 275r des St. Florianer Missales, im Figurenstil ergeben sich jedoch keine Berührungspunkte. Auch gegenüber dem Paulus auf 159v des Wiener Neustädter Missales unterscheidet sich der Budapester Apostelfürst vor allem durch den massigeren Körper und durch die reichere Binnenzeichnung des Gewandes. In den Körperproportionen ist letzterer mit dem Christus auf 87v und dem Petrus auf 153r des Wiener Neustädter Missales vergleichbar, jedoch zeigen diese wiederum einen anderen Faltenstil. Der Petrus des Budapester Lektionars bleibt somit das qualitätvolle Werk eines ansonsten in der Buchmalerei im Wiener Raum um 1400 nicht nachweisbaren Künstlers.

Die aufgezeigten Zusammenhänge zwischen den in diesem Abschnitt behandelten Handschriften rechtfertigen es meiner Meinung nach, in ihnen Produkte einer von 1397 (Heiligenkreuz, Cod. 1-2) bis 1404 (CCl 10) verfolgbaren Werkstätte zu sehen. Mitglieder derselben waren mit Sicherheit in Klosterneuburg und Wiener Neustadt tätig. Dabei ist anzunehmen, daß – analog etwa zu den Handschriften des Niederösterreichischen [Seite 33] Randleistenstils – auch in dieser Werkstatt einzelne Kräfte sowohl an Fleuronnéeinitialen wie Deckfarbeninitialen gearbeitet haben. (⇒Anm. 33-1)

In den engsten Umkreis der Wiener Hofwerkstätte weist der Deckfarbenschmuck des Melker Codex 1881 (⇒Kat.-Nr.35). Er ist – vor allem auf Grund der verwendeten Einbandstempel - eindeutig in Wien entstanden. Da dasselbe Stempelmaterial im wesentlichen nur auf Einbänden des 1414 gegründeten Stiftes St. Dorothea nachweisbar ist, ist der Codex somit entweder erst nach 1414 in St. Dorothea gebunden worden oder der Einband ist als Produkt einer Wiener Buchbinderwerkstätte aufzufassen, von deren Stempeln einige später in den Besitz des genannten Stiftes übergegangen sind. Unterstützt wird die Lokalisierung nach Wien durch die Tatsache, daß der aus dem Besitz des Hinricus Weyss – Chormeister zu St. Stephan zu Wien – stammende CCl 16 (datiert 1401) auf derselben Papiersorte geschrieben worden ist. Von den beiden in sehr hellem Rosa, Grün und Blau gehaltenen Deckfarbeninitialen der Handschrift auf 29r und 30v (die zweite Initiale dürfte auf Grund ihrer etwas einfacheren Formen von anderer Hand stammen) zeigt besonders die historisierte Initiale auf 29r enge Beziehungen zur Buchmalerei der sog. "Hofwerkstätte". Ihre Buchstabenkörperfüllung beziehungsweise Rankenausläufer stimmen mit jenen der dem Lyra-Meister zugeschriebenen Blätter Cvp 2783, 1r und New York, Pierpont Morgan Library, M. 853, 2r eng überein. Völlig identisch ausgebildete Buchstabenkörperfüllungen – jedoch nicht vergleichbare Rankenausläufer – zeigen zwei aus einem St. Pöltner Missale von 1400/1410 stammende D-Initialen. (⇒Anm. 33-2) Für Initialen mit in Form von Akanthusblättern hälftig geteiltem Buchstabenkörper wie etwa auf 36v der Melker Handschrift lassen sich im [Seite 34] RD einige wenige analog aufgebaute Deckfarbeninitialen nachweisen (z.B. auf 117va, 158vb). Das kleine Autorfigürchen (sein schräggestelltes Pult erinnert an das des Lukas in Cvp 2783, 1r) wird durch seinen energischen Gesichtsausdruck mit den deutlich herausgearbeiteten Gesichtsdetails (vgl. als Gegensatz den Autor auf 1r des 1401 datierten CCl 23) als Vertreter der Stilrichtung des vor 1395 zu datierenden Bl. 42r des RD ausgewiesen (vgl. vor allem die Physiognomien der größenmäßig in etwa entsprechenden Medaillon-Szenen). [Seite 35]

Notizen zu Heinrich Aurhaym

Wie im letzten Kapitel ausgeführt wurde, ist die Handschrift Brixen, Seminarbibl., Cod. A 12 (⇒Kat.-Nr.24) eindeutig dem Heinrich Aurhaym abzusprechen. Hingegen ist er mit Sicherheit in den in der Literatur noch nicht genannten Handschriften Heiligenkreuz, Cod. 5 (⇒Kat.-Nr.30), St. Florian, Cod. XI 478 (⇒Kat.-Nr.31) und im 1415 datierten CCl 1191 (⇒Kat.-Nr.29) nachweisbar.

Der Heiligenkreuzer Codex befand sich – nach einer Eintragung auf Bl. I*r zu schließen – ursprünglich im Besitz des Matthias Scheit, Bischof von Seckau 1481-1512. (⇒Anm. 35-1) Da der Einband der Handschrift einer Gruppe von nach Heiligenkreuz lokalisierten und ins späte 15. und beginnende 16. Jahrhundert datierten Einbänden angehört (⇒Anm. 35-2), dürfte der Codex als Geschenk aus dem Besitz des Mathias Scheit in den des Klosters übergegangen sein. Im St. Florianer Brevier, dessen Grundstock aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt, hat Aurhaym nur eine Gruppe von Nachträgen ausgeschmückt. Im Brevier CCl 1191 (datiert 1415) war er gemeinsam mit zwei anderen, wenig bedeutenden Händen tätig. Die Provenienz dieser Handschrift weist ebenfalls in die Diözese Gurk; der Codex stammt aus dem Besitz des 1440 verstorbenen Petrus Semler, Propst von Straßburg in Kärnten.

Neben Rein – wo die Handschriften Cvp 1854 (⇒Kat.-Nr.32) und Ser.n. 89 entstanden – und Sankt Pölten (Brevier XI 478) [Seite 36] war Heinrich Aurhaym somit wahrscheinlich auch in Straßburg, der zeitweiligen Residenz der Gurker Bischöfe tätig, wo auch Koloman von Mannswerd, Pfarrer von Krainburg, Auftraggeber zweier von Aurhaym illuminierter Handschriften (⇒Anm. 36-1) Kanoniker war.

Die Ornamentik des St. Florianer Breviers geht mit ihren flächigen Blattfüllungen (vgl. St. Florian XI 478, 387r – CCl 4, 127r) und den einfachen, vierteiligen Blättern nicht über die des CCl 4 und der 1410 datierten Moralia-Handschrift des Koloman von Mannswerd hinaus, ist daher wahrscheinlich noch im ersten Jahrzehnt entstanden. Die Heiligenkreuzer Bibel zeigt gegenüber CCl 4 und der Moralia-Handschrift kompliziertere Ranken-Blattformen und häufig auftretende – in CCl 4 noch unbekannte – wellenförmig bewegte Blattranken als Buchstabenkörperfüllung. Ihre Ornamentik entspricht den von Oettinger (⇒Anm. 36-2) überzeugend in das zweite Jahrzehnt datierten Aurhaym-Handschriften: Man vergleiche die Rankenblattformen in Heiligenkreuz, Cod. 5, 1v, 214r mit Ser.n. 89, 2r oder Heidelberg, Cod. pal. germ. 329, 20v oder CCl 1191, 45v und die Buchstabenkörperfüllungen der Initialen Heiligenkreuz, Cod. 5, 1r, 35r, 62r mit jenen der Heidelberger Handschrift auf 22v oder mit CCl 1191, 64r.

Alle Handschriften, in denen Deckfarbeninitialen des Heinrich Aurhaym nachweisbar sind, zeigen – mit Ausnahme des CCl 1191 – auch Fleuronnéeinitialen (z.B. St. Florian, Cod. XI 478, 314v, CCl 4, 179r, Heiligenkreuz, Cod. 5, 1r, 20r, Cvp 1854, 21r, Ser.n. 89, 2v, Heidelberg, Cod. pal. germ. 329). Wie bei den Handschriften der Gruppe um das Wiener Neustädter Missale XII A 10 (vgl. z.B. CCl 23, 172v) zeigt der Binnengrund der Initialen meist großperlige Akathoidrosetten, die sich hier stets vor dunklem Grund plastisch abheben. An der Außenkontur der Buchstabenkörper setzen häufig Perlenstäbe an. Kennzeichnend für das zweifellos von einer einzigen [Seite 37] Hand stammende Fleuronnée der Aurhaym-Handschriften (⇒Anm. 37-1) sind vor allem die an der Peripherie des Fleuronnéegrundes und an den Fadenausläufern angesiedelten Perlengruppen mit interpolierten Spitzen und die bündelartig verlaufenden Fadenfortsätze, die stets in auf identische Weise gezeichnete Dreiblattmotive enden.

Als Buchstabenkörper der Fleuronnéeinitialen diesen einfache Lombarden in Rot, Blau oder Gold oder Deckfarbeninitialen mit Blattfüllung; als Fleuronnéefarben werden Rot, Blau und – vor allem bei den Deckfarben-Buchstabenkörpern – Gold verwendet. Daß das Fleuronnée von der Hand des Heinrich Aurhaym stammt, wird durch übereinstimmende Blattfüllungen aller Deckfarben-Buchstabenkörper belegt (vgl. z.B. die Blattfüllungen der Initialen Heiligenkreuz, Cod. 5, 1r-35r). Daß auch die Lombarden-Buchstabenkörper der Fleuronnéeinitialen von seiner Hand stammen, wird durch ihre mit den Deckfarbeninitialen übereinstimmenden Formen nahegelegt. Dieselben Formen zeigen auch alle fleuronnéelosen Lombarden des Grundstocks von Cvp 1854 und des CCl 4.

Daß Aurhaym auch als Schreiber tätig war, geht aus dem Kolophon auf 104v des 1415 datierten Cvp 1854 (⇒Kat.-Nr.32) hervor, wovon er allerdings nur den 112 Blatt umfassenden Grundstock geschrieben hat. Diesen Teil und den reich illuminierten, in seiner Provenienz nicht näher bestimmbaren CCl 4 – dessen weniger kalligraphische Schrift nicht eindeutig mit der des Aurhaym identifiziert werden kann – hat Aurhaym zur Gänze ausgeschmückt, das heißt, Deckfarbeninitialen, Fleuronnée und die einfachen Lombard-Initialen sind seiner Hand zuzuschreiben.

Die drei hier erstmals für Aurhaym in Anspruch genommenen Handschriften zeigen eine einzige figürliche Darstellung, eine Miniatur des Sündenfalls auf 1v der Heiligenkreuzer [Seite 38] Bibel. Adam und Eva sind in ihren überschlanken Gliedmaßen und im grünlichen Inkarnat etwa den Aktfiguren auf 67v (Jesus und Johannes taufen) und 105r (Jesus heilt einen Besessenen im Gerasenerland) von CCl 4 vergleichbar. Die ersten, mit Goldtinte in Textura geschriebenen Worte des Schöpfungsberichtes neben der Sündenfall-Miniatur sind – wie ein Schriftvergleich mit dem von Aurhaym geschriebenen Teil des Cvp 1854 zeigt – von der Hand des Illuminators eingesetzt worden.

Schmidt (⇒Anm. 38-1) hat auf den dem Heinrich Aurhaym verwandten Stil eines nachgetragenen Gekreuzigten im Missale Sankt Florian, Cod. III 205, hingewiesen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß ein Aufenthalt Aurhayms um 1410 in St. Florian nachgewiesen ist, erscheint eine Ausführung dieses Bildchens durch ihn bei dieser Gelegenheit denkbar. Auch der Rahmen der Miniatur zeigt die bei Aurhaym übliche Form, für die vor allem die markierten Gehrungsstellen (vgl. z.B. CCl 4, 40rb) charakteristisch sind.

Von den Erzeugnissen der Buchmalerei im Wiener Raum in den ersten beiden Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts zeigen lediglich einige Initialen in den 1403 datierten Cvp 1183-1184 (⇒Anm. 38-2) eine zu Heinrich Aurhaym ähnliche Stilrichtung. So ist z.B. der Isaias auf 1v von Cvp 1184 in Qualität, Gesichtstypus, Inkarnat (Olivgrün mit zarten weißen und roten Pinselstrichen) und strichlierender Malweise des stellenweise stark aufgehellten Gewandes etwa den Figuren der Epiphanieszene auf 40r in CCl 4 vergleichbar. Für den Rankenstil des Aurhaym und für einige seiner Ornamentmotive wie die charakteristischen Blattrosetten in den Buchstabenkörperschäften, die geschlitzten Blätter und gerippten Blattstengel lassen sich hingegen weder in genannter Handschrift noch in anderen Werken der österreichischen Buchmalerei überzeugende Analogien nachweisen. [Seite 39]

Das Rationale Durandi (Cvp 2765) – Die Stilschicht von 1404/06.

Dazu zählen der durch die Darstellung Herzog Wilhelms auf 1404/06 zu datierende Deckfarbenschmuck zu Beginn des sechsten und siebenten Buches (163r, 274r) (⇒Anm. 39-1) sowie die vier- bis fünfzeiligen Kapitelinitialen dieser Bücher, deren Initialbildchen zum Großteil mit 163r oder 274r in Zusammenhang stehen. Im folgenden soll zunächst untersucht werden, ob Bl. 163r und 274r, deren Deckfarbenschmuck von Schmidt (⇒Anm. 39-1) dem Illuminator Nikolaus zugeschrieben wird, eine stilistische Einheit bilden.

274r zeigt gegenüber 163r eine weniger kleinteilige Gesamtkonzeption des Deckfarbenschmucks, Rankenblätter abweichender Form und teilweise auch unterschiedlicher Farbe, monumentalere und größtenteils auch qualitätvollere Figuren und einen anderen Petrus-Typus (siehe die unterschiedliche Haartracht des Petrus der Himmelfahrt auf 163r und des Petrus in der rechten Bordüre auf 274r).

Auf 274r gibt es nur mehr drei Bas de page-Medaillons; die Figurenfelder der Seitenbordüren sind hochoval (für die Binnengründe der Medaillons werden neben Rosa und Blau nun auch – wie in CCl 65-68 – auch Schwarz und Braun verwendet). Die in ununterbrochener Wellenform verlaufende Ranke zeigt größere, an der Spitze häufig gebeulte Blattformen. Diese Blattformen, denen jene der Ausläufer der Augustinusinitiale auf 310r im wesentlichen entsprechen, finden sich nebst anderen im RD spätestens ab 185v; man vergleiche etwa 274v mit 185v und 186rb oder 310r mit 188v, 191v und 194v.

Die monumentalere Wirkung der Figuren auf 274r ist nicht bloß ein Ergebnis der veränderten Konzeption der Bordüren; die Intention des Illuminators zu gewaltigeren Figuren [Seite 40] kommt auch darin zum Ausdruck, daß Maria, Christus und Johannes, die auf 163r als Vollfiguren gegeben sind, auf 274r zu voluminöseren Dreiviertelfiguren umgebildet wurden.

In den Physiognomien gibt es Unterschiede sowohl zwischen Darstellungen desselben Blattes (auf 163r etwa zwischen Christus am oberen Seitenrand und den Figürchen der unteren Medaillons, auf 274r zwischen kniendem Herrscherpaar und Begleitpersonen) als auch zwischen solchen auf 163r und 274r. Auf 274r sind sie in der Regel weniger püppchenhaft, zeigen meist mehr Details, ihr Inkarnat (vor allem das der Heiligen der Seitenbordüren) ist fleckiger. Daß diese Unterschiede nicht allein als Folge des veränderten Maßstabes der Figuren aufgefaßt werden können, zeigen die Verschiedenheiten bei größenmäßig vergleichbaren Darstellungen des Christus in der oberen Bordüre sowie bei den Darstellungen Erzherzogs Wilhelm. Letzterer ist auf 274r in der Herausarbeitung der Gesichtsdetails wie in der Wiedergabe der in lange Locken gedrehten Haare (anstelle der schematischen Haarsträhnen auf 163r) weit detaillierter dargestellt und steht dem Wilhelm der Handschrift New York, Pierpont Morgan Library, M 853 näher als dem auf 163r. Hingegen ist das Gesicht Gottes auf 274r ausdruckloser als das des Christus in der Mandorla auf 163r, dessen energisches Antlitz mit den zusammengezogenen Augenbrauen an das des Augustinus auf 240vb erinnert. Das stark changierende Rosa des Gewandes des rechten Engels findet sich nur auf 274r wieder; die Engelsfiguren dieses Blattes zeigen zudem dieselbe Zeichnung der Flügelfedern, die gegenüber der auf 42r des RD weniger schematisch ist.

Beziehungen zwischen 163r und 274r sind vor allem durch den verwandten Faltenstil gegeben, wobei ein mit 274r verwandter Faltenstil auf 163r vor allem in den Medaillons am unteren Seitenrand auftritt – besonders deutlich in der Gewanddrapierung des Moses, die die der Johanna Durazzo wiederholt, während die restlichen Darstellungen [Seite 41] (z.B. Maria links oben, Posaunenengel) ein einfacheres, seichtes Faltenrelief aufweisen. (⇒Anm. 41-1)

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Abgesehen von der Feststellung Oettingers (⇒Anm. 41-2), daß alle Initialen ab 237r dem Meister Nikolaus zuzuweisen sind, ist eine Händescheidung an der Masse der kleinen Initialen des RD oder eine Zuordnung von Einzelinitialen oder Initialgruppen an die am Deckfarbenschmuck der Buchanfänge beteiligten Illuminatoren noch nicht vorgenommen worden. Vorweggenommen sei, daß zwischen den Tätigkeitsbereichen der einzelnen Kräfte keine scharfen Grenzen gezogen werden können. Nicht nur hat man damit zun rechnen, daß einzelne Kräfte sich ohne gleichbleibendes System an der Ausschmückung des Textes abgewechselt haben; die Initialbildchen sind teilweise auch zu klein und/oder von zu schlechter Qualität, um Anhaltspunkte für einen stilistischen Vergleich zu gewinnen. Dazu kommt, daß auch der einfache Faltenstil der meist nur halbfigurigen Initialbildchen häufig keinerlei für einen Stilvergleich verwertbare Charakteristika bietet. Auch in der Ornamentik sind keine Zäsuren feststellbar, die mit einem Handwechsel bei den figürlichen Darstellungen zusammenfallen würden.

Trotz der oben geäußerten Schwierigkeiten lassen sich doch Gruppen von Initialbildern feststellen, die eindeutige Beziehungen im Stil und/oder in den verwendeten Typen zum Deckfarbenschmuck der Buchanfänge aufweisen. So finden sich in den Quinionen 175-194 Initialbilder, die eindeutig mit 163r, in den beiden Quinionen 235-255 Initialbilder, die mit 274r in Zusammenhang stehen. Die Ausstattung der Lage 195-204 wirkt hingegen uneinheitlich; [Seite 42] die vier Bildchen der Lage 215-224 entsprechen jenen von 235-255. Die übrigen Lagen der Stilschicht von 1404/06 (205-214, 325-234, 255-322) sind hingegen nur mit unfigürlichen Initialen ausgestattet.

Die Initialfigürchen der Lagen 175-194 sind fast durchwegs Halbfiguren. Ihre Inkarnatfarben – Rot, Weiß und Grün – sind in feinster, dicht in Vertikalrichtung nebeneinandergesetzten Pinselstrichen eingetragen (z.B. 175v, 176r). Für eine Charakterisierung des Faltenstils geben die Bildchen keine Anhaltspunkte; ein Motiv wie das beim Verkündigungsengel auf 175vb unter dem Arm geraffte Gewand mit umgeschlagenen Saum findet sich bei verschiedenen Händen zuzuschreibenden Initialdarstellungen des RD (z.B. 93ra, 101ra, 196va).

Sucht man im RD nach verwandten Typen, so ergeben sich die engsten Beziehungen zu 163r. So zeigt die Maria auf 176rb denselben runden Kopf und dieselbe Wiedergabe der Haare (über Hellbraun sorgfältig in Gelb eingezeichnet) wie die Maria der Geburtsszene auf 163r. Die Inkarnatfarben sind sorgfältiger als bei dem kleineren Figürchen auf 163r verrieben. Ebenfalls der Hand auf 163r zuzuweisen ist der Petrus auf 194v. In seiner Haartracht entspricht er dem Petrus der Himmelfahrt; denselben Typus vertritt auch der Josef der Geburtsszene. Ersterer unterscheidet sich deutlich vom Petrus-Typus auf 274r und der von derselben Hand stammenden Initiale auf 252ra. Gegenüber dem Petrus auf 138r sind die Physiognomien der genannten Petrus-Darstellungen weniger haptisch ausgebildet. Der Adam der Initiale auf 191v stimmt mit dem auf 163r auch im Aussehen des Blattbüschels und in der Art wie dieses gehalten wird überein.

Die Grenze zwischen den 138r und 163r zuzuordnenden Initialbildchen dürfte bei den Christusfigürchen auf 135va oder 155va zu ziehen sein. Initialbildchen wie der Schmerzensmann auf 115va und der Prophet auf 132va sind eindeutig [Seite 43] noch der auf 138r tätigen Hand zuzuweisen (⇒Anm. 43-1). Hingegen erinnert der Christus auf 135va in der gegenüber 115va summarischeren Behandlung des Gesichtes, mit seinen punktförmigen Augen und dem Inkarnat, in dem die roten und weißen Pinselstriche deutlich erkennbar sind, an die Himmelfahrt-Figürchen auf 163r, und der Christus auf 155va vertritt mit seiner spitzovalen Kopfform einen von 138r abweichenden Typus. Zudem zeigt er dieselben eingentümlich gelenklosen Finger wie der Adam auf 191va (und wie der allerdings weit qualitätvollere Schmerzensmann des in wenigen Fragmenten überlieferten, etwa gleichzeitigen St. Pöltner Missales) (⇒Anm. 43-2).

Die Initialgruppe der Blätter 195-204 zeigt zu den auch größenmäßig entsprechenden Heiligenfiguren der Seitenbordüren auf 274r deutliche Übereinstimmungen. Wie dort handelt es sich um Dreiviertel-Figuren, deren Mantelumhang stark plastische Schüsselfalten ausbildet. Gleich der Katharina auf 274r wird meist nur eine einzige dieser Falten gegeben, welche parallel zum schräg geführten Mantelsaum verläuft (z.B. 196va, 201vb, 202va, 203rb). Das Inkarnat ist in der Regel wie bei den Heiligen auf 274r stark fleckig; deutlich sind etwa beim Johannes auf 203rb die roten und weißen Pinselstriche und grünen Schatten erkennbar.

Einige der qualitativ minderwertigeren Initialdarstellungen müssen wohl einer anderen Hand zugewiesen werden. So [Seite 44] etwa der Prophet auf 198rb (man vergleiche damit den typenmäßig entsprechenden, qualitätvolleren und monumentaler wirkenden Propheten auf 202va) und der Augustinus auf 197ra, dessen püppchenhaftes Antlitz sich in den Heiligenfiguren auf 163r wiederfindet.

Von den insgesamt nur vier Bildinitialen der Lage 215-224 gleicht der im Profil gesehene Kleriker auf 217ra im Typus wie in der offenen Malweise des Gesichtes dem Wilhelm auf 274r, die Maria auf 222vb – die wie der Schmerzensmann auf 202vb einem Triptychon in der Art des im mittleren Medaillon auf 274r dargestellten entnommen sein könnte – schließt in der Figurenbewegung und harmonischen Faltengebung an Initialbilder wie auf 203rb an.

Von der auf den Blättern 195-204 und 215-224 vorherrschenden Hand stammt auch der Großteil der Initialbilder von 235-255. Dieser Kraft sind etwa zuzuschreiben der Laurentius auf 251rb, der Petrus auf 252ra – der genauso in der rechten Bordüre auf 274r wiederbegegnet –, der König auf 252va oder der Augustinus auf 240vb, der mit seinen zusammengezogenen Augenbrauen nicht nur an den Augustinus auf 274r sondern auch an den Weltenherrscher auf 163r erinnert. Von den beiden letzten Darstellungen des RD (232rb, 325rb) schließt nur die erste stilistisch an den Hauptmeister der Initialbilder von 1404/06 an.

Rund die Hälfte der um 1404/06 ausgeschmückten Lagen ist ausschließlich mit unfigürlichen Deckfarbeninitialen versehen worden. Diese unterscheiden sich von denen der benachbarten Lagen vor allem durch meist kürzere Rankenausläufer und häufig auch durch einfache, im RD ansonsten nicht nachweisbare Blattformen (⇒Anm. 44-1). [Seite 45] Besonders eng ist der Zusammenhang einzelnen Blattausläufer der Initialen dieser Gruppe zur Ornamentik der St. Pöltener Missale-Fragmente (⇒Anm. 45-1) und eines mit unfigürlichen Initialen derselben Hand ausgestatteten Psalters aus dem Augustinerstift Dürnstein. Nur bei diesen Handschriften – etwa in der Marientod-Initiale des St. Pöltener Missales (⇒Anm. 45-2) findet sich das im RD beispielsweise bei den Initialen auf 213va und 214vb nachweisbare Motiv der eingeschlagenen dreilappigen Blatt-Teile wieder. Was allerdings die Art der Buchstabenkörperfüllung betrifft, so gibt es keinerlei Übereinstimmung der in Rede stehenden Gruppe von RD-Initialen zu denen der verglichenen Handschriften, wohl aber zu Initialen der benachbarten Lagen im RD – man vergleiche etwa die identische Schaftfüllung durch eine Abfolge von Punkten und Querstrichen auf 234r und 237v.

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Bl. 138r des RD – nach Holter (⇒Anm. 45-3) 1404/06, nach Schmidt (⇒Anm. 45-4) eventuell schon 1395/1400 entstanden – steht den 1404/06 datierbaren Blättern 163r, 274r näher als den vor 1395 entstandenen 30v, 42r und 57r. Für die Datierung Schmidts spricht, daß der Internationale Stil in Form von schlankeren Figuren und stoffreicheren Gewändern auf 163r weit deutlicher in Erscheinung tritt als auf 138r (man vergleiche etwa die Kreuzigung auf 138r mit der Himmelfahrt auf 163r).

In der Konzeption des Randschmucks und in den Blattformen ist 138r hingegen 274r eng verwandt. Während auf 30v, 42r und 57r der die Schriftkolumnen eingrenzende Schmuck aus drei, in loser Verbindung miteinander stehenden Elementen besteht (Rankenbordüre am rechten, linken und oberen Seitenrand mit kreisrunden oder ovaloiden Medaillonfeldern – je drei kreisrunde Medaillons mit figürlichen Darstellungen [Seite 46] am unteren Seitenrand, die von den angrenzenden Bordürenteilen durch einen schmalen leeren Streifen auf 30v und 57r, durch einen Rankenstengel auf 42r getrennt werden – , geradlinig zwischen den Kolumnen verlaufender Rankenstenel auf 30v und 42r bzw. ein geometrisierendes florales Motiv auf 57r vor leerem Pergamentgrund), ist auf den jüngeren Blättern auf 138r, 163r und 274r die formale Trennung zwischen Basismedaillons und flankierenden Bordürenteilen aufgegeben worden, und auch zwischen den Kolumnen verläuft nun eine Blattranke, die auf 138r und 274r ebenfalls vor Goldgrund gesetzt ist. Die Blatthälften auf 138r sind zwei- oder dreilappig, wobei wie auf 274r ein Lappen häufig verlängert und leicht geschwungen ist.

Gleich den Darstellungen auf 274r sind die Figurenmedaillons der Seitenbordüren auf 138r hochoval und mit Dreiviertelfiguren besetzt. Die mit 138r stilistisch übereinstimmenden Initialbilder (der Großteil der INitialbilder der Lagen 79-154) wirken gegenüber jenen, die mit 274r in Zusammenhang gebracht wurden, vierschrötiger und weniger glücklich proportioniert. Eine Parallele zur Gruppe der Initialbilder um 274r besteht bisweilen in der Wiedergabe der Hände (vergleiche 83ra, 132va mit 200rb, 202va).

Schmidt (⇒Anm. 46-2) hält es für denkbar, daß einzelnen Darstellungen auf 163r Vorzeichnungen der Hand III – der er die Blätter 30v, 42v und 138r des RD zuschreibt - zugrundeliegen. An die genannten Blätter erinnern die Faltenzüge der sicher nicht von der Hand der Medaillonszenen auf 163r ausgeführten Maiestas Domini mit den beiden flankierenden Engeln; die Drapierung der Engel zeigt zu Albrecht III und seiner Gemahlin auf 30v engere Beziehungen als zu den knienden Figuren auf 163r oder 274r. Die kleinen Figürchen des Frühlings- und Herbst-Medaillons erinnern in ihren gedrungenen Proportionen und mit der V-förmigen, über die Gürtellinie herabhängenden Röhrenfalte an den Nikodemus der Kreuzabnahmne auf 138r.
[Seite 47]

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Die aufgezeigten Unterschiede zwischen 163r und 274r sowie der mit diesen Blättern in Zusammenhang gebrachten Initialgruppen machen es meiner Meinung nach wahrscheinlich, daß an der Ausführung des figürlichen Deckfarbenschmucks der genannten Stilschicht zumindestens zwei Hände beteiligt waren. Vom Meister des Blattes 274r stammt der Großteil der Initial-Darstellungen der Blätter 195-204, 215-224 und 235- 255; ihm ist wahrscheinlich auch die Ausführung des Christus in der Mandorla (eventuell über Vorzeichnung des Meisters auf 138r) mit den flankierenden Engeln auf 163r zuzuordnen. Diese Hand zeichnet sich durch monumentale, qualitätvolle Figuren mit einem stark plastischen Faltenrelief aus. Hingegen ist wohl einer anderen, schwächeren Hand zuzuweisen: Bl. 163r (die Szenen in den Medaillons am unteren Seitenrand wegen der zum Teil deutlich mit 274r übereinstimmenden Drapierung möglicherweise über Vorzeichnung der Hand von 274r) und die gegenüber den Initialen um 274r steifer und weniger raumgreifend konzipierten Initialbildchen der Blätter 195-204. Eine Hand, die sich zum Teil jenes Ornamentvokabulars bedient, das in den St. Pöltener Missale-Fragmenten und im Dürnsteiner Psalter zur Anwendung kommt, konnte in den ausschließlich mit unfigürlichen Initialen ausgestatteten Lagen der Stilschicht von 1404/06 festgestellt werden.

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Der Lyra-Meister: Holter schreibt dem Lyra-Meister neben den Deckfarbeninitialen in Cvp 2783, einem für diesen Illuminator namengebenden Psalmenkommentar des Nikolaus von Lyra in der Übersetzung des Heinrich von Mügeln, Bl. 57r und 163r des RD, eine Historia de corpore Christi-Handschrift (heute New York, Pierpont Morgan Library, M. 853) und das Missale III 205 in Sankt Florian zu. (⇒Anm. 47-1) [Seite 48] Schmidt erkennt in den Malereien auf 57r des RD jenen "Meister II" auf einem jüngeren Entwicklungsniveau wieder, dem er auf 1v und 2r des RD unter anderem die Szenen-Medaillons zuschreibt; 163r des RD ist seiner Meinung nach schon von Meister Nikolaus ausgestattet worden. (⇒Anm. 48-1) Die Tätigkeit des Lyra-Meisters am RD beschränkt sich nach Schmidt auf die Ausführung kleiner Initialen. (⇒Anm. 48-2) Der Deckfarbenschmuck des Cvp 2783 ist laut Schmidt nur teilweise vom Lyra-Meister ausgeführt (⇒Anm. 48-2), dem er – in Gegensatz zu Harrsen (⇒Anm. 48-3) – auch die Historia de corpore Christi-Handschrift zuschreibt (⇒Anm. 48-4). Die Zuweisung des Sankt Florianer Missales an den Lyra-Meister lehnt Schmidt hingegen zu Recht ab. (⇒Anm. 48-5)

Cvp 2783: (⇒Kat.-Nr.34) Im Deckfarbenschmuck des Cvp 2783 gibt es sowohl im Stil der insgesamt zehn figürlichen Darstellungen als auch in der Ornamentik deutliche Unterschiede. So ist die Faltenkonfiguration der beiden Initialbilder auf 1r doch wesentlich von jener der Darstellungen auf 93r und 139v verschieden. Bei letzteren sind anstelle des in einem sanften Bogen am Boden aufschleifenden Gewandzipfels tütenähnliche kleine Saumzipfel, die eine Art "Figurensockel" bilden, übereinandergelegt; die Binnenzeichnung des Gewandes ist kleinteiliger, unruhiger und plastischer. Im Faltenstil den Initialbildern auf 1r nahestehend sind der David auf 45r und die Trinität auf 183r (in beiden Initialbildern sind im Gegensatz zum Lukas auf 1r die Figuren mit scheibenförmigen Heiligenscheinen ausgestattet); die Gesichtstypen [Seite 49] von Gott Vater und Sohn entsprechen denen der beiden Medaillon-Figürchen auf 1r.

Das Initialbild auf 163vb hebt sich von den übrigen Darstellungen vor allem durch die Unmittelbarkeit des Ausdrucks der Akteure und durch das überzeugende Sitzmotiv des Herrschers ab. Das Sitzen der Figur wird hier weit eher als bei den Figuren auf 1r als ein Lasten – vergleichbar dem David auf 93r – empfunden. Die Saumfalten, deren Kontur etwas in die Tiefe führt, sind wohlgeordnet in eine Richtung übereinandergelegt, das Drapierungsschema des Mantels findet sich in dieser Art in Cvp 2783 nicht wieder (in ähnlicher Form jedoch beim Petrus auf 138r des RD). Von den übrigen Daviddarstellungen unterscheidet sich die von 163v schließlich auch noch durch die Haartracht und den hermelinbesetzten Kragen, welcher in ähnlicher Form im RD bei den Königsfiguren der Initialen 222rb und 244rb begegnet. Auch seine überzeugenden, gegenüber den anderen Daviddarstellungen in Cvp 2783 ungekünstelter wirkenden Bewegungsmotive verbinden ihn mit Initialbildchen des Meisters von 274r des RD (vgl. etwa 252va des RD). (⇒Anm. 49-1) Die übrigen thronenden Figuren gegen in ihrem Faltenstil eher mit 1r denn mit den Initialen 93r, 139v und 163v zusammen.

Auch die Ornamentik der Handschrift ist uneinheitlich; ihr fortschrittlicher Teil stellt eine Verbindung zu Handschriften des dritten Jahrzehnts her. Als Buchstabenkörperfüllung findet sich stets ein flächiges Blatt (lediglich auf 45r als Schaftfüllung ein Zickzackband) mit paarweise zusammengefaßten Blattlappen. In halber Schafthöhe ist eine vierteilige Blattrosette (1ra, 45r, 183r) oder eine Kugel (1rb, 68r, 93r) interpoliert, in den Zwickeln der Blattlappen sind Häkchen mit Deckweiß eingesetzt. Die aufgezählten Ornamentmotive sind in genau denselben Formen schon in der älteren Stilschicht des RD (vergleiche z.B. Cvp 2783, 1r mit RD 29r) nachweisbar. (⇒Anm. 49-2)
[Seite 50] Auf 139v des Cvp 2783 findet sich in halber Schafthöhe ein dreiteiliges Blatt von der Form wie in der Aufustinus- Initiale auf 310r des RD.

Die Blattranken zeigen zwei deutlich verschiedene Formen, die auch kombiniert auftreten (nämlich auf 163r): einfache, aus Lappen etwa gleicher Breite zusammengesetzte Blätter (1r, 45r, 139v, 163r) und Blattformen mit unterschiedlich langen Lappen, von denen die verlängerten häufig ein gewölbtes Ende aufweisen (68r, 93r, 114v, 163r unterer Rankenast, 183r). Die erstgenannte Form ist unspezifisch; sie ist im RD etwa in den Rankenausläufern der ersten bis letzten Initialen nachweisbar. Die andere, im RD nicht nachweisbare Blattform, steht hingegen einer in den frühen 20er Jahren im Umkreis des Illuminators Nikolaus verwendeten Blattform schon sehr nahe (vgl. CCl 67, 61v, CCl 128, 198v und vor allem CCl 602, 164v). (⇒Anm. 50-1) Ebenso sind die Blüten- und Fruchtmotive auf 114v und 139v nicht im RD aber in sehr ähnlicher Form in den 1421 datierten CCl 128 und 129 nachzuweisen (Die Kerzenblüte von Cvp 2783, 114v entspricht der in CCl 129, 49r, die erdbeerähnliche Frucht von Cvp 2783, 139v der in CCl 128, 103v).

Die aufgezählten Unterschiede in Figurenstil und Ornamentik lassen die Annahme eines Zusammenarbeitens mehrerer Hände am Deckfarbenschmuck von Cvp 2783 für gerechtfertigt erscheinen. Der enge werkstattmäßige Zusammenhang wird nicht nur durch die einheitliche Konzeption der Bilder (vor gemustertem Ehrentuch Thronende) und durch einzelne Motive der Deckfarbenornamentik belegt, sondern auch durch die einheitliche Sekundärornamentik auf den mit Deckfarbeninitialen ausgestatteten Doppelblättern. Deren Lombarden stammen von anderer Hand als die restlichen der Handschrift (erstere in sorgfältigerem Duktus und dünklerem Blau). Dasselbe gilt für alle fünf mit Fleuronnéeschmuck versehenen Lombardinitialen auf diesen Doppelblättern - [Seite 51] dreizeilige Initialen zum Beginn der deutschen Psalmübersetzungen auf 93r, 114v, 139v, 163v, 183r. (⇒Anm. 51-1)

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New York, Pierpont Morgan Library, M. 853: 1v enthält ein halbseitiges Widmungsbild Herzogs Wilhelm; darunter ein ebenso großes Feld mit den seitenverkehrt wiedergegebenen Länderwappen Kärnten, Krain, Steiermark und Tirol und mit dem Wappen der Johanna von Durazzo. 2r zeigt eine Bildinitiale mit einem halbfigurigen Schmerzensmann und – im Medaillon am unteren Seitenrand – den Bindenschild mit Pfauenstoß. Die Struktur des Randschmucks auf 2r, wo den Schriftspiegel rahmende dünne Stäbe das Gerüst für den üppigen Blattrankenschmuck bilden, findet sich in sehr ähnlicher Form auf Cvp 2783, 1r. (⇒Anm. 51-2)

Eine vergleichbare Rankenornamentik begegnet im RD auf 163r. Die Blattformen der wellenförmigen Ranken zwischen den Kolumnen auf 163r entsprechen jenen der Initialausläufer der beiden genannten Handschriften, die Kerzenblüten der Historia-Handschrift, die in ähnlicher Form schon auf 1v und 2r des RD nachgewiesen werden können, sind Zwickelblüten der Szenen-Medaillons auf 163r eng verwandt (man beachte den identischen Duktus der aufbrechenden Hüllblätter der Blüte rechts unten in der Historia-Handschrift und der mittleren der Zwickel-Blüten am unteren Seitenrand von 163r des RD).

Die Rankenformen von 1v entsprechen denen auf 21r, jedoch sind auf 1v die tropfenförmigen Goldblüten als parallele Kreisbögen gegeben – wie auch bei jenen beiden Initialen, [Seite 52] die in ihrer Blattornamentik ebenfalls engstens mit den genannten Handschriften übereinstimmen: Die historisierte Initiale auf 1r des 1401 datierten CCl 23 (vgl. die dreiteilige Blattform oberhalb des Papsthauptes oder im unteren Rankenast und die dreiteilige Blattform am rechten Seitenrand von 2r der Historia-Handschrift) sowie die unfigürliche Initiale CCl 67, 16r (auf der Versoseite Gnadenstuhl-Initiale).

Von derselben Hand, die diese Goldblüten eingesetzt hat, stammt das in Gold und Rosa(?) gemalte Fleuronnée, das jener Kraft zuzuschreiben ist, die unter anderem für das Fleuronnée der mit Deckfarbeninitialen ausgestatteten Blätter in Cvp 2783 verantwortlich ist. Hingegen stammen die beiden Fleuronnéeinitialen auf 1r der Historia-Handschrift von der Hand des Fleuronnées im 1402 datierten Cvp 381. (⇒Anm. 52-1)

Dem Schmerzensmann auf 2r kommt von den halbfigurigen Aktdarstellungen des RD (115va, 191va, 202vb), die des Adam auf 191va (vgl. die Halspartie) nahe; ähnlich krallenartige Hände wie der Schmerzensmann zeigen Figürchen auf 163r des RD (z.B. Maria der Geburtsszene). Mit Sicherheit ausschließen kann man einen Zusammenhang zu den Initialen um 138r des RD (vgl. den Schmerzensmann auf 115va), wohl auch zu den mit Bl. 274r des RD in Zusammenhang gebrachten Initialen (der Schmerzensmann auf 202vb des RD zeigt eine offenere Malweise, ein gröberes Gesicht und eine abweichende Körperhaltung, die im Retabel-Schmerzensmann des mittleren Bas de page-Medaillons auf 274r wiederbegegnet). [Seite 53]

Herzog Wilhelm auf 1v ist wie auf 163r und 274r in Profil als kniend Betender gegeben, das Ende eines Schriftbandes in den Händen haltend. Die etwa an der Wiedergabe der Haartracht ablesbare Qualität der Ausführung rückt die Figur der Historia-Handschrift in die Nähe der von 274r des RD, so daß meines Erachtens die Möglichkeit einer Zuweisung des Figurenschmucks auf 1v und 2r an zwei verschiedene Hände besteht.

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Cvp 381: (⇒Kat.-Nr.33) Der werkstattmäßige Zusammenhang der 1402 datierten Handschrift zur jüngeren Historia-Handschrift wird durch die Tätigkeit desselben Florators in beiden Handschriften belegt, der als Mitglied jener Werkstätte aufzufassen ist, in der auch der Deckfarbenschmuck der beiden Handschriften entstanden ist. Denn die Möglichkeit, daß das Fleuronnée vom Schreiber eingesetzt worden ist, scheidet hier aus, da die Codices von verschiedenen Händen geschrieben worden sind. Da die Handschriften zudem für verschiedene Auftraggeber bestimmt waren (Erzherzog Wilhelm, Andreas Plank), ist es auch unwahrscheinlich, daß das Fleuronnée von einer Hand eingesetzt worden ist, die im Skriptorium des Auftraggebers – analog zu den in Klosterneuburg beschäftigten Floratoren (⇒Anm. 53-1) – tätig gewesen ist.

Die Ornamentik des Deckfarbenschmucks von Cvp 381 zeigt Ähnlichkeiten zu der der beiden oben genannten Handschriften (⇒Anm. 53-2). Deutlicher sind jedoch die Beziehungen zum Deckfarbenschmuck der jüngeren Stilschicht des RD. So findet sich beispielsweise in den Initialen auf 202v des RD die in leichter Wellenbewegung streng vertikal verlaufenden [Seite 54] Blattausläufer mit zahlreichen Goldfeldern, die mit Kugeln und Punkten gefüllten Buchstabenkörperteile und einfache Blüten als Binnengrundornamentik wieder; dreiteilige Blatthälften mit verlängertem, gebeultem Mittellappen – in Cvp 381 beispielsweise auf 1r oben und auf 19v – begegnen in derselben Art auf 274r des RD.

Dem Orosius aus Cvp 381 stehen in Sitzhaltung und Drapierung die Initialbilder auf 1r und 139v in Cvp 2783 nahe. Diesem gegenüber ist das Faltenrelief des Orosius jedoch seichter, großformiger, und das Gewand knickt – abgesehen vom vorderen Gewandzipel – nicht am Boden um. Den weich fließenden Faltenzügen dieses Autorbildchens kommen von den figürlichen Darstellungen in Cvp 2783 die auf 1r am nächsten; nur dort gibt es in Cvp 2783 auch ähnliche Physiognomien – man vergleiche etwa den Orosius mit dem Propheten im rechten unteren Medaillon auf 1r in Cvp 2783: Übereinstimmung besteht im dunklen Inkarnat und den weiß gepunkteten Augenbrauen.

Die drei besprochenen Handschriften bilden weder im Figurenstil noch in der Ornamentik eine homogene Gruppe. Die Ornamentik verbindet die Handschriften nur teilweise miteinander (identisches Rahmensystem in Cvp 2783 und in der Historia-Handschrift; Fleuronnée jeweils einer der beiden in der Historia-Handschrift nachweisbaren Hände in Cvp 2783 und Cvp 381). In Cvp 2783 waren am Deckfarbenschmuck mit Sicherheit mehrere, in der Historia-Handschrift sehr wahrscheinlich zwei Hände beteiligt. Am überzeugendsten erscheint der Zusammenhang zwischen 2r der Historia-Handschrift und 1r von Cvp 2783. Von derselben Hand stammt zweifellos der Großteil der Initialen aus Cvp 2783 (auszuschließen ist dies lediglich für 93r, 139v, 163v). Eine [Seite 55] Zuschreibung des Orosius aus Cvp 381 an den Lyra-Meister möchte ich als möglich erachten.

Die Übereinstimmungen zwischen den oben genannten Werken des Lyra-Meisters und den von Holter (⇒Anm. 55-1) ihm zugeschriebenen Blättern 57r und 163r des RD sind meines Erachtens in dieser Hinsicht nicht ausreichend. Mit den Darstellungen auf 57r verbindet den Lyra-Meister die sorgfältigere Malweise, die gegenüber den Figuren auf 42r und 138r des RD ausdrucksloseren Gesichter und die fließenden Faltenzüge, welche im Cvp 2783 wenig an Plastizität gewonnen haben, aber beim Aufstoßen auf den Boden schon stärker gebrochen sind. Im Typus ist der Lucas aus Cvp 2783 in etwa dem Christus der Abendmahlszene vergleichbar, in der sorgfältigeren Behandlung des hell ausgeführten Inkarnats der David auf 1r des Psalmenkommentars mit der Beatrix von Hohenzollern. Auf 163r des RD zeigt der Josef der Geburtsszene eine zu den Initialbildern auf 1r und 183r des Cvp 2783 vergleichbare Drapierung, die Maria derselben Szene eine ähnliche Handhaltung wie der Schmerzensmann der Historia-Handschrift; der Prophet der Initiale auf 185vb des RD ist im Typus eng verwandt dem des rechten unteren Medaillons auf 1r in Cvp 2783.

Zwischen Cvp 2783 und dem Antiphonar CCl 65-68 bestehen Beziehungen sowohl in der Ornamentik als auch im Figurenstil. [Seite 56]

Die Illuminator Nikolaus zugeschriebenen figürlichen Initialen des Antiphonars CCl 65-68 und verwandte Werke

Im Antiphonar CCl 65-68 werden insgesamt 12 Initialen dem Illuminator Nikolaus zugeschrieben: CCl 65, 1r (Jeremias), CCl 65, 2v (David), CCl 66, 327v (Verkündigung), CCl 66, 132r (Ostermorgen), CCl 66, 221 (Himmelfahrt), CCl 67, 16v (Gnadenstuhl), CCl 67, 28v (Opfer des Melchisedech), CCl 67, 43v (Johannes der Täufer), CCl 67, 61v (Petrus), CCl 67, 196r (Strahlenkranzmadonna), CCl 68, 13r (Schutzmantelmadonna), CCl 68, 44r (Christus und Zachäus) (⇒Anm. 56-1). Zwischen diesen gibt es sowohl Unterschiede in der Ornamentik (⇒Anm. 56-2) als auch im Stil. Letztere sollen im folgenden aufgezeigt werden.

Wegen der Gleichartigkeit des Sujets bietet sich ein Vergleich zwischen den beiden aufeinanderfolgenden ganzfigurigen Darstellungen einer Madonna mit Kind an (CCl 67, 196r – Strahlenkranzmadonna, CCl 68, 13r – Schutzmantelmadonna), die deutliche Unterschiede in der Malweise und im Gesichtstypus zeigen. Das Inkarnat der Schutzmantelmadonna und des Kindes ist hell und glatt; die Gesichtsfarben – darunter etwas Graugrün – sorgfältig verrieben. Die Madonna trägt ein hellrosa gefüttertes, blaues, stellenweise stark mit Deckweiß aufgehelltes Kleid, das deutlich die vertikalen Pinselstriche erkennen läßt. In genau denselben Farbtönen ist die Kleidung Gottvaters auf CCl 67, 16v (dasselbe Blaßrosa dort auch im Initialrahmen und in den Blüten der Ranke) und der Himmelfahrtsmaria auf CCl 66, 221r gehalten; die Pinselstriche treten dort weniger in Erscheinung. Demgegenüber zeigt die Gewandung der Strahlenkranzmadonna ein dünkleres Blau, die Abschattierung erfolgt weniger durch Pinselstriche denn durch dunkle Farbtupfer. Im Farbton und der "pointillistischen" [Seite 57] Malweise schließt sich hier die Verkündigungsmaria (CCl 66, 327v) an. Während jedoch letztere im wesentlichen denselben Gesichtstypus (wenn auch in Zeichnung und Malweise etwas vergröbert) wie die Schutzmantelmadonna zeigt, unterscheidet sich die Strahlenkranzmadonna von letzterer nicht nur durch das rotfleckige Inkarnat und die weniger sorgfältige Ausführung des Gesichtes sondern auch durch den unterschiedlichen Gesichtstypus: sie ist rundköpfiger, ihre Nase wie des des Kindes springt stärker vor. Der Qualitätsunterschied zwischen den beiden Darstellungen ist auch im Jesusknaben faßbar.

Leider ist nicht eindeutig zu bestimmen, inwieweit die aufgezählten Unterschiede zwischen den beiden Madonnendarstellungen auf spätere Ergänzungen zurückzuführen sind. Das Gesicht der Strahlenkranzmadonna ist leicht beschädigt, die in schwarzer Tinte nachgezogenen oder angedeuteten Teile (Finger von Marias Rechter, Finger und Zehen des Kindes) dürften erst später hinzugesetzt worden sein. Ob jedoch auch die Binnenzeichnung der Gesichter später ergänzt wurde, ist kaum zu beurteilen. Ein ähnliches Gesicht mit vorspringender Nase zeigt die Maria aus CCl 273 (6r), ein vergleichbar sorglos eingetragenes rotes Inkarnat der Johannes in CCl 37 (1r).

Einen deutlichen Unterschied im Drapierungsstil zeigen die Figuren der Himmelfahrt (CCl 66, 221r) gegenüber den Marien des Ostermorgens (CCl 66, 132r). Bei letzteren erscheint das Gewand straffer um den Körper gezogen, was den Figuren ein plumperes Aussehen verleiht (man vergleiche etwa die Maria mit dem Salbgefäß und den Apostel am rechten Bildrand der Himmelfahrtsszene); das Inkarnat ist – wie bei Johannes dem Täufer und der Strahlenkranzmadonna – rotfleckig.

Ähnlich wie bei den Marienfiguren gibt es auch bei den männlichen Figuren solche mit sehr qualitätvoller, detaillierter Zeichnung der Gesichter (Jeremias, David, Himmelfahrt) und solche, die sich durch ihr fleckiges Inkarnat und/oder ihre summarische Behandlung der Gesichtsdetails (Johannes der Täufer, [Seite 58] Christus und Zachäus) davon unterscheiden. Die Christus und Zachäus-Szene zeigt gegenüber der der Himmelfahrt einen anderen Petrus-Typus, flüchtiger wiedergegebene Physiognomien und einen weit stärker aufgehellten Rosaton als Gewandfarbe. Andererseits zeigen beide Szenen im Faltenstil enge Übereinstimmungen: Die spitzwinkeligen Tütenfalten des Petrus aus der Christus und Zachäus-Szene begegnen im rechten Apostel der Himmelfahrt wieder, während der untere Teil des Gewandes Christi die Faltenkonfiguration des entsprechenden Teils des Mariengewandes fast wörtlich zitiert.

Die Art der Terrain-Wiedergabe bei den in Rede stehenden Initialen begegnet in denselben Formen auf 163r des RD, wobei die Übereinstimmungen teilweise so eng sind, daß zumindestens auf einen werkstattmäßigen Zusammenhang geschlossen werden darf. Das Terrain ist im Antiphonar entweder als bräunlicher Felsgrund (Himmelfahrt, Schutzmantelmadonna) oder als Wiesengrund wiedergegeben. Letzterer zeigt nur bei Jeremias und Johannes Baptista eine deutliche Aufhellung zum Vodergrund zu (vergleichbar auch Melchisedech), während bei David, Christus und Zachäus und beim größten Teil des Wiesengrundes in der Melchisedech-Initiale die Gräser und streumusterartig verteilte, schematische Blattsterne vor in einem einheitlichen, dünkleren Farbton gehaltenen Grund stehen. Besonders deutlich ist die Übereinstimmung in der Wiedergabe der Vegetation zwischen der Christus und Zachäus-Szene und der des Sündenfalls auf 163r des RD: Bei letzterer findet sich nicht nur genau dieselbe Art des Wiesengrundes (ein zum vorderen Bildrand zu auf ähnliche Weise abbrechender Felsen wie in der Christus und Zachäus-Szene in der Himmelfahrt des RD) sondern auch eine völlig identische Zeichnung der Baumblätter: sternartige Formen, die – an das in der Regel weniger schematische Laubwerk im Antwerpener Martyrologium (um 1410) erinnernd (⇒Anm. 58-1) – in drei Farbabstufungen (zwei Grüntöne und Gelb) kontinuierlich aus dem dunklen Hintergrund herausgearbeitet werden.
[Seite 59]

Die Unterschiede innerhalb der figürlichen Darstellungen der dem Nikolaus zugeschriebenen Antiphonar-Initialen sind meines Erachtens nach zu groß, um annehmen zu können, daß alle Darstellungen zur Gänze von einer einzigen Hand ausgeführt worden sind. Es sind vor allem vier Initialdarstellungen, die sich durch unterschiedliche Gesichtstypen, durch ihre Malweise oder durch ihr Kolorit vom Rest der Initialen unterscheiden: CCl 66, 327v (Verkündigung), CCl 66, 132r (Ostermorgen), CCl 67, 43v (Johanner der Täufer), CCl 68, 44r (Christus und Zachäus); Initialbilder, deren Ausführung wohl einem engen Mitarbeiter des Nikolaus übertragen worden war. Möglicherweise ist auch die Strahlenkranzmadonna, deren ursprüngliches Aussehen nicht eindeutig feststeht, von dieser Hilfskraft geschaffen worden.

Ein den Initialen des Illuminators Nikolaus (z.B. Jeremias, David, Gnadenstuhl-Dreifaltigkeit) grundsätzlich vergleichbarer Stil – sorgfältig ausgeführte, monumentale Figuren mit plastischen Faltenzügen – findet sich im RD auf 274r und in den damit in Zusammenhang gebrachten Initialgruppen. Daß Petrus und Paulus auf 274r in denselben Typen wie in der Himmelfahrt des Antiphonars begegnen, hat schon Oettinger erwähnt (⇒Anm. 59-1); eine dem Melchisedech in der kurzen kräftigen Nase und der lockeren Zeichnung der Barthaare vergleichbare Prophetendarstellung findet sich auf 202va des RD. Ein näherer Vergleich des Faltenstils der beiden Handschriften wird jedoch nicht nur durch den zeitlichen Abstand sondern auch dadurch erschwert, daß der genannte Teil des RD weder Darstellungen thronender Figuren noch ganzfigurig stehender – sieht man von den für einen stilistischen Vergleich ungeeigneten Begleitpersonen des Stifterpaares auf 274r ab – enthält. Von den Initialbildern des Cvp 2783 kommen die auf 93r und 139v mit ihren plastischen Faltenzügen und in der Ausbildung der am Boden aufstoßenden Gewandpartie dem Faltenstil der sitzenden Antiphonar-Figuren (Jeremias, Johannes Bapt.) noch am nächsten.
[Seite 60]

Die einer Hilfskraft zugeschriebenen Initialbilder zeigen Beziehungen zum Lyra-Meister und Bl. 163r des RD. Die Drapierung der Verkündigungsmaria entspricht mit ihren regelmäßig angeordneten Röhrenfalten und den beiden großen Saumzipfeln der des Lucas und David auf 1r von Cvp 2783 deutlicher als dem von Oettinger (⇒Anm. 60-1) zum Vergleich herangezogenen Augustinus auf 310r des RD. Das Motiv des mit einem Knauf besetzten Pfostens findet sich an den Thronmöbeln des Lucas und der Verkündigungsmaria; ihre pointillistische Maltechnik begegnet auch im David. In der Himmelfahrtsszene auf 163r des RD tritt derselbe Petrus-Typ wie in der Christus und Zachäus-Szene des Antiphonars auf; die Farbzusammenstellung (ein sehr helles Rosa, Blau, Grün, Zinnober) entspricht – in genau derselben Tönung – in beiden Szenen. Im Faltenstil unterscheidet sich die Christus und Zachäus-Szene lediglich durch die etwas stoffreicher gewordenen Gewänder.

* * *

Im folgenden soll das Verhältnis des Turs Missale-Kanonbildes und der figürlichen Darstellungen in Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts zu den besprochenen Antiphonar-Initialen untersucht werden.

Besonders enge Beziehungen zum Antiphonar zeigt der Buchschmuck der CCl 36-38 (⇒Kat.-Nr.39). Auf diese drei Bände mit der Catena aurea des Thomas von Aquin ist wohl die 1420 zu datierende Notiz über die Stiftung einer Geldsumma pro quibus est empta glosa continua beati Thome... zu beziehen (⇒Anm. 60-1).
[Seite 61]

Am Buchschmuck waren vier oder fünf Kräfte beteiligt, die alle auch in anderen Klosterneuburger Handschriften – jedoch nur solchen des dritten Jahrzehnts – nachweisbar sind. Der Deckfarbenschmuck stammt von einer einzigen Hand; die Lombarden sind von vier verschiedenen Händen eingetragen, wobei nur eine ihre Initialen fallweise auch mit Fleuronnée ausgestattet hat (⇒Anm. 61-1).

Nur CCl 37 ist mit einer historisierten Initiale versehen; mit einer Darstellung des auf einem Baldachinthron sitzenden und schreibenden Evangelisten Johannes, welche seit Oettinger (⇒Anm. 61-2) dem Illuminator Nikolaus zugeschrieben wird. Oettinger meint, daß die Bildinitiale denen des Antiphonars aufs engste verwandt sei und verweist auf die Verkündigungsszene CCl 66, 327v. Übereinstimmungen bestehen in der vergleichbaren Haltung der Figuren, in der Verwendung eines ähnlichen Sitzmöbels (⇒Anm. 61-3) und im grundsätzlich verwandten Faltenstil, der vom Knie ausgehende, röhrenförmige Falten zeigt. Das Inkarnat, das in beiden Fällen über Deckweiß feine rote Strichelchen und Punkte zeigt, ist bei der Marienfigur sorgfältiger ausgeführt. Das grüne Gewand des Johannes ist durch deutlich erkennbare gelbe Pinselstriche gehöht, eine Abschattierung durch dunkle Farbpunkte wie im unteren Teil des Gewandes der Maria erfolgt nicht. Der Heiligenschein ist – wie auch bei der Maria in CCl 273 – in der Art der Heiligengloriolen des Antiphonars gegeben: als goldene Strahlen über ockerfarbenem Grund. Mit der Christus und Zachäus-Initiale (CCl 68, 44r) hat die historisierte aus CCl 37 den völlig identisch punzierten Rahmen gemein (⇒Anm. 61-4); das Gewand der Profilfigur in erstgenannter Szene stimmt im Farbton des Grün und in dessen streifiger Gelbhöhung mit dem des Johannes überein.
[Seite 62]

Die Rankenornamentik von CCl 36-38, die zweifellos von einer einzigen Hand ausgeführt worden ist (⇒Anm. 62-1), zeigt deutliche Beziehungen zum Antiphonar. Grundsätzlich dieselbe Art der Buchstabenkörperfüllung durch räumlich bewegte, dreilappige Blätter wie in CCl 37 und 38 findet sich bei den Initialen CCl 67, 43v und CCl 68, 44r, aber auch in einer Reihe von Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts (z.B. CCl 129, 49r). Das Schema des Rankenverlaufs – geradlinig verlaufende Stengel oder Stab mit Blattmedaillons etwa in Höhe des Initialkörpers und einer weiteren Rankenschlinge beim Übergang zur wellenförmig auslaufenden Ranke des unteren Seitenrandes – ist das der Mehrheit der historisierten "Nikolaus"-Initialen des Antiphonars. Dort sind auch alle Einzelmotive der Blattranken aus CCl 36-38 nachweisbar. So findet sich auf 196r in CCl 67 das Motiv der in den Rankenstengel interpolierten Blattmaske, und die Rankenblattformen des genannten Antiphonarblattes sind mit jenen von CCl 38, 1r völlig identisch.

Am deutlichsten sind die Beziehungen zwischen CCl 37, 1r und der Ostermorgen-Initiale CCl 66, 132r (⇒Anm. 62-2). In beiden Fällen windet sich der untere Rankenausläufer der Initiale mehrmals um den Vertikalstab, die Verästelungen des Ausläufers sind mit Blättern von in beiden Handschriften völlig identischer Form besetzt – die größeren unter ihnen in der vom Antiphonar her bekannten sechsteiligen Form –, die in Richtung unterer Seitenrand hin kontinuierlich kleiner werden. Der mit großen Goldpunkten besetzte Stab zeigt beim Übergang in die Randleiste des unteren Seitenrandes dasselbe glockenähnliche Motiv. Übereinstimmung besteht auch [Seite 63] in der Palette, vor allem im stark mit Deckweiß aufgehellten Rosa und in der streifigen Gelbhöhung der grünen Rankenblätter. Die Gesichter der drei Marien stimmen in der Behandlung des Inkarnats (feine rote Linien über weißem Untergrund) mit dem des Johannes überein. Die Vielzahl an Entsprechungen lassen es gerechtfertigt erscheinen, der Hand des Deckfarbenschmucks von CCl 36-38 auch die Ostermorgen-Initiale des Antiphonars zuzuschreiben.

Das Kanonbild des von Wilhelm Turs (Dompropst zu St. Stephan 1404-1439) gestifteten Missales (Wien, Dom- und Diözesanmuseum, Cod. B 64) wird seit Oettinger (⇒Anm. 63-1) dem Illuminator Nikolaus zugeschrieben und in der Literatur zwischen 1425/30 (⇒Anm. 63-2) und um 1430 (⇒Anm. 63-3) datiert. Von den Initialbildern des Antiphonars bietet sich vor allem die Himmelfahrt und die Strahlenkranzmadonna zum Vergleich an (CCl 66, 221r bzw. CCl 67, 196r). Die Himmelfahrtsszene – auf deren Verwandtschaft schon Oettinger a.O. hingewiesen hat – zeigt bei der Maria eine übereinstimmende Drapierung des über den Kopf gezogenen Mantelteils und des darunterliegenden Schleiers, bei Maria und Johannes vergleichbare Physiognomien (⇒Anm. 63-4); Johannes vollführt in beiden Fällen dieselbe Geste. Die Strahlenkranzmadonna zeigt dieselbe Ponderation und eine weitgehend identische Abfolge von Faltenformeln wie der Johannes des Turs-Missales; im Faltenwurf des Untergewandes ist mit dem Letztgenannten [Seite 64] auch Gottvater (CCl 67, 16v) vergleichbar. Vor allem diese weitgehend identischen Drapierungsformeln rechtfertigen meiner Meinung nach eine Zuschreibung des Kanonbildes an Meister Nikolaus.

Gegenüber den genannten Initialbildern des Antiphonars unterscheiden sich die Assistenzfiguren des Turs-Missales jedoch durch die stärkere Plastizität ihrer Falten. Daß das seiner Konzeption nach dem Johannes des Turs-Missales entsprechende Faltenrelief der Strahlenkranzmadonna deutlich scharfkantiger und seichter ist, könnte vielleicht durch die Annahme erklärt werden, daß nur die Vorzeichnung derselben von Meister des Turs Missale-Kanonbildes stammt, die Ausführung jedoch einer anderen Hand – dem Meister des Deckfarbenschmucks von CCl 36-38 – übertragen worden ist. Vergleichbar plastische Faltenzüge zeigen hingegen die ersten beiden Darstellungen des Antiphonars (Jeremias, David) – der David ist auch im Figurenschwung und in den Proportionen mit dem Johannes gut vergleichbar –, ebenso die Initialbildchen der Stilschicht von 1404/06 des RD (z.B. 200rb, 202va). In genannter Stilschicht findet sich auch der nach vorne auslaufende Gewandzipfel des Wilhelm Turs wieder (Moses auf 163r und Herzogspaar auf 274r).

Der Faltenwurf der Assistenzfiguren des Turs-Missales wirkt gegenüber den Figuren des Antiphonars insoferne etwas fortschrittlicher, als einzelne Faltenzüge am Boden umknicken. In den stehenden Figuren des Antiphonars ist die Tendenz, das Gewand in ungebrochenen Kurzen am Boden auslaufen zu lassen, noch deutlicher ausgeprägt, doch lassen sich auch vergleichbare Drapierungsformeln beim Aufstoßen des Gewandes am Boden nachweisen (Johannes der Himmelfahrt, Engel des Ostermorgens, Verkündigungsmaria).

Für die Maria des Turs-Missales findet sich im Antiphonar keine vergleichbare Figur. Standmotiv und Teile des Drapierungsschemas könnten von Vorbildern in der Art der Rastenberger Madonna (⇒Anm. 64-1) übernommen worden sein. Verglichen mit dieser ist die Turs-Missale-Maria stämmiger, enger in [Seite 65] ihr Gewand gewickelt und weit stärker der Fläche verhaftet. Ihr aufgehelltes Knie ist nahe an die rechte Körperkontur gerückt worden, so daß der bei der Rastenberger Madonna gewonnene Eindruck einer serpentinierten Figur – denn der Position nach zu schließen, handelt es sich bei dem aufgehellten Knie der Rastenberger Madonna um das des linken Beines, während bei der Maria des Turs-Missales das rechte als Spielbein empfunden wird – völlig verlorengegangen ist. Für den Johannes des Turs-Missales hat Vavra (⇒Anm. 65-1) auf die Verwandtschaft einer dem Meister des Londoner Gnadenstuhls zugewiesenen Johannes-Zeichnung hingewiesen, dessen Haltung im Turs-Missale laut Vavra a.O. "nur leicht modifiziert und dem Zweck entsprechend adaptiert wurde". Ein unmittelbarer Zusammenhang scheint hier jedoch – vor allem wegen des völlig unterschiedlichen Faltenstils, welcher in der Zeichnung fortschrittlicher wirkt als im Kanonbild – ebenfalls nicht gegeben zu sein; beide Johannes-Darstellungen dürften vielmehr auf verwandte Vorbilder zurückzuführen sein.

Der enge Zusammenhang des Turs-Missales zu der in Klosterneuburg in den frühen zwanziger Jahren tätigen Werkstatt wird durch die kompliziert geformten Eckblätter der Kanonbild-Bordüre (⇒Anm. 65-2), die ebenso in den Ausläufern der Initiale CCl 66, 327r (auf der Versoseite Verkündigung) vorkommen, belegt – und dadurch, daß jene Hand, die die Lombarden des Turs-Missales ausgeführt hat, in Klosterneuburger Handschriften der Jahre 1420/22 nachweisbar ist. (⇒Anm. 65-3)
[Seite 66]

Der Deckfarbenschmuck der jeweils mit einer einzigen figürlichen Initiale ausgestatteten CCl 273, CCl 35 und CCl 290 wird von Oettinger (⇒Anm. 66-1) dem 1424/28 in Rechnungsbüchern des Stiftes Klosterneuburg nachweisbaren Illuminator Veit zugeschrieben. Schmidt (⇒Anm. 66-2) betrachtet hingegen das Marienbildchen auf 6r in CCl 273 als Spätwerk des Nikolaus und datiert "1425/1430".

Die Maria aus CCl 273 (6r) zeigt im Faltenwurf stärkere Parallelen zum Turs-Missale als zu vergleichbaren Mariendarstellungen des Antiphonars (vgl. CCl 66, 221r; CCl 67, 196r; CCl 68, 13r). Die Drapierung der linken Körperseite ist der der Maria des Turs-Missales ähnlich, die der rechten – mit dem am Boden umknickenden Gewandteil – ist mit dem Faltenwurf an der rechten Körperseite des Johannes vergleichbar. Die im Antiphonar in dieser Form nicht nachweisbaren Drapierungsmotive reichen zwar alleine wohl nicht für eine Zuschreibung an den Künstler des Turs Missale-Kanonbildes, also an Illuminator Nikolaus aus – auch nicht für die Annahme einer direkten Abhängigkeit des CCl 273 vom Turs-Missale (diese Übereinstimmungen könnten auch durch Verwendung eines ähnlichen Vorlagenmaterials erklärt werden) –, doch spricht auch die Qualität der Ausführung für die Hand des Nikolaus. In der sorgfältigen Wiedergabe des Kindes und des Gesichtes Mariens (⇒Anm. 66-3) steht das Initialbildchen von CCl 273 der Schutzmantelmadonna näher als der Strahlenkranzmadonna; auch gegenüber der größeren Darstellung des Johannes in CCl 37 unterscheidet sich die Marienphysiognomie in CCl 273 durch größere Sorgfalt in der Wiedergabe der Gesichtsdetails (und auch durch das mit Grau versetzte Inkarnat).
[Seite 67]

Der geringfügig knittriger wirkende Faltenwurf und die Verwertung neuer, im Antiphonar noch nicht verwendeter Vorlagen in CCl 273 und im Turs Missale-Kanonbild legen eine Datierung nach Vollendung des Antiphonars nahe. Allerdings wird man wegen der engen Übereinstimmung der Deckfarbenornamentik mit Handschriften der frühen zwanziger Jahre (⇒Anm. 67-1) die für beide Codices angenommene Datierung von 1425/30 vielleicht schon auf um 1425 korrigieren dürfen.

In seiner detaillierten und sorgfältig ausgeführten Physiognomie steht auch der Albertus Magnus des CCl 35 den Antiphonar-Initialen des Nikolaus nahe. Der Stil des ikonographisch mit dem Lucas auf 1r in Cvp 2783 übereinstimmenden Autorbildchens bestätigt die auch von der Ornamentik (⇒Anm. 67-2) her begründbare Datierung von 1425/30: Die Drapierung ist gegenüber der des Lucas aber auch gegenüber der besser vergleichbaren des Johannes Bapt. (CCl 67, 43v) kleinteiliger geworden, das Figürchen wirkt massiver. In der Qualität der Ausführung steht der Albertus dem Meister Nikolaus nahe. Gegenüber den Figürchen in CCl 37, CCl 273 und CCl 290 ist die Physiognomie des Albertus Magnus in CCl 35 am genauesten ausgeführt. Sie zeigt kleine Augen, einen schmalen Mund und eine gerade Nase mit zwei wie bei Jeremias und den beiden rechten Aposteln der Himmelfahrt an der Nasenwurzel ansetzenden, parallel zu den Augenbrauen verlaufenden Falten.

Daß die Darstellung in CCl 290 (Thomas von Aquin in Figurennische (⇒Anm. 67-3)) – wie Oettinger a.O. meint – von derselben Hand stammt, ist wegen des Mangels an vergleichbaren Details (Figürchen in CCl 290 etwa 4 cm hoch, kleiner als der sitzende Albertus in CCl 35) nicht zu beweisen. Die sehr schematische Wiedergabe der Physiognomie spricht eher dagegen. Auch die Rankenausläufer beider Handschriften zeigen nur eine allgemeine Übereinstimmung in den Blattformen.
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Buchmalerei in Klosterneuburg im 3. Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts – Die Ornamentik

In diesem Jahrzehnt liegt – dem erhaltenen Bestand nach zu urteilen – der Höhepunkt der Buchmalerei im Stift Klosterneuburg in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Produktion von mit Deckfarbenschmuck und/oder Fleuronnéeinitialen ausgestatteten Handschriften setzt schlagartig um 1420 ein; in Codices der Zeit um 1400 bis 1420 fehlt hingegen – soferne sie nicht der oben behandelten "Gruppe um 1400" angehören – Deckfarbenschmuck zur Gänze und auch Fleuronéeinitialen fehlen fast völlig. Der Wiederaufschwung um 1420 ist wohl auch im Zusammenhang mit der Visitation von 1418 (⇒Anm. 68-1) und der dabei erfolgten Einsetzung eines neuen Propstes, Georg Müstinger (1418-1442), der sich auch als Astronom einen Namen machen sollte, zu sehen.

Mit den Klosterneuburger Handschriften dieses Zeitraumes hat sich erstmals genauer Oettinger (⇒Anm. 68-2) beschäftigt. Er geht von insgesamt 12 Handschriften aus, deren Entstehung in diesem Jahrzehnt durch Schreibervermerke oder Rechnungsbucheintragungen gesichert ist. Diese – und die übrigen ihm bekannten illuminierten Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts – verteilt er auf die in den Rechnungsbüchern des Stiftes erwähnten drei Illuminatoren Nikolaus, Veit und Michael. Nikolaus, der nur von 1420-24 vorkommt, hat nach Oettinger gemeinsam mit Michael an den CCl 65-68 gearbeitet und den Schmuck von CCl 37 geschaffen, Veit, der nur zwischen 1424 und 1428 erwähnt wird, hat CCl 44-46 (1424), CCl 47 (1427), CCl 34 (1427), CCl 139 (1428) sowie die undatierten [Seite 69] CCl 35, CCl 273 und CCl 290 ausgeschmückt (⇒Anm. 69-1), Michael, der 1421-1428 und 1437/38 in Rechnungsbüchern genannt wird, hat von den Handschriften des dritten Jahrzehnts CCl 97 (1427/29) und CCl 121 mit Deckfarbeninitialen ausgestattet.

Was dafür spricht, daß die 1420/24 des öfteren gemeinsam in den Rechnungsbüchern genannten Illuminatoren Nikolaus und Michael an CCl 65-68 gearbeitet haben, ist der Umstand, daß einige der Rechnungsvermerke dieser Jahre, die eindeutig auf ein großes, in Arbeit befindliches Antiphonar hinweisen (⇒Anm. 69-2), gemeinsam mit solchen, die Zahlungen an die oben genannten Illuminatoren beinhalten, eingetragen wurden (⇒Anm. 69-3). Die Zuschreibung einer Gruppe von unfigürlichen Initialen im Antiphonar an Michael ist insoferne berechtigt, als ihr Stil sich in jüngeren Klosterneuburger Handschriften (CCl 78, CCl 613, CCl 682) wiederfindet; Michael aber der einzige der drei genannten Illuminatoren ist, der nach 1430 – nämlich 1437 und 1438 – in den Rechnungsbüchern genannt wird. Dadurch aber, daß eine Initialengruppe des Antiphonars dem Illuminator zugeschrieben werden kann, ist es auch zulässig, die übrigen historisierten Initialen der genannten CCl 65-68, die sich stilistisch von denen Michaels unterscheiden, mit dem Illuminator Nikolaus in Verbindung zu bringen.

Die Ansicht Oettingers, daß alle von ihm angeführten Handschriften sich auf Nikolaus, Michael und Veit verteilen, die in Ornamentik wie Figurenstil leicht auseinanderzuhalten sind, erfährt bei näherer Untersuchung des Buchschmucks [Seite 70] dieser Handschriften keine uneingeschränkte Bestätigung. Dazu kommt, daß Oettinger einige Handschriften dieses Zeitraumes nicht berücksichtigt hat. Es sind dies die 1420/21 datierbaren, mit insgesamt 20 unfigürlichen Deckfarbeninitialen guter Qualität ausgeschmückten CCl 58 (⇒Kat.-Nr.42), CCl 128-129 (⇒Kat.-Nr.43) und CCl 722 B (⇒Kat.-Nr.48) sowie die undatierten, mit je einer unfigürlichen Deckfarbeninitiale versehenen CCl 268 und CCl 321 (⇒Kat.-Nr.47).

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Im folgenden sollen die Beziehungen, die die Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts in ihrem Deckfarbenschmuck untereinander und zum Antiphonar CCl 65-68 zeigen, untersucht werden.

Enge Übereinstimmungen in der Ornamentik zeigen die Handschriften CCl 722 B, CCl 128 und CCl 129. Letztgenannter Codex weist im Vergleich zu CCl 128 ein verändertes Kolorit auf (gegenüber den in CCl 128 vorherrschenden Farben Grün, Blau, Graublau und Ocker nur Grün, Blau, Rosa – nur auf 1r ein helles, ansonsten ein kräftiges Rosa – und ein stark aufgehelltes Violett; Ocker wird nicht verwendet); die Blattornamentik der Rankenausläufer ist in CCl 129 kleinteiliger und formenreicher (die in CCl 128 fast ausschließlich verwendete langgezogene Blattform, wie sie in ähnlicher Form etwa auch CCl 722 B, 2v zeigt, kommt in CCl 129 auch, jedoch in kleinerem Maßstab vor). Grundsätzlich dieselben Unterschiede in Kolorit und Blattornamentik bestehen auch zwischen CCl 128 und CCl 722 B.

An gemeinsamen Charakteristika der Handschriften dieser Gruppe seien erwähnt: Der Buchstabenkörper wird nur teilweise von einem [Seite 71] Rankenstengel konturiert, der häufig dort, wo dieser Wulst in die Blattform übergeht, als eingerolltes Blatt gegeben ist (CCl 722 B, 1r, CCl 129, 49r; aber auch CCl 273, 2r, CCl 45, 1r, CCl 35, 383r). Als Initialfüllung werden räumlich bewegte Blätter verwendet, in halber Schafthöhe ist häufig eine Kugel interpoliert. Die Blattfüllung der Initialen der genannten Handschriften stimmt so eng überein, daß wohl eine einzige Hand angenommen werden darf (man vergleiche CCl 722 B, 2v und CCl 128, 198v, CCl 722 B, 1r und CCl 129, 49r). Im Antiphonar zeigen einige Initialen wie CCl 66, 327r, CCl 67, 43v, 196r, CCl 68, 44r grundsätzlich dieselbe Form der Blattfüllung. Die Rankenausläufer sind mit einer Vielzahl von verschiedenen Blattformen besetzt; die von CCl 129, 149v entsprechen denen von CCl 68, 13r und 44r, die von CCl 129, 193v der Initiale CCl 66, 327r.

Von zweifellos derselben Hand wie CCl 129 stammt die sechszeilige Initiale Q zu Beginn der anläßlich der Visitation von 1419 eingeführten Klosterneuburger Statuten (Parallelüberlieferung in CCl 58 – ⇒Kat.-Nr.42) auf Bl. 55v in CCl 79. Mit CCl 129 stimmt sie nicht nur in der Ornamentik sondern auch im Kolorit (kräftiges Rosa und Grün für Buchstabenkörper und Blattausläufer, blaugrauer Binnengrund mit Federranke in Gold – dieselbe Farbzusammenstellung etwa in CCl 129, 109v) völlig überein.

Die Handschriften CCl 58 (⇒Kat.-Nr.42), CCl 273 (⇒Kat.-Nr.45) und CCl 290 (⇒Kat.-Nr.46) schließen sich auf Grund ihrer übereinstimmenden Ornamentik zu einer weiteren Gruppe zusammen. Die Buchstabenkörperfüllung der Initialen CCl 58, 26r, CCl 273, 2r, CCl 290, 2r zeigt ein auf ähnliche Weise wie in CCl 722 B und CCl 128-129 bewegtes Blatt, jedoch ist die Kugel in halber Schafthöhe hier zu einem kleinen Kreis reduziert worden, und die diesen Kreis flankierenden Blattlappen sind anders geschnitten. Der den Buchstabenkörper konturierende Wulst der Initialen CCl 273, 2r, CCl 290, 2r, 6r stimmt mit der von CCl 722 B bekannten Form überein.
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Die Blattranken in CCl 58 und CCl 273 wirken im Vergleich mit jenen von CCl 722 B und vor allem jenen von CCl 128 und 129 dürftiger; die Blattformen sind kleiner geworden, neben den vom Antiphonar her bekannten sechsteiligen (z.B. CCl 722 B, 1r) werden in zunehmenden Maße vierteilige verwendet, der Rankenstengel ist spärlicher besetzt. Hingegen entspricht die Blattranke von CCl 290, 2r in ihrer Dichte noch etwa denen von CCl 722 B (⇒Anm. 72-1). Die Rankenblattformen in CCl 58, CCl 273 und auf 2r von CCl 290 sind in der Nähe des Initialkörpers am größten und nehmen gegen Ende der Rankenausläufer kontinuierlich ab (diese Erscheinung ist auch im Antiphonar – etwa bei den Rankenausläufern am oberen Rand von 1r in CCl 65 – festzustellen), um schließlich mit einem Blatt in Fischgrätenform zu enden.

Von Oettinger (⇒Anm. 72-2) wurde diese fischgrätenartige Blattform als charakteristisch für den Rankenstil des Veit angesehen, doch sind solche Blattformen in der Mehrzahl der Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts nachweisbar (z.B. CCl 66, 327v, CCl 129, 49r, CCl 722 B, 2v).

Von der erstgenannten Gruppe läßt sich diese zweite Handschriftengruppe nicht deutlich absetzen, da ein und dasselbe Formenrepertoire nur geringfügig variiert zur Anwendung kommt. Die sich nur in Nuancen unterscheidende Buchstabenkörperfüllung sowie die völlig identische Form der Federranke der Initialen CCl 273, 2r und 722 B, 1r kennzeichnen beispielsweise diesen engen Konnex (⇒Anm. 72-3). [Seite 73]

Mit den bisher aufgezählten Handschriften eng verwandt sind die drei Deckfarbeninitialen von CCl 44-46 (datiert 1424). Die Rankenblattformen in CCl 45 sind wegen des breiteren linken Seitenrandes am größten; in den Formen (dieselben in etwas kleinerem Maßstab in CCl 46) und im Kolorit stimmen sie eng mit CCl 38 überein. Die Rankenblätter von CCl 44 finden hingegen auch im Kolorit ihre Entsprechgung in CCl 129 (man vergleiche etwa den oberen Teil der Rankenausläufer der Initiale auf 49r in CCl 129).

Die von Oettinger dem Illuminator Veit zugeschriebenen Handschriften CCl 47 (1426), CCl 34 (1427) und CCl 139 (1428) (⇒Anm. 73-1) sind zweifelsohne von ein und derselben Hand mit Deckfarbenschmuck versehen worden. Kennzeichnend für die Gruppe ist eine spezifische Blattform: ein keulenförmiges, mit einem kleinen Zipfel besetztes Blatt (CCl 47, 1r; CCl 34, 1r, unterer Rankenast, CCl 139, 1r), dessen Höhung schematisch durch einen dicken Strich (in Gelb über Grün, in Weiß über Rosa und Blau) erfolgt. Die Farbpalette ist beschränkt, es werden meist ein kräftiges Grün, ein dunkles Blau, ein stark mit Deckweiß versetztes Rosa und selten Ocker verwendet. Der Rankenstengel weist – häufiger als bei den bisher besprochenen Handschriften üblich – blattlose Verästelungen auf (z.B. CCl 47, 1r), sein dünnes, Schlingen ausbildendes Ende ist meist lang ausgezogen.

An die Handschriften dieser Gruppe verbindenden Merkmalen seien noch erwähnt: In CCl 139 wird links unten jenes Blattmotiv zitiert, das am unteren Ende des links des Schriftspiegels entlanggeführten Stabes auf 1r in CCl 34 ansetzt. Als Buchstabenkörperfüllung werden in CCl 47 dreilappige Blätter mit tropfenförmiger Mittelrippe verwendet, die sich in vergleichbarer Form auf 1r in CCl 34 finden, in weitgehend identischer Form jedoch auch auf 1r von CCl 129 vorkommen.
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Im Gegensatz zu CCl 139 und CCl 47, die mit jeweils nur einer einzigen Initiale zum Buchbeginn ausgestattet sind, enthält CCl 34 insgesamt sieben Deckfarbeninitialen zu den einzelnen Büchern des Textes. Die Blattornamentik dieser Initialen nimmt in vergröberter und etwas variierter Form teils die des unteren Seitenrandes von 1r auf (z.B. 14r), teils die der Blattausläufer der Initiale zum Buchbeginn (z.B. 69r, 172r; zu letztgenanntem Beispiel vergleichbar CCl 67, 28v).

Derselben Gruppe ist mit Sicherheit die Mehrzahl der Initialen in CCl 35 (⇒Kat.-Nr.38) ab Bl. 315 zuzurechnen. Gegenüber den kleinen Deckfarbeninitialen der ersten Hälfte dieses Bandes, die wegen ihrer Schlichtheit mit dem Deckfarbenschmuck keiner anderen Klosterneuburger Handschrift überzeugend in Verbindung zu bringen sind, werden nun die Rankenausläufer länger und die Blattformen größer. Die Farbpalette ist die der oben genannten Gruppe; Grau wird weit weniger als im ersten Teil der Handschrift verwendet (dort des öfteren auch Zinnober, z.B. 121v, 159v), das Rosa ist verglichen mit dem auf 108v und 250v deutlich kräftiger und nuancierter. Die Ranken der historisierten Initiale auf 1r entsprechen in ihrem blaßen Rosa zwar den Initialen des ersten Teiles der Handschrift, in ihren Blattformen stehen sie jedoch denen der genannten Handschriftengruppe nahe (vergleiche CCl 34, 342v). Mit seinen schlichten Rankenblattformen ist auch CCl 268 (⇒Anm. 74-1) am ehesten mit dieser Gruppe zu vergleichen.

Von den Handschriften der letztgenannten Gruppe zeigt CCl 47 die stärksten Beziehungen zur Ornamentik des Antiphonars CCl 65-68. Die Art der Buchstabenkörperfüllung findet sich in etwas komplizierterer Form in der Ostermorgen-Initiale (CCl 66, 132r), die verwendeten Blütenmotive sind in den Rankenausläufern [Seite 75] von CCl 67, 16v und CCl 68, 44r nachweisbar, das Formenrepertoire des Federgeschnörkels ist das des Antiphonars. So ist das Vier-Beeren-Motiv auf jedem Antiphonarblatt mit einer historisierten Nikolaus-Initiale zu finden, ein großer Goldpunkt links der Initiale, von Federgeschnörkel umgeben, ist etwa auf CCl 67, 43v nachweisbar, das aus drei Spiralen zusammengesetzte Motiv (in CCl 47 in der Blattranke des oberen Seitenrandes) begegnet etwa auf CCl 65, 1r oder CCl 66, 221r.

Kaum Anhaltspunkte für eine nähere Datierung und Einordnung liefert die mit kurzen Blattausläufern versehene Initiale zum Beginn von CCl 321 (⇒Kat.-Nr.47). In ihrer kugeligen Buchstabenkörperfüllung ist sie entfernt verwandt CCl 65, 36v. Unter Berücksichtigung des Umstandes, daß das Fleuronnée dieser Handschrift in CCl 65-68 nachweisbar ist (⇒Anm. 75-1), erscheint jedoch eine Datierung in das dritte Jahrzehnt gerechtfertigt.

Auf Grund eines genauen Vergleichs der Ornamentik der besprochenen Handschriften untereinander gelangt man somit zu drei Handschriftengruppen. Da jedoch die diese Gruppen verbindenden Merkmale – vor allem jene zwischen erster und zweiter Gruppe – nicht weniger deutlich ausgeprägt sind als die sie unterscheidenden, wird man die Ausführung des Deckfarbenschmucks dieser Handschriften durch verschiedene Hände nur als möglich ansehen dürfen. Am wahrscheinlichsten ist dies bei den Handschriften der dritten Gruppe (CCl 47, 34, 139, 35), zu denen allerdings die von Oettinger (⇒Anm. 75-2) gleich diesen dem Veit zugeschriebenen CCl 44-46, 273 und 290 weder im Figurenstil noch in der Ornamentik derart ausgeprägte Beziehungen zeigen, daß die Annahme desselben Illuminators gerechtfertigt wäre. (Daß die mit figürlichen Initialen ausgestatteten letztgenannten beiden [Seite 77] Handschriften älter sind als die der dritten Gruppe wird durch ihre schon in den frühen zwanziger Jahren nachweisbare Ornamentik nahegelegt.)

Der dürftige Rankenschmuck des von Oettinger (⇒Anm. 77-1) dem Veit zugeschriebenen Cvp 496 (1441 in Mariazell geschrieben) (⇒Anm. 77-2) ist zu wenig charakteristisch, um Parallelen zu irgendeiner der Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts herstellen zu können. Auch das Motiv der in eine Blattmaske auslaufenden Ranke ist in der niederösterreichischen Buchmalerei der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts unbekannt. Es verbleiben somit als für Veit in Anspruch zu nehmende Codices lediglich die der dritten Gruppe, und dies nur unter der Voraussetzung, daß die Zeugen seiner Tätigkeit überhaupt noch erhalten sind.

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Im folgenden soll die Ornamentik jenes Teils des Deckfarbenschmucks des Antiphonars CCl 65-68 besprochen werden, der die stärksten Beziehungen zu den oben genannten Handschriften des dritten Jahrzehnts aufweist (⇒Anm. 77-3). Es ist dies die gegenüber den "Michael"-Initialen (⇒Anm. 77-4) des Antiphonars weit kleinere Gruppe der "Nikolaus"-Initialen, das heißt jener figürlichen Initialen, die in der Literatur bislang ausschließlich dem Illuminator Nikolaus zugeschrieben wurden und die in ihrer Ornamentik diesen verwandten unfigürlichen Antiphonar-Initialen. Zunächst soll die Ornamentik der figürlichen, dann die der unfigürlichen erörtert werden.
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Der Buchstabenkörper der figürlichen Initialen ist stets von einem Wulst oder einer Leiste konturiert. Seine Blattfüllung ist durchwegs dreidimensional konzipiert. Eine vergleichbare Buchstabenkörperfüllung zeigen CCl 65, 2v, CCl 67, 43v, CCl 68, 44r (kugelig eingerollte dreilappige Blätter), CCl 67, 16v und 196r (scharf gezahnte kugelige Blätter); CCl 65, 1r, CCl 67, 28v (kleinteilige Blattranke im Initialbalken); CCl 66, 132r und 221r (wellenförmig verlaufende, dreiteilige Blattformen mit tropfenförmig verdickten Blattrippen). Demgegenüber sind die Buchstabenkörperfüllungen der Initialen des ersten Jahrzehnts – etwa der des RD oder des größenmäßig besser vergleichbaren Cvp 2783 – weit einfacher und weniger räumlich konzipiert. Hingegen sind die meisten der hier vertretenen Formen in den oben genannten Klosterneuburger Handschriften zu finden: zu den ersten beiden genannten Arten der Buchstabenkörperfüllung vergleiche CCl 722 B, 1r, 2v, zur letztgenannten CCl 47, 1r, CCl 129, 1r).

Der Außengrund der Initiale ist stets in poliertem Gold gehalten und von einer schwarzen Linie oder einem Rahmen eingegrenzt. Letzterer ist nur auf CCl 65, 1r mit einem plastischen Muster (Rauten und Kreise) belegt und auf CCl 67, 43v mit einem dem punzierten Binnenrahmen auf CCl 68, 44r ähnlichen Punkt-Ornament versehen. Meist wird die Innenseite des unteren Rahmenteils in Suggerierung einer Beleuchtungssituation deutlich aufgehellt (z.B. CCl 65, 1r, CCl 66, 327v, CCl 67, 43v, 196r); bei den "Michael"-Initialen des Antiphonars werden hingegen ausnahmslos die Innenseiten des unteren und rechten Rahmenteils gehöht (z.B. CCl 65, 157v, CCl 66, 143r, CCl 67, 76v). Einen punzierten Binnenrahmen zeigen nur drei Initialen: CCl 65, 2v in Form einer Punktreihe, CCl 66, 221r als von je einer Doppellinie eingegrenzte Abfolge von Vierblatt-Punzen (Durchmesser ca. 3 mm) und Doppelpunkten, CCl 68, 44r – ebenso wie die historisierte Initiale CCl 37, 1r – in Form des Binnenrahmens der Initiale CCl 66, 221r, jedoch mit einer einfachen Kreispunze (Durchmesser ca. 2mm) anstelle der Vierblatt-Punze.
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Der Binnengrund der Initialen CCl 66, 221r ist in Braun, der Initialen CCl 65, 2v und CCl 68, 44r in Schwarz, der übrigen in zwischen Rosa und Purpur schwankenden Farbtönen gegeben. Als stets in Gold gehaltene Binnengrund-Ornamentik findet sich eine in Dreiblättchen endende Spiralranke bei den Initialen CCl 65, 1r, CCl 66, 221r, CCl 68, 13r (hier flüchtiger), ein Rautenmuster bei CCl 65, 2v und CCl 67, 43v, eine in stilisierte Blüten auslaufende Spiralranke auf CCl 66, 132r und CCl 68, 44r.

Die Rankenausläufer, die sich aus dem den Initialkörper konturierenden Wulst entwickeln oder – bei CCl 65, 1r, Ccl 67, 16v, 196r – am Rahmen ansetzen, erstrecken sich in der Regel über drei Seitenränder. Die Form des Rankenverlaufs, wie sie die erste Initiale (CCl 65, 1r) zeigt, wird wiederholt von den dem Hauptmeister zuzuschreibenden Initialen CCl 67, 16v (Gnadenstuhl) und CCl 67, 28v (Melchisedek), von den Ranken der herausgeschnittenen Initiale CCl 65, 32v und denen der stilistisch nicht eindeutig zuordbaren Strahlenkranzmadonna CCl 67, 196r. Dabei bildet die Ranke in Höhe der Initiale zwei mit je einem großen Blatt- oder Blütenmotiv besetzte Schlingen aus, verläuft dann geradlinig entlang des Schriftspiegels (unterbrochen von Goldpunkten oder – auf CCl 67, 196r und CCl 68, 85v – einer Blattmaske) und zeigt ein weiteres Rankenmedaillon dort, wo der vertikal verlaufende Rankenstengel in den wellenförmig verlaufenden Rankenast am unteren Seitenrand übergeht. Um einen Stab sich windende Initialausläufer finden sich bei der Initiale CCl 66, 132r (Ostermorgen), CCl 67, 61v (Petrus) und bei der herausgeschnittenen Initiale CCl 68, 85v, wellenförmig bewegte, die Seitenränder in gleichmäßiger Dichte füllende Ausläufer bei den Initialen CCl 66, 327r (Verkündigung), CCl 66, 221r (Himmelfahrt) und – in ähnlicher Form – CCl 68, 44r (Christus und Zachäus).
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Die Rankenausläufer der Initiale CCl 65, 2v (David) und die der folgenden unfigürlichen Initialen (siehe unten) weichen demgegenüber stark ab. Sie verlaufen – im wesentlichen nur an der linken Schriftspiegelseite – in einer leichten Wellenbewegung und sind vor allem mit großen sechsteiligen Blättern besetzt, die sich durch ihre schematische Form und in den kräftigen Farben von den Rankenausläufern der übrigen "Nikolaus"-Initialen deutlich absetzen.

Diese sechsteilige Blattform (⇒Anm. 80-1) ist in allen Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts vorherrschend (im Antiphonar z.B. CCl 65, 2v, CCl 66, 132r, CCl 67, 16v, 61v). In ein und derselben Ranke wird sie häufig so variiert, daß die beiden mittleren der sechs Blattlappen einmal einen runden, einmal einen geraden Abschluß erhalten (siehe z.B. CCl 65, 2r oder – als Beispiel für eine "Michael"-Initiale des Antiphonars – CCl 67, 76v). Eine andere, bei den "Michael"-Initialen nicht nachweisbare Blattform mit lang ausgezogenem, geschwungenem mittleren Lappen (z.B. CCl 67, 28v) ist in identischer Form in Klosterneuburg nur in Handschriften der frühen zwanziger Jahre nachweisbar (z.B. CCl 44, 1r, CCl 45, 1r, CCl 38, 1r). Hingegen ist die Rankenblattform der Initialen CCl 68, 13r und 44r, die im Antiphonar ansonsten nicht zu finden ist, nicht nur in Handschriften des dritten Jahrzehnts (z.B. CCl 129, 149v, CCl 290, 35v) vertreten, sondern bereits im RD (z.B. 179r) nachweisbar.

Fast alle Blattranken sind von "Vier-Beeren"-Motiven begleitet: Gruppen von je vier in Gold, Rosa, Blau und Grün gehaltenen Punkten, die durch rosa oder violettes Fleuronnée [Seite 81] miteinander und mit der Ranken verbunden sind (⇒Anm. 81-1).

An Farben wird die übliche Palette verwendet: Blau, Grün, Rosa, Grau, Ocker, zur Petrus-Initiale (CCl 67, 61v) Karmin. Rosa findet sich in verschiedenen Nuancen: so auf CCl 67, 1r in einem kräftigen Ton, auf CCl 67, 16v, 28v, 43v als sehr blasses Rosa – dieser Umstand könnte vielleicht als Hinweis auf eine gleichzeitige Ausführung dieser drei Initialen interpretiert werden –, auf CCl 66, 132r stark mit Deckweiß versetzt.

Den figürlichen "Nikolaus"-Initialen des Antiphonars sind außerdem acht einzeilige, unfigürliche Deckfarbeninitialen anzuschließen, die jeweils zu der ihnen nächststehenden historisierten Nikolaus-Initiale in Ornamentik und/oder Farbwahl Beziehungen zeigen. So sind der Hand, die den Buchstabenkörper und die Rankenausläufer der Initiale CCl 65, 2v (David) geschaffen hat, sicher auch die in Ornamentik und Farbtönen vollkommen übereinstimmenden CCl 65, 13r, 21v, 22v und 36v zuzuschreiben; das sind alle unfigürlichen Initialen jener ersten vier Lagen von CCl 65, die sich auch durch ein einheitliches Lombarden-Fleuronnée (⇒Anm. 81-2) zusammenschließen. Neben den gleichartigen Rankenausläufern findet sich auch dieselbe Art der Buchstabenkörperfüllung durch kugelige Blattformen, die gegenüber den mit verwandten Buchstabenkörperfüllungen versehenen historisierten "Nikolaus"-Initialen allerdings schematischer wiedergegeben sind. Die qualitätvoller ausgeführten Blattranken der ausgeschnittenen Initiale CCl 65, 32v wiederholen hingegen in ihrem Verlauf das durch die Initiale CCl 65, 1r vorgegebene Schema.
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Von der Hand der Initiale CCl 67, 16v (Gnadenstuhl) stammen die drei unfigürlichen Initialen dieses Bifoliums auf 15r, 15v, 16r, wie die mit CCl 67, 16v übereinstimmenden Farben und Formen der Rankenblätter der Initiale auf 16r belegen. Gegenüber der Initialgruppe um CCl 65, 2v unterscheiden sich die hier genannten durch ein weit helleres Kolorit (anstelle des kräftigen Rosa ist hier eine sehr blasse Farbe getreten, die die Vorzeichnung deutlich erkennen läßt); die unfigürlichen Initialen setzen sich zudem durch die flächige Buchstabenkörperfüllung und die kurzen Blattausläufer von der Initialgruppe um CCl 65, 2v deutlich ab.

Die unfigürliche Initiale CCl 66, 327r stimmt zwar mit der auf der Versoseite dieses Blattes befindlichen Verkündigungsinitiale lediglich im verwendeten Ockerton überein; ihre kugelige Buchstabenkörperfüllung schließt an die der Initialen der ersten vier Lagen in CCl 65 an. Die Rankenblattformen (vergleichbar die der Johannes Baptista-Initiale CCl 67, 43v) sind identisch mit jenen an den Ecken des Turs Missale-Kanonbildes angesetzten.

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Stilistische Unterschiede der figürlichen Darstellungen der "Nikolaus"-Initialen lassen – unter der Voraussetzung, daß figürliche Darstellung und Ornament einer Initiale von derselben Hand stammen – auch Unterschiede in der Ornamentik der betreffenden Initialen erwarten. Obwohl solche Unterschiede (im Rankenverlauf, in Einzelmotiven und im Kolorit) zweifellos vorhanden sind – und zwar in einer Breite, die der Annahme einer einzigen ausführenden Hand entgegensteht –, so erlauben diese doch weder eine Bestätigung der an Hand von Unterschieden der figürlichen Darstellungen getroffenen Scheidung der Initialen in zwei Gruppen, noch gestatten sie bezüglich des Verhältnisses zur Ornamentik der übrigen Handschriften des dritten Jahrzehnts eine weitergehende Aussage als die, daß diese und die "Nikolaus"-Initialen dasselbe Ornamentvokabular verwenden (⇒Anm. 82-1). [Seite 83]

Daß Initialen mit verschiedenen Händen zugeschriebenen Darstellungen sich durch die Ornamentik wieder zusammenschließen, könnte durch das schichtenweise Zusammenarbeiten mehrerer Kräfte erklärt werden. Wahrscheinlich ist es so gewesen, daß dann, wenn eine Anzahl von Lagen fertiggeschrieben und zur Ausschmückung weitergegeben worden war, mehrere historisierte Initialen gleichzeitig ausgeführt wurden, wobei die Arbeit an ihnen fallweise aufgeteilt wurde. So stammt der Deckfarbenschmuck der ersten vier Lagen von CCl 65 – für deren gleichzeitige Ausschmückung auch das einheitliche Lombarden-Fleuronnée spricht – zweifellos von zwei verschiedenen Händen. Der Haupthand ist dabei die erste Initiale (CCl 65, 1r) zur Gänze, das Initialbild von CCl 65, 2v (David) und – nach der Form der Rankenausläufer der herausgeschnittenen Initiale zu schließen – CCl 65, 32v zuzuweisen, einer Hilfshand hingegen die Ornamentik von CCl 65, 2v und alle übrigen unfigürlichen Initialen der ersten vier Lagen. Bei den aufeinanderfolgenden Initialen Schutzmantelmadonna (CCl 68, 13r) und Christus und Zachäus (CCl 68, 44r) wäre hingegen eine Zusammenarbeit so denkbar, daß die relativ altertümlichen, schon im RD nachweisbaren Rankenblattformen und die zu Bl. 163r des RD Beziehungen aufweisende Szene des Christus und Zachäus von einer Hand stammen, während sich die Ausführung der Madonna mit den Schutzbefohlenen (unter ihnen der Auftraggeber der Handschrift!) der Hauptmeister vorbehalten hat.

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Gegenüber der Ornamentik der besprochenen Handschriften des ersten Jahrzehnts ist die der genannten Codices des dritten Jahrzehnts bedeutend weiterentwickelt. Mit Ausnahme der Rankenblattformen der Initialen CCl 68, 13r und 44r sind alle anderen Blattformen, die Art der Buchstabenkörperfüllung sowie die Formen des Rankenverlaufs im ersten Jahrzehnt noch nicht nachweisbar. Auf die Herkunft dieses neuen, am besten in den figürlichen "Nikolaus"-Initialen faßbaren Ornamentik aus der Martyrologium-Werkstatt [Seite 84] hat erstmals Schmidt hingewiesen (⇒Anm. 84-1). Die engsten Übereinstimmungen bestehen zu dem 1414 für das Zisterzienserkloster Sedlec bei Prag angefertigten Sommerteil eines Antiphonars (Brünn, Staatsbibl., NR 25), das nur mehr drei historisierte Initialen (Verkündigung, Philippus und Jacobus, Christus und Zachäus) enthält (⇒Anm. 84-2). Den Buchstabenkörper-Blattrankenfüllungen des Sedlecer Antiphonars kommt in ihrer Kompliziertheit die der Initiale CCl 65, 1r am nächsten – man vergleiche damit etwa die aus dem Sedlecer Antiphonar stammende Initiale Jakobs Traum (⇒Anm. 84-3) die der restlichen Initialen von CCl 65-68 sind hingegen –; deutlich einfacher. Die Rankenausläufer der Sedlecer Handschrift zeigen grundsätzlich denselben Verlauf wie er für die Initialen CCl 65, 1r, 32v, CCl 67, 16v, 28v, 196r bereits beschrieben wurde – wie etwa ein Vergleich zwischen der Sedlecer Verkündigungsinitiale und CCl 67, 16v oder 28v zeigen kann. Aus dem Formenrepertoire der "Nikolaus"- Rankenausläufer in CCl 65-68 ist nicht nur das eine Art Leitmotiv für die Handschriften der Martyrologium-Werkstatt darstellende Vier-Beeren-Motiv und die den Rankenstengel unterbrechenden Masken (⇒Anm. 84-4) sondern auch ein Teil der Rankenblattformen im Antiphonar von Sedlec beziehungsweise schon im Martyrologium von Gerona – vor allem auf den von Hand B (Martyrologium-Meister) ausgestatteten Blättern – zu finden. So die bereits beschriebenen sechsteiligen [Seite 85] Blätter und spitz zulaufenden dreiteiligen (zu letztgenannter Blattform vergleiche z.B. CCl 67, 28v oder CCl 44, 1r mit der Blattform am oberen Rankenast der Sedlecer Philippus und Jacobus-Initiale) (⇒Anm. 85-1), während die in der Martyrologium-Werkstatt besonders häufig vertretenen dreiteiligen Blätter mit verdickten Mittelrippen in den Ranken des Antiphonars CCl 65-68 nur bei der Himmelfahrtsinitiale (CCl 66, 221r) nachweisbar sind (⇒Anm. 85-2).

Mit dem Sedlecer Antiphonar stimmt CCl 65-68 auch im Ausstattungssystem (Cadellen, Lombarden mit Fleuronnée, Deckfarbeninitialen) überein. Achtzeilige Groß-Antiphonarien mit ähnlichem Ausstattungssystem sind in Böhmen schon aus der Mitte des 14. Jahrhunderts überliefert; so das um 1360/61 entstandene Wischehrader Antiphonar in Vorau (Cod. 259) (⇒Anm. 85-3). Bei diesen Handschriften durchkreuzen sich allerdings die verdoppelten Schäfte der einzelnen Formeln vorangestellten Satzmajuskeln in der Regel nicht, so daß diese Initialen noch nicht wie im Sedlecer und Klosterneuburger Antiphonar als Cadellen anzusprechen sind (⇒Anm. 85-4). In Österreich wird dieses für Chorbücher im Großfolioformat entwickelte Ausstattungssystem offensichtlich erstmalig durch CCl 65-68 vertreten (⇒Anm. 85-5).
[Seite 86]

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An der Ausschmückung der Lombarden und Cadellen des 1420/24 entstandenen Grundstocks des Antiphonars waren rund ein halbes Dutzend Kräfte – mit allerdings sehr unterschiedlichem Anteil – beschäftigt (⇒Anm. 86-1).

Drei von ihnen (Hand A, C, H) sind in Klosterneuburger Handschriften mit Deckfarbenschmuck nachweisbar, eine vierte (Hand G), die im Antiphonar lediglich das Cadellen-Fleuronnée von CCl 65, 3r-9v ausgeführt hat, ist in den nur mit Lombarden und Fleuronnéeinitialen ausgestatteten CCl 667 (datiert 1421) und CCl 376 (datiert 1420) zu finden (⇒Anm. 86-2). Hand H, in CCl 65 für das Cadellen-Fleuronnée auf 10r-19r verantwortlich, hat die mit der Sigle C bezeichneten Lombarden des 1421 datierten CCl 129 mit Fleuronnée versehen und die Fleuronnéeinitiale zum Beginn von CCl 380 (datiert 1422, ohne Deckfarbenschmuck) eingesetzt; von Hand C des Antiphonars, die dort Lombarden von insgesamt 44 Lagen mit Fleuronnée geschmückt hat, stammt das Fleuronnée in CCl 321 und auf 3r in CCl 35. Das Fleuronnée der Hand A findet sich im Antiphonar in den ersten vier Lagen des CCl 65, auf all jenen Doppelblättern in CCl 65-68, die mit einer figürlichen "Nikolaus"-Initiale versehen sind und zu einigen wenigen versprengten Lombarden.

Alle weiteren Handschriften, in denen der Antiphonar-Florator A nachweisbar ist, sind ebenfalls mit Deckfarbeninitialen ausgestattet. Daß dieser auch Deckfarbeninitialen ausgeführt hat, zeigt schon die Fleuronnéeinitiale CCl 34, 342v (⇒Anm. 86-3); sie stimmt in den verwendeten Farben mit der auf demselben Blatt befindlichen Deckfarbeninitiale völlig überein (das Rosa des Buchstabenkörpers begegnet in einigen Rankenblättern [Seite 87] wieder, das Gelb ihres Fleuronnées als Höhung der Blattfüllung der P-Initiale und einer Reihe von Ranken-Blättern). In CCl 37 – mit einer historisierten Initiale von der Hand der Ostermorgen-Initiale des Antiphonars (CCl 66, 132r) – sind die Fleuronnéeinitialen zu den Kapitelanfängen der ersten zwölf Lagen dieser Hand zuzuweisen (⇒Anm. 87-1). In CCl 722 B sind insgesamt fünf Lombardinitialen in poliertem Gold, in Blau oder Rosa mit rosafarbenem oder Goldfleuronnée dieser Hand versehen worden; in CCl 290 stammt das Goldfleuronnée der kleinen Deckfarbeninitiale auf 15r von ihr (⇒Anm. 87-2). In CCl 602 könnte das am Buchstabenkörper radial ansetzende Goldfleuronnée auf Grund des eckigen Duktus ebenfalls dieser Hand zuzuschreiben sein (⇒Anm. 87-3). Hand A zuzuordnen sind auch die fünf Fleuronnéeinitialen aus Cvp 2783 (⇒Anm. 87-4) sowie – auf Grund der eckigen Perlen und charakteristischen Fadenausläufer – die Fleuronnéerahmung des Deckfarbenschmucks auf 1v der Historia-Handschrift.
[Seite 88]

Anerkennt man, daß die Deckfarbeninitialen CCl 34, 342v und CCl 290, 15r von Hand A aus CCl 65-68 ausgeführt worden sind, so ist dies auch für die Händescheidung im Deckfarbenschmuck der Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts von Bedeutung. Zum einen folgt daraus, daß man dieser Hand A auch die übrigen im Deckfarbenschmuck mit CCl 34 übereinstimmenden Handschriften der dritten Gruppe (CCl 47, CCl 139 und den größten Teil von CCl 35) (⇒Anm. 88-1) zuschreiben muß, zum anderen, daß – in Hinblick darauf, daß die Deckfarbeninitiale CCl 290, 15r ebenfalls von Hand A stammt – die Unterschiede zwischen Deckfarbenschmuck der Handschriften der dritten Gruppe und denen der frühen zwanziger Jahre offenbar nicht nur durch die Annahme verschiedener Illuminatoren sondern auch durch die Weiterentwicklung desselben Illuminators erklärt werden können. Das Auftreten von Hand A in Handschriften, die in ihren figürlichen Darstellungen und/oder in ihrer Ornamentik Beziehungen zu den "Nikolaus"-Initialen des Antiphonars zeigen, läßt eine Identifizierung dieses Florators mit Nikolaus oder einem engen Mitarbeiter desselben für möglich erscheinen, wobei die zweite Möglichkeit – berücksichtigt man die schwächere Qualität des Deckfarbenschmucks der dritten Handschriftengruppe gegenüber den für Nikolaus in Anspruch genommenen Antiphonar-Initialen und das Auftreten dieses Fleuronnées in dem mit Deckfarbenschmuck der Hand der Ostermorgen-Initiale des Antiphonars ausgestatteten CCl 37 – meiner Meinung nach die wahrscheinlichere ist. Das würde bedeuten, daß der Großteil des Deckfarbenschmucks der Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts und das Antiphonar-Fleuronnée der Hand A einer Kraft zuzuschreiben wäre, die eventuell mit dem in den Rechnungsbüchern genannten Illuminator Veit identisch ist.
[Seite 89]

Die Tatsache, daß letzterer erst ab 1424 in den Rechnungsbüchern aufscheint, könnte so interpretiert werden, daß er vor 1424 als untergeordneter Werkstattgenosse des Nikolaus von diesem seinen Lohn empfangen hat (⇒Anm. 89-1) und erst nach Ablauf der Zusammenarbeit am Antiphonar als selbständiger Illuminator in Klosterneuburg tätig war (⇒Anm. 89-1).

* * *

Die Lombarden des Antiphonars zeigen einen einheitlichen Formenkanon, geringfügige Varianten im Duktus lassen es möglich erscheinen, daß sie eventuell von mehreren Händen nach einer für alle verpflichtenden Vorlage oder Werkstatt-Tradition eingesetzt wurden (⇒Anm. 89-2). Sie sind mit den Lombarden der Klosterneuburger Handschriften um 1400 eng verwandt; deutlich und stets auf dieselbe Weise verschieden sind jedoch die Buchstabenkörperformen für F und R.

Dieselben Formen wie im Antiphonar zeigen alle Lombarden in CCl 273 und jene des ersten Doppelblattes (Bl.1, 12) in CCl 46. Der Umstand, daß auch alle Lombarden der ersten zwölf Lagen in CCl 37 – inklusive der mit Fleuronnée der Hand A ausgestatteten Kapitelinitialen, – die vom Antiphonar her bekannten Formen zeigen, legt nahe, daß sich der Antiphonar-Florator A dieses spezifischen Lombardenalphabetes bedient hat.

Der Großteil der Lombarden der bislang besprochenen Handschriften des dritten Jahrzehnts ist von Kräften, die in Klosterneuburg nur in diesem Jahrzehnt nachweisbar sind, eingesetzt worden. Die folgende Übersicht beschränkt sich im wesentlichen auf die mit den "Nikolaus"-Initialen des Antiphonars nahestehendem Deckfarbenschmuck ausgestatteten [Seite 90] Klosterneuburger Handschriften (⇒Anm. 90-1). Jeder der farbigen Striche steht dabei für eine Hand, die in mehreren Handschriften nachweisbar ist. Über den Anteil der verschiedenen Hände am Buchschmuck siehe unter den entsprechenden Katalognummern.

Daß die hier in Rede stehenden Lombarden von den Schreibern der Handschriften eingesetzt worden sind, ist in der Mehrzahl der Fälle auszuschließen, da Lombarden derselben Hand sich in von verschiedenen Händen geschriebenen Codices finden oder ein Handwechsel in der Schrift nicht mit einem solchen bei den Lombarden (oder umgekehrt) konform geht. Da zudem von den in illuminiertenbwse Handschriften des dritten Jahrzehnts mit der Einsetzung von Lombarden beschäftigten Händen – wie gesagt – in Klosterneuburg keine vor 1420 nachweisbar ist, werden zumindestens einige von ihnen der Werkstatt angehört haben, die in Klosterneuburg in den frühen zwanziger Jahren tätig war. Als sicher kann dies auch bei der mit der Sigle A bezeichneten Kraft aus CCl 36-38 betrachtet werden, da diese nicht nur auch in CCl 128-129 und im nur mit Fleuronnéeinitialen ausgestatteten CCl 116 (datiert 1422) tätig war, sondern auch alle Lombardinitialen des Turs-Missales ausgeführt hat.
[Seite 91]

Selbstverständlich wird man die Zahl der im genannten Zeitraum in Klosterneuburg nachweislich mit dem Ausschmücken von Büchern im Rahmen einer Buchmaler-Werkstätte beschäftigten Kräfte nicht einfach durch Addition der Anzahl der Illuminatoren, Floratoren und mit dem Einsetzen von Lombarden beschäftigten Kräften eruieren können (⇒Anm. 91-1), da – wie hier aufgezeigt werden sollte – einzelne Kräfte der Werkstatt in verschiedenen Medien des Buchschmucks tätig waren. Aus dieser Beobachtung ergibt sich auch eine Folgerung für die Forschungsmethodik: Man wird bei der Suche nach weiteren Zeugen der Tätigkeit einer Buchmaler-Werkstatt oder eines Illuminators nicht nur nach verwandten figürlichen Darstellungen und verwandter Deckfarbenornamentik Ausschau halten müssen, sondern in diese Suche auch Fleuronnée und Lombarden der bereits bekannten Handschriften der Werkstätte beziehungsweise des Illuminators einschließen.

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Zweifellos ist die Mehrzahl aller Lombarden jener Handschriften, die ausschließlich mit diesem Initialtyp ausgeschmückt sind, nicht von Mitgliedern eines Buchmalerateliers ausgeführt worden, sondern sie wurden vom Schreiber der jeweiligen Handschrift (eventuell gleichzeitig mit allen übrigen in Rot auszuführenden Teilen - Überschriften, Auszeichnungsstriche der Satzmajuskeln etc.) eingetragen, oder von einer Kraft, die vorzugsweise mit dieser Aufgabe betreut war, eingesetzt.

Solche Kräfte – die vor allem daran erkannt werden, daß ihre Lombarden in einer Reihe von Handschriften mit verschiedenen Schreibern nachweisbar sind und daß sie verschiedentlich jene Lombarden nachgetragen haben, die bei [Seite 92] der bisweilen weit früher erfolgten Ausschmückung der Handschrift mit Initialen übersehen worden waren – hat auch das Klosterneuburger Skriptorium nachweislich beschäftigt (⇒Anm. 92-1).

So etwa in den zwanziger Jahren jene Kraft – in obiger Übersicht mit der Sigle C in CCl 36-38 belegt –, die in insgesamt fünf illuminierten Handschriften und in einigen nur mit Lombarden ausgestatteten Codices (z.B. CCl 115; CCl 42, zweite Lage) nachweisbar ist. Gegenüber den übrigen Lombarden der illuminierten Handschriften des dritten Jahrzehnts sind die Lombarden dieser Hand weit weniger einem Formenkanon unterworfen und weitaus flüchtiger.

Von den wichtigsten Illuminatoren, die in Klosterneuburger Handschriften des zweiten Drittels des 15. Jahrhunderts tätig waren, konnten – ausgenommen Meister Michael (⇒Anm. 92-2) – keine Fleuronnéeinitialen nachgewiesen werden. Sie (der Albrechtsminiator, der Missalienmeister und der Lehrbüchermeister) dürften sich auf die Ausführung von Deckfarbeninitialen und Miniaturen – zumindestens in den heute noch erhaltenen Handschriften – beschränkt haben. In den Klosterneuburger Handschriften dieses Zeitraums ist eine Hand nachweisbar, die insgesamt tausende Lombarden eingesetzt hat. Auch die Zuschreibung einer spezifischen Form des Fleuronnées [Seite 93] an diese ist – da dieselben Fleuronnéeausläufer immer nur in Kombination mit den Lombarden dieser Hand auftreten – gerechtfertigt, ebenso wie die Zuschreibung einiger "Gitterinitialen" (z.B. CCl 124, 1v), die nur in Handschriften mit Lombarden und Fleuronnée dieser Hand vorkommen (⇒Anm. 93-1). Gegenüber den Lombarden in illuminierten Klosterneuburger Handschriften um 1400 oder denen des Antiphonar-Grundstocks gibt es nun für einen Buchstaben mehrere Formen, die weitaus komplizierter geworden sind. Einerseits durch die häufig in eine Art Kugel mit Dorn endenden langen Anstriche, Basisstriche und Ausläufer des Buchstabenkörpers, andererseits durch die "Schwellungen", die dadurch entstanden sind, daß die vordem kreissegmentartig ausgebildeten Buchstabenkörperteile an ihren Enden verschmälert, in ihrer Mitte jedoch verbreitert worden sind. (Man vergleiche etwa die Lombarden C, D, E, G im Grundstock des Antiphonars mit jenen dieser Hand.) Diese Verkomplizierung der Lombardenformen im Laufe des 15. Jahrhunderts ist in zahlreichen Handschriften dieser Zeit nachweisbar.

Die lange Zeitspanne, über der der oben genannte Klosterneuburger Florator nachweisbar ist, läßt vermuten, daß es ein Stiftsmitglied war, das sich mit dem Ausschmücken von Handschriften beschäftigt hat. In diesem Bereich des Buchschmucks, wo – wie die Initialen der in Rede stehenden Hand beweisen – ein durchaus passables Niveau erreicht werden konnte, wird man bei Handschriften aus Klosterbibliotheken am ehesten die Tätigkeit von Klostermitgliedern erwarten dürfen.
[Seite 94]

Das Palocs-Brevier Salzburg, Studienbibl., Cod. M II 11 (⇒Kat.-Nr.49).

Der Deckfarbenschmuck dieses 1423/39 entstandenen Breviers der Graner Diözese weist insgesamt 16 historisierte, einer einzigen Hand zuzuweisende Initialen durchschnittlicher Qualität auf. Die Palette umfaßt neben Grün, Rosa und Blau auch Ocker und Dunkelrot. Die Gewänder zeigen meist eine "pontillistische" Maltechnik.

Tietze vermutet eine "österreichische, nach dem Kalendar vielleicht dem Kreis König Sigismunds entstammende Arbeit aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts." Hoffmann konnte durch Entzifferung der Eintragung auf dem VD-Spiegel der Handschrift und durch Identifizierung des auf 8r und 236v abgebildeten Wappens den Besteller des Codex, Georg von Palocs, Erzbischof von Gran 1423-1439, eruieren. Sie sieht in der Handschrift ein ungarisches Kunstwerk. Frisch meint "der Stil steht dem Flämischen näher und hat mit Prag nichts zu schaffen..."; im Ausstellungskatalog "Salzburgs alte Schatzkammer" wird das Brevier als "böhmisch, 1. Viertel 15. Jahrhundert" klassifiziert (⇒Anm. 94-1).

Die deutlichste Übereinstimmung zu diesem Codex zeigt ein Fragment eines Melker Missales in New York (⇒Anm. 94-2). Die Maria der Initiale auf 8r dieses Fragments ist im Gesichtstypus (betontes Kinn) der auf 110v oder 343r des Breviers engstens verwandt. Der Jesusknabe der Brevier-Initiale auf 110v ist mit einem durchscheinenden, am Saum mit einer Reihe weißer Punkte besetzten Tuch bedeckt; ein Tuch derselben Art umhüllt die Lenden Christi auf 11r des Melker Fragments.
[Seite 95]

Spiralförmig gewundene Blattranken als Buchstabenkörperfüllung finden sich auf 8r des Missales wie auf 110v des Breviers, mit Punkten oder Kreisen ornamentierte Buchstabenkörperteile wie auf 8r z.B. in den Brevier-Initialen auf 39v, 231r, 343r, die Form der linken Initialgrund-Kontur der Kolomann-Initiale auf 9r des Missales begegnet bei den KL-Initialen des Brevier-Kalendars. Die untere Hälfte des am linken Seitenrand auf 94r des Breviers entlanglaufenden Rankenastes ähnelt jenem zwischen den Kolumnen auf 9r des Missale-Fragments, und auch die einzelnen Blattformen des Missale-Fragments sind jenen des Breviers ähnlich: Man vergleiche die Blätter am jeweils oberen Seitenrand von 8r des Missales und 110v des Breviers und die des jeweils unteren Seitenrandes von 9r des Missales und 326r des Breviers. Die Blattformen des Breviers sind allerdings "jünger", das heißt, sie wirken weniger geschmeidig, ihre Formen sind verhärteter, ihre Konturen eckiger. Das "Vier-Beeren"-Motiv des Missales (8r, 9r) ist im Palocs-Brevier nicht vertreten. Eine Ausführung beider Handschriften durch dieselbe Hand darf auf Grund dieser Übereinstimmungen angenommen werden.

Der Faltenstil mancher Figuren des 1423/39 zu datierenden Breviers ist schon knittriger als der der Assistenzfiguren des Missale-Fragments, deren Faltenzüge etwa gegenüber dem Auferstandenen auf 208r des Breviers gerundeter erscheinen und deren Gewänder beim Aufstoßen am Boden weniger deutlich umknicken. Eine Datierung von "1430/35" für das Palocs-Brevier und von "um 1425" für das Missale- Fragment (⇒Anm. 95-1) erscheint – auch in Hinblick auf die nachstehenden Ausführungen – vertretbar.

Zweifellos von derselben Hand stammen einige unfigürliche Initialen des 1426 datierten St. Lambrechter Missales Graz, UB, Cod. 122 (⇒Anm. 95-2), dessen figürliche Initialen dem Umkreis der [Seite 96] Grillinger-Bibel (⇒Anm. 96-1) zuzuordnen sind. Die Initiale C auf 140v des Grazer Codex entspricht in ihrer Außengrund-Ornamentik und in der Blattfüllung des linken Buchstabenkörperteils z.B. der Initiale auf 8r des Missale-Fragments, die Kolomann-Initiale auf 9r des Fragments zeigt eine mit dem rechten Teil des C übereinstimmende Schaftfüllung. Die Buchstabenkörperfüllung der S-Initiale auf 127v der Grazer Handschrift begegnet etwa bei den Initialen 208r, 343r und – als Binnengrund-Ornament – bei der Initiale auf 39v des Palocs-Breviers. Das Binnengrund-Ornament der S-Initiale entspricht dem des Kanonbildes des Missale-Fragmentes, der Rahmen – mit in einem einzigen Farbton gehaltenen Innenseiten – findet sich in identischer Form etwa auf 8r des Missale-Fragments und bei den Brevier-Initialen auf 39v und 94r.

In der Ornamentik zeigt das Palocs-Brevier auch Verbindungen zu Handschriften des Albrechtsminiators, vor allem zu im Zeitraum 1425/35 entstandenen. Dort finden sich dieselben flächigen Buchstabenkörperfüllungen in "Stiefeletten"-Form und vergleichbare Blattranken. Die Buchstabenkörperfüllung der Initialen auf 39v, 94r und 131v des Palocs-Breviers findet sich etwa im um 1425 entstandenen Turs-Missale (⇒Anm. 96-2) auf den Seiten 108, 114 und 176, bei den beiden Initialen auf 6r und 168r des gegen 1430 entstandenen Missales St. Pölten, Cod. 51 (⇒Anm. 96-3) und auf Bl. 6r von CCl 124. Die Ranken des Palocs-Breviers bilden wie beim Albrechtsminiator große Medaillonfelder mit vielteiligen Blättern oder stilisierten Blüten im Zentrum aus – man vergleiche etwa die Rankenausläufer des Turs-Missales auf den Seiten 100 und 120 mit denen von 326r des Breviers, die im Vergleich zum Turs-Missale etwas spröder, unorganischer wirken, Bl. 94r des Breviers mit Melk, Cod. 616, erstes Kanonblatt oder – für die Blüten am unteren Seitenrand – Bl. 5v des um 1435 zu datierenden Cvp 1187 (⇒Anm. 96-4). [Seite 97]

Die im Palocs-Brevier vorherrschende Blattart – wie sie etwa am oberen Seitenrand von 110v des Breviers und in vergleichbarer Form schon in Klosterneuburger Handschriften der Jahre 1426/28 (z.B. CCl 139, 1r) vertreten ist (⇒Anm. 97-1) – findet sich in ähnlicher Form in Albrechtsminiator-Handschriften ab den frühen dreißiger Jahren: etwa auf 21v des 1432 datierten CCl 57 (mit dieser Blattranke auch Blattformen am unteren Seitenrand von 110v des Breviers vergleichbar), auf 6r des CCl 124 (⇒Anm. 97-2) und auf 1r der Handschrift Berlin, STB, Cod. germ. quart 490. (⇒Anm. 97-3)

Eine Verbindung Palocs-Brevier – Albrechtsminiator besteht auch in Stil und Ikonographie. Wie bei diesem sind auch im Brevier die Figuren stets in einer bildparallelen Ebene angeordnet und meist streng frontal gesehen (siehe z.B. die Initialbilder 208r und 231r des Breviers). Zum Formular der Geburt Christi wird in den Albrechtsminiator-Handschriften – wie im Palocs-Brevier auf 110v und im Missale-Fragment auf 8r – die Anbetung des Kindes durch Maria dargestellt (Turs-Missale, Seite 104, Cvp 1767, 10r). Das nackte Jesuskind der genannten Initialen ist stets in steifer Haltung, mit nur leicht angewinkelten Beinchen gegeben. Die Maria der Initiale des Turs-Missales trägt wie die Marien der erstgenannten beiden Initialen ein Haarband; ihre große aufspringende Tütenfalte (in sehr ähnlicher Form auch auf 69v von Cvp 2722) findet sich auch auf 326r und 231r im Palocs-Brevier. Die Ikonographie der Pfingstdarstellung des Palocs-Breviers – Maria vor zwei flankierenden [Seite 98] Aposteln streng frontal gesehen am Boden hockend – findet sich wieder in der ausgeschnittenen Initiale New York, Pierpont Morgan Library, M. 878 (⇒Anm. 98-1). Konkreter sind die Beziehungen zum Albrechtsminiator in der Szene der Elevatio hostiae auf 238v des Palocs-Breviers. Die Haltung des Priesters der genannten Initiale zum Fronleichnams-Formular stimmt völlig mit den entsprechenden Darstellungen in Cvp 2722, 144r und der davon abhängigen auf 1v in Melk, Cod. 1080 überein. (⇒Anm. 98-2) Der Auferstehende auf 208r des Palocs-Breviers zeigt zu dem auf 86v des Cvp 2722 auch Analogien im Faltenstil: durch die um die Schauseite der Figur geführten Zugfalten zeigt die linke Körperkontur keinen streng geradlinigen Verlauf, und das linke Bein wird von zwei Stoffbahnen flankiert, deren Säume parallel verlaufen.

Vorbilder in der Art der Albrechtsminiator-Handschriften der frühen dreißiger Jahre müssen den aus Stift St. Dorothea stammenden (Besitzvermerke aus dem 15. Jahrhundert) und um die Mitte des 15. Jahrhunderts zu datierenden Cvp 666-668 (⇒Anm. 98-3) und Cvp 905 (⇒Anm. 98-4) zugrunde gelegen sein; man vergleiche etwa die Rankenblattformen von Cvp 666, 2v mit jenen von CCl 57, 21v oder die Blattfüllung des Buchstabenkörpers von Cvp 666, 33r mit der von CCl 124, 6r.

Wohl derselben Hand wie das Missale-Fragment ist das Melker Missale 239 (olim 987) zuzuweisen, das lediglich zwei Deckfarbeninitialen einer Hand enthält: die Adventinitiale [Seite 99] auf 3r zeigt im zweigeteilten Feld oben die Büste Gottvaters, unten die eines betenden Mönches, dessen als kleines Menschenfigürchen gegebene Seele seinem Mund entweicht; die Initiale auf 12r zur Geburt Christi ist unfigürlich. Die Form der Blattfortsätze der erstgenannten Initiale entspricht der des Missale-Fragments (z.B. 8r), die Blattfüllung des linken Teils der Adventinitiale in etwa der der Kolomann-Initiale auf 9r des Fragments. Wie beim Palocs-Brevier wird als Rankenfarbe auch ein dunkles Rot verwendet.

Der Deckfarbenschmuck einer Reihe von um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstandener Melker Handschriften greift teils auf Vorbilder des Albrechtsminiators zurück (z.B. Cod. 616) (⇒Anm. 99-1), teils zeigt er Verbindungen zur Ornamentik des Palocs-Breviers und Missale-Fragments. So entspricht die Initiale I auf 127v des Cod. 105 (⇒Anm. 99-3) in ihrem Formenrepertoire völlig dem Albrechtsminiator (vgl. etwa Melk, Cod. 616, erstes Kanonblatt), während die Augustinusinitiale auf 1v derselben Handschrift in ihren Rankenblattformen an die des Palocs-Breviers (z.B. 110v) erinnert. Die Physiognomie des Augustinus erscheint vergleichbar der des knienden Bischofs auf 94r des Breviers.

Die Form der Schaftfüllung auf 9r des Missale-Fragments begegnet in Melker Handschriften immer wieder: z.B. im genannten Codex 105 auf 31r oder im 1455 datierten Codex 194 (olim 336) (⇒Anm. 99-3) auf 153v und ist in ähnlicher Form auch [Seite 100] in der 1428/30 ausgeschmückten Grillinger-Bibel (z.B. auf 391v) nachweisbar. Deutliche Beziehungen zur Grillinger-Bibel zeigen die Melker Handschriften unter anderem im Fleuronnée, das an den streng vertikalen Fadenausläufern Reihen großer Perlen mit Spitzen oder kleinen Perlen in den Zwickeln zeigt (vgl. etwa Grillinger-Bibel, 127v mit Melk, Cod. 616, 19v oder Cod. 194, 238v).

Der Meister des Palocs-Breviers war somit um 1425 in Melk tätig, wo er zwei Missalien (New York, Public Library, Ms. 16, Bl. 8-11 und Melk, Cod. 239) illuminierte; 1426 war er an der Ausschmückung des St. Lambrechter Missales Graz, UB, Cod. 122 beteiligt. Die fallweisen Übereinstimmungen einzelner seiner Ornamentmotive mit solchen der Grillinger-Bibel bedeuten wohl, daß der Meister des Palocs-Breviers zeitweise mit Kräften aus der Werkstatt der Grillinger-Bibel – wie etwa 1426 in St. Lambrecht – zusammengearbeitet hat. Auf Grund des der Grillinger-Bibel verwandten Melker Fleuronnées wäre auch eine direkte Beeinflussung der Melker Buchmalerei durch Handschriften dieser Salzburger Werkstätte denkbar. In den frühen dreißiger Jahren ist der in Rede stehende Illuminator schließlich in Gran nachweisbar, nachdem er knapp vorher das Formenrepertoire des Albrechtsminiators kennengelernt hat.
[Seite 101]

Die Sternbilder des CCl 125 und Cvp 5415

Im folgenden soll versucht werden, das Verhältnis der hier erstmals in Zusammenhang gebrachten Federzeichnungen der genannten Handschriften näher zu bestimmen.

Cvp 5415, eine astronomische Sammelhandschrift, enthält in unkolorierter Federzeichnung zwei Sternkarten (168r, 170r), die zum Text "De compositione sphaerae solidae" (161r-191r) gehören, sowie Sternbild-Einzeldarstellungen, die an den entsprechenden Stellen eines Fixstern-Katalos (217r-251r) interpoliert sind. Die Handschrift ist vor allem ihrer beiden Sternkarten wegen wiederholt in der LIteratur genannt worden.

Saxl (⇒Anm. 101-1) datiert "vor 1464, da (auf) Bl. 217r eine Eintragung eines Benutzers aus diesem Jahre". Die auf 33v in dreipaßförmig zusammengestellten kleinen Kreisen enthaltenen Wappen identifiziert er folgendermaßen: "Links unten der österreichische Bindenschild, rechts unten das Wiener Stadtwappen, oben wohl das Wappen einer Wiener Familie". Das bekrönende Wappen – in Rot eine weiße Sturzkrücke – ist allerdings das Wappen des Stiftes Klosterneuburg. Zum Stil der Zeichnungen meint Saxl, daß die der Sternkarten und des Sternkataloges "evident von derselben Hand" seien und daß "die Zeichnungen des Codex nach oberitalienischer Vorlage von einem süddeutschen Zeichner aufs treueste kopiert wurden". Zinner wendet sich gegen die Meinung Saxls, daß die Himmelskarten süddeutsche Kopien italienischer Vorlagen seien und betont den süddeutschen Ursprung dieser bis um 1400 zurückverfolgbaren Karten. Ameisenowa übernimmt für die Himmelskarten die Datierung und Lokalisierung Saxls. Fischer datiert die Handschrift Mitte 15. Jahrhundert. Bei Unterkircher wird der Codex nach Wien (mit Fragezeichen) lokalisiert und 1435 (Datierung auf 191r) und 1444 (Datierung auf 159v) datiert. Im Katalog zur Kopernikus-Ausstellung wird erstmals auf eine mögliche Herkunft [Seite 102] aus Stift Klosterneuburg hingewiesen, die bei Unterkircher genannten Datierungen werden wiederholt.

Da der Codex jedoch von einer einzigen Hand geschrieben und ebenfalls von nur einer Hand rubriziert und mit roten und blauen Lombarden ausgeschmückt worden ist, können nicht sowohl 1435 als auch 1444 "echte" Datierungen sein. Die Datierung 1444 auf 159v bezieht sich auf den Traktat des Albion auf 3r-120r und 150r-160r; zwischen den ersten drei Teilen und dem vierten Abschnitt genannter Abhandlung ist auf 133r-141r eine Arbeit des Johannes Schindel, anschließend (141r-145r) eine kurze, 1433 datierte Abhandlung eingeschoben. Die auf den Albion-Text folgenden beiden Traktate sind 1435 datiert. In der Handschrift finden sich somit folgende Datierungen: 145r – 1433, 159v – 1444, 191r – 1435, 210v – 1435. Unter der Voraussetrzung, daß der Schreiber aus Versehen 1444 anstelle von 1434 eingesetzt hat, könnte die Entstehung des Cvp 5415 im Zeitraum 1433/1435 angenommen werden.

Eine Unterstützung findet diese Hypothese dadurch, daß der auf 110r und 124r 1434 datierte astronomische Cvp 5418 mit Cvp 5415 in kodikologischen Merkmalen so eng übereinstimmt, daß eine Entstehung beider Handschriften in unmittelbarer zeitlicher Nähe angenommen werden muß. (⇒Anm. 102-1)
[Seite 103]

Daß die Darstellungen des Sternkatalogs unmittelbar nach Niederschrift des Textes eingesetzt worden sind, beweisen die zu einzelnen Sternen hinzugesetzten Namen (z.B. 227r), die eindeutig von der Hand des Haupttext-Schreibers stammen.

CCl 125, eine aus verschiedenen Schriften kompilierte Naturenzyklopädie, die auf 7r-16r insgesamt 48, in die Kolumen interpolierte, mit Graubraun, Gelb-Braun, Blau und hellem Purpur kolorierte Federzeichnungen von Sternbildern enthält, ist auf anderem Papier und von anderer Hand als Cvp 5415 geschrieben worden. Die beiden Handschriften zeigen jedoch ein eng verwandtes, in Rot(!) eingetragenes Linienschema zur Rahmung des Schriftspiegels und der Zeichnungen und teilweise identische Lombarden. Die Lombarden der ersten sieben Lagen von CCl 125 stammen von jener Hand, die alle Lombarden in Cvp 5415 und 5418 sowie die von Bl. 224r-263v der 1434 und 1437 datierten, für Propst Georg Müstinger angefertigten Sammelhandschrift Cvp 5266 (⇒Anm. 103-1) ausgeführt hat – die Lombarden der restlichen Lagen von CCl 125 sind einem in Klosterneuburg etwa im Zeitraum 1430/60 tätigen Florator zuzuweisen. (⇒Anm. 103-2)

Zu einer Reihe von Sternbildern sind in beiden Codices kaum sichtbare, mit Stift eingetragene Symbole an den Seitenrand gesetzt, deren Bedeutung noch nicht völlig geklärt erscheint (⇒Anm. 103-3). Möglicherweise sind sie von einem Besitzer der beiden Handschriften später eingetragen worden.

Der enge ikonographische Zusammenhang zwischen den beiden Handschriften macht es sehr wahrscheinlich, daß der Zeichner von CCl 125 in all jenen Fällen, in denen es der Text (⇒Anm. 103-4) erlaubte, die Sternbilddarstellungen des zu diesem Zeitpunkt wohl schon in der Bibliothek des Klosterneuburger Propstes [Seite 104] Georg Müstinger (⇒Anm. 104-1) befindlichen Cvp 5415 kopierte. Eine weitgehende Übereinstimmung in der Ikonographie zeigen etwa die Sternbilder Wassermann (Cvp 5415, 240r – CCl 125, 9r), Schlangenträger (Cvp 5415, 227r – CCl 125, 10v), Jungfrau (Cvp 5415, 236r – CCl 125, 8r), Cassiopeia (Cvp 5415, 224v – CCl 125, 11r), Bootes (Cvp 5415, 221r – CCl 125, 10vb), Schiff Argo (Cvp 5415, 246v – CCl 125, 14r). Abweichungen – wie beispielsweise in den Sternbildern Cepheus (Cvp 5415, 220r – CCl 125, 11r) und Orion (Cvp 5415, 243r – CCl 125, 13v) – sind durch den den Sternbildern von CCl 125 jeweils vorangehenden Text voll gedeckt (⇒Anm. 104-2). Nicht durch den Text begründet ist, [Seite 105] daß im Gegensatz zu den Vorbildern in Cvp 5415 einige der Sternbilder in CCl 125 bekleidet worden sind (z.B. Schlangenhalter auf 10v, Schütze auf 8v).

Stilistisch haben die Sternbilddarstellungen beider Handschriften nichts miteinander zu tun. Die kräftig kolorierten des CCl 125 stammen zweifellos von einer einzigen Hand, die in Cvp 5451 nicht nachweisbar ist. Es sind schlanke, kraushaarige Figürchen mit kantigen Gesichtern, eckigen Bewegungen und schematischer Binnenzeichnung (z.B. 9r, 10v). Anstelle der Schreitstellung der Figuren von Cvp 5415 ist eine Grätschsstellung (z.B. 10v) getreten. Die Finger der ausgestreckten Hände laufen häufig spitz zu (z.B. 10v, 11r).

Oettinger (⇒Anm. 105-1) hat die Zeichnungen des CCl 125 als Frühwerk des Meisters der Linzer Kreuzigung betrachtet; auf die Unhaltbarkeit dieser Zuschreibung hat bereits Schmidt (⇒Anm. 105-2) &ndash dessen Meinung ich mich anschließe – hingewiesen.

Eine Beurteilung des Drapierungsstils ist nur bei der Virgo (8r), Cassiopeia (11r) und bei der die Milchstraße haltenden weiblichen Figur (⇒Anm. 105-3) (14vb) möglich. Gegenüber den entsprechenden Sternbildern in Cvp 5415 (Virgo 236r, Cassiopeia 224v; das Sternbild der Milchstraße ist in Cvp 5415 nicht enthalten) ist der Drapierungsstil in CCl 125 insofern fortgeschrittener, als die Gewänder stoffreicher geworden sind, sich mehr [Seite 106] am Boden ausbreiten (vgl. Jungfrau) und das Faltenrelief an der rechten Körperseite der Cassiopeia etwa kleinteiliger und unruhiger ausgebildet ist. Auch ist das Tuch des Wassermannes in CCl 125 deutlich knittriger gezeichnet als in Cvp 5415 (vgl. Cvp 5415, 240r – CCl 125, 9r). Während für den Drapierungsstil der Virgo auf 8r die von Schmidt vorgeschlagene Datierung "um 1430" vertretbar erscheint – in der Ausbildung der Saumzone des Gewandes ist die Jungfrau etwa dem Laurentius aus Rastenberg (⇒Anm. 106-1) vergleichbar (dieser wirkt jedoch insoferne etwas jünger als seine Stoffbahnen zum Teil deutlicher umknicken) –, rechtfertigt der hochgestaute, links auch eckig umbrechende Faltensockel der Figur auf 14v die durch die ikonographischen Bezüge zu Cvp 5415 nahegelegte Datierung des CCl 125 nach 1435.

Die Sternbilder des Cvp 5415 wurden mit Silberstift skizziert und mit der Feder in brauner bis schwarzer Tinte ausgezogen. Dabei wurden bisweilen Teile – wie das von der Hüfte abhängende Schwert des Bootes auf 221r oder die Terrainformeln neben der Andromeda auf 230v – in der Vorzeichnung stehen belassen. Aber auch Teile der Kontur (etwa auf 220 beim Rock oder auf 221r beim Ärmel der erhobenen Hand) und vor allem der Binnenzeichnung des Gesichtes (z.B. 240r) wurden des öfteren nicht mit Tinte nachgezogen. Der dadurch entstehende skizzenhafte Eindruck der Darstellungen war ursprünglich zweifellos stärker, denn die Mehrzahl der in Silberstift belassenen Partien wurden später in schwarzer Tinte nachgezogen – die Ergänzungen sind jedoch nur mit Mühe und nicht immer zweifelsfrei zu erkennen. (⇒Anm. 106-2) [Seite 107] Schraffur wird als Parallel- und Kreuzschraffur nur sparsam zur Andeutung von Dunkelzonen eingesetzt; vor allem in der Drapierung (z.B. 220r und 222v) und bei den in der hinteren Bildebene liegenden Tierläufen (z.B. 238r, 235r). In Parallelschraffur wird auch die Leibesmitte einiger Figuren markiert (z.B. 227r, 238r).

Daß die als Vorlage für CCl 125 dienenden Sternbilder des Cvp 5415 von weitaus höherer Qualität als die der erstgenannten Handschrift sind, zeigt sich etwa bei Tierdarstellungen (z.B. Cvl 5415, 235r – CCl 125, 8r oder Cvp 5415, 238r – CCl 125, 8v), in einer Reihe von in CCl 125 ungeschickt oder unverstanden wiedergegebenen Details – etwa in der falsch wiedergegebenen Öffnung des Wasserkruges auf 9r, im Fehlen der vorderen Hälfte des Jagdhorns auf 13v oder in der ungeschickteren Kopie des Schiffes Argo auf 14r –, vor allem jedoch bei den Aktfiguren, wie ein Vergleich der Sternbilder des Schlangenhalters (Cvp 5415, 277r – CCl 125, 10v) zeigen kann. Der etwa doppelt so große Schlangenhalter in Cvp 5415 ist weitaus athletischer gebaut. Muskelpartien und Gelenke sind deutlich herausmodelliert, der Oberkörper ist gewölbt, Schlüsselbeine, Brustbein, Brustmuskel und Rippenbögen sind mit sicherer Hand durch wenige Striche angedeutet. Die Bewegungen sind weniger steif, die Konturen gerundeter, Gesicht, Hände und Füße differenzierter wiedergegeben als in CCl 125.

Athletisch gebaute Figuren sind in der zeitgenössischen Tafelmalerei und Handzeichnung des Wiener Raumes allgemein verbreitet (man vergleiche etwa den Schlangenhalter des Cvp 5415 mit Christus und Antipater auf 35v der Madrider [Seite 108] Speculum humanae salvationis-Handschrift (⇒Anm. 108-1); die drei Figuren zeigen auch dieselbe höckrige Ausbildung der Schulterpartie. Diese zeigen jedoch gegenüber Cvp 5415 derbere Gesichter mit breiten, geradlinig konturierten Nasen und eine kleinteiligere, andersartige Binnenzeichnung des Oberkörpers: Die Rippenbögen setzen nicht wie beim Schlangenhalter des Cvp 5415 unmittelbar unterhalb der Brustmuskelkontur an, sondern ein Stück tiefer, und ihre oberen Enden sind durch eine Horizontale verbunden. Die Rippenbögen werden zudem in der Regel durch eine verzitterte oder aus kleinen Bögen zusammengesetzte Linie akzentuiert (⇒Anm. 108-2). Dieses Binnenzeichnungsschema findet sich in vergröberter Form bei den Aktfiguren in CCl 125, etwa beim Herkules auf 10r.

Nach Saxl stammen die Illustrationen des Sternkatalogs und die beiden Sternkarten "vident von derselben Hand". Die weit kleineren, in der Regel von hinten gesehenen Figürchen (⇒Anm. 108-3) der Sternkarten stehen in ihrer stämmigen Gestalt und mit ihrer betonten Beinmuskulatur den Sternkatalog-Darstellungen von Cvp 5415 näher (vgl. z.B. Andromeda auf 168r und 230v) als jenen von CCl 125. Die große Verwandtschaft zu den Sternkatalog-Darstellungen des Cvp 5415 ist z.B. auch erkennbar in der Bewegung und in den Proportionen des Kentauren (vgl. Cvp 5415, 170r – 249r – CCl 125, 15rb), in der Proportionen und in der Zeichnung der mächtigen Pranken des Löwen (vgl. Cvp 5415, 168r – 235r – CCl 125, 8r), in der Zeichnung der Vorderläufe und der Flügelfedern des Pegasus (vgl. Cvp 5415, 168r – 229v – CCl 125, 15va), in der Wiedergabe des Großen Hundes [Seite 109] (vgl. Cvp 5415, 170r – 245r – CCl 125, 14ra) oder der Wasserschlange mit "Becher" und Raben (Vgl. Cvp 5415, 170r - 247v – CCl 125, 15va). Trotz der aufgeführten Übereinstimmungen fällt es schwer, mit Saxl für alle Sternbilddarstellungen des Cvp 5415 nur eine Hand anzunehmen (man beachte etwa den Qualitätsunterschied zwischen dem Schlangenhalter auf 168r und 227r). Denkbar wäre, daß nur die Vorzeichnungen der Sternkarten von der Hand der Sternkatalog-Darstellungen stammt. Jene Hand, die diese Vorzeichnungen in schwarzer Tinte nachgezogen hat, könnte auch die in schwarzer Tinte nachgetragenen Details der Sternkatalog-Bilder ausgeführt haben.

Sternbildkataloge – allerdings in Deckfarbenmalerei – sind auch in den für Wenzel IV angefertigten astronomischen Handschriften Cvp 2352 (datiert 1392 und 1393) und München, BSB, Clm 826 (um 1400) enthalten. (⇒Anm. 109-1) Doch kommen diese Darstellungen schon deshalb als Vorbilder nicht in Betracht, weil sie einer anderen ikonographischen Tradition als die des Cvp 5415 folgen. (⇒Anm. 109-2). Gemeinsam ist den Sternbild-Katalogen der beiden Wenzelshandschriften die Verarbeitung oberitalienischer Vorbilder: Für die Sternbilder des Cvp 2352 nimmt Krasa eine Vorlage in der Art der um die Mitte des 14. Jahrhunderts entstandenen oberitalienischen Handschrift München, BSB, Clm 10268 (⇒Anm. 109-3) an, im Falle der Sternbilderreihe des Münchener Codex 826 ist das Vorbild in einer oberitalienischen Handschrift (Prag, Strahov-Bibl., Cod. II D 13) noch greifbar. (⇒Anm. 109-4) Die Ansicht, daß auch der Sternbilderreihe des Cvp 5415 eine oberitalienische Vorlage zugrundeliegt, hat bereits Saxl (⇒Anm. 109-5) vertreten. Für eine direkte oder indirekte Verarbeitung einer solchen – unwesentlich jüngeren – Vorlage sprechen wohl vor allem der Naturalismus der Tierdarstellungen, die [Seite 109/1] zum Teil erstaunlich souveräne Wiedergabe des menschlichen Körpers sowie die antikische Nacktheit einiger Sternbilder des Cvp 5415. Ein vergleichbarer Zeichenstil ist im Wiener Raum nicht nachweisbar, lediglich der aus der späten Martyrologium-Werkstatt hervorgegangene Mandeville-Meister (⇒Anm. 109-1) zeigt in seinen um 1415 entstandenen Zeichnungen ein ebenbürtiges Qualitätsniveau und bisweilen auch vergleichbar kräftig gebaute Figuren mit gewölbtem Oberkörper (⇒Anm. 109-2); ohne freilich mit dem Meister des Cvp 5415 identifiziert werden zu können. Die Frage nach der konkreten Vorlage dieser Reihe sowie nach der Herkunft ihres Zeichners konnte im Rahmen dieser Dissertation nicht gelöst werden.
[Seite 110]

Die Klosterneuburger Handschriften des Illuminators Michael

Einen zusammenfassenden Überblick über das Werk dieses von den frühen zwanziger Jahren bis gegen 1450 nachweisbaren Illuminators geben Oettinger, Holter und Schmidt. (⇒Anm. 110-1) Als Spätwerke sind seinem ouevre das Klosterneuburger Missale Budapest, Bibl. der Akad. der Wissenschaften, lat. cod. 4o 27 (⇒Kat.-Nr.52) sowie die Heiligenlebenhandschrift Cvp Ser. n. 15166 (⇒Kat.-Nr.58) hinzuzufügen. Eine Lokalisierung der letztgenannten Handschrift in den Wiener Raum wird durch den Einband – vom Wiener Buchbindermeister Mathias (⇒Anm. 110-2) – nahegelegt; für eine Entstehung um 1445 spricht der Tätigkeitszeitraum des genannten Buchbinders sowie die in ihrer Art etwa mit der 1446 entstandenen Geburtsszene auf 13v des Cvp 326 vergleichbare Landschaftsdarstellung der Miniatur zum Buchbeginn.

Die früheste Klosterneuburger Handschrift, in der dieser Illuminator faßbar wird, ist das Antiphonar CCl 65-68 (⇒Kat.-Nr.36) Im 1420/24 entstandenen Grundstock desselben hat er die historisierten Initialen CCl 65, 147r (Beschneidung), 157v (Epiphanie), CCl 66, 102v (Ölberg), 113v (Kreuzigung) und den Großteil der unfigürlichen Initialen ausgeführt, in den Ergänzungen von gegen 1440 (⇒Anm. 110-3) ist ihm der gesamte Deckfarbenschmuck (zwei historisierte Initialen mit Darstellung der Evangelistensymbole auf CCl 65, 302r und CCl 67, 279r sowie sieben unfigürliche Initialen) zuzuschreiben.

Was für die Zurechnung der Mehrzahl der unfigürlichen Initialen des Antiphonars an Michael spricht, ist die Tatsache, daß das Ornamentvokabular von auf den ersten Blick so unterschiedlichen Initialen wie CCl 67, 76v, CCl 66, 234v, 260r, CCl 67, 75r, CCl 68, 256v in auf Grund ihrer figürlichen Darstellungen dem Michael zugeschriebenen Handschriften wiederbegegnet.
[Seite 111]

Unter den Rankenblattformen der Michael-Initialen des Antiphonars herrschen – ähnlich wie bei der Gruppe der Initialen um CCl 65, 2v – zwei Varianten meist sechsteiliger Blätter vor, wobei die beiden mittleren und größten oder auch alle Blattlappen einmal gerade und einmal runde Abschlüsse aufweisen (beide Varianten etwa bei den Initialen CCl 66, 102r und CCl 67, 76v). Rankenblätter der letztgenannten Variante überwiegen etwa bei den Initialen CCl 66, 234v oder im Missale des Collegium ducale (fortam als "Aachener Missale") bezeichnet) (⇒Anm. 111-1) auf 7r und 148r, Rankenblätter der erstgenannten Art sind z.B. auf 75r des CCl 67 oder auf 110r und 147v des Aachener Missales nachweisbar.

Die ungewöhnlichen Rankenblattformen der Initiale CCl 68, 256v lassen sich in den 1429 illuminierten Handschriften Graz, UB, Cod. 23 (Bl. 161r) (⇒Anm. 111-2) und CCl 97 (Bl. 1r) nachweisen; die Initiale CCl 66, 260r entspricht in Buchstabenkörperfüllung und Binnengrundornamentik der Adventinitiale (7r) des Aachener Missales, während ihre Ausläufer denen der Adventinitiale (6v) des Klagenfurter Missales (⇒Anm. 111-3) nahestehen. [Seite 112]

Neben dem schon von den Rankenausläufern der historisierten "Nikolaus"-Initialen des Antiphonars her bekannten Vier-Beeren-Motiv sind bei den Michael-Initialen bisweilen auch drei oder vier rundlappige oder sternförmige Blümchen durch in allen Michael-Handschriften stets denselben Duktus aufweisende Federstriche miteinander und mit der Blattranke verbunden (z.B. CCl 65, 170v, CCl 97, 258v, CCl 67, 76v, Lilienfeld, Cod. 100, 70r, Kremnitzer Stadtbuch, Seiten 6, 9).

Eine Gruppe von Antiphonar-Initialen stammt von jener Hand, der die Ornamentik des Kreuzigungsblattes des um 1420 entstandenen Kremnitzer Stadtbuches (⇒Anm. 112-1) und wahrscheinlich auch die beiden Deckfarbeninitialen des 1423/24 geschriebenen CCl 121 (⇒Kat.-Nr.54) zuzuschreiben sind. Die Ornamentik des genannten Stadtbuch-Blattes weicht nicht nur von der der übrigen, von Meister Michael illuminierten Blätter dieser Handschrift ab, sondern auch von dem Kanonbild des in etwa gleichzeitig entstandenen Missales des Collegium ducale, dessen Kanonbild-Figuren – wie Schmidt erkannt hat – von derselben Hand wie die des Kremnitzer Kreuzigungsblattes stammen. Das letztgenannte Blatt zeigt einen unornamentierten breiten Rahmen, bei dem nur die unterste – bei Michael hingegen stets die obere und rechte – der abgeschrägten Innenseiten des Rahmens aufgehellt ist, im Binnengrund finden sich nicht jene strauchartigen, jeweils in drei Blättchen endenden Ranken wie sie im Kanonblatt des Aachener Missales und in Dutzenden anderen Michael-Initialen nachweisbar sind, sondern ein achsial symmetrisches Muster aus reich mit Blättchen besetzten Spiralranken, und auch die Rankenblattformen sind gegenüber den bei Michael vorherrschenden Formen, wie sie etwa das Kanonbild des Aachener Missales zeigt, verschieden.

Derselben Hand wie die Ornamentik des Kreuzigungsblattes des Kremnitzer Stadtbuches sind im Antiphonar etwa die Initialen [Seite 113] CCl 65, 200r, 204r, 207v, 210r, 221r (das sind alle Deckfarbeninitialen der Lagen XXI bis XXIII), CCl 66, 157r, 297r zuzuweisen – man beachte etwa Binnengrundornamentik und Blattrankenformen der Initialen CCl 65, 210r und CCl 66, 157r. Für die Zuschreibung der beiden Deckfarbeninitialen des CCl 121 (ihre Rahmen-, Binnengrundornamentik- und Rankenblatt-Formen sind in anderen Michael-Handschriften nicht nachweisbar) an dieselbe Hand sprechen unter anderem die übereinstimmenden stacheligen Rankenblätter der Initialen CCl 121, 41r und CCl 66, 297r. Eine Identifizierung dieser Hand mit dem sog. Meister des Kremnitzer Stadtbuches erscheint wahrscheinlich – es wäre allerdings noch zu untersuchen, ob für Blattranken und Figuren des Kreuzigungsblattes des Stadtbuches dieselben Farbtöne verwendet werden. Da ein Künstler dieses Niveaus sicher in einer Arbeitsgemeinschaft nicht nur mit der Ausführung unfigürlicher Initialen betraut gewesen war, ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß er einige der verlorenen historisierten Initialen des Antiphonars geschaffen hat.

Die dem Michael zugeschriebenen historisierten Initialen des Antiphonars sind stilistisch eindeutig mit anderen figürlichen Darstellungen dieses Illuminators zu verbinden. Der Ölbergszene des Antiphonars am nächsten steht die des Aachener Missales. Die Christusfiguren sind in Haltung und Faltenstil aber auch in Physiognomie und Haartracht gut vergleichbar. Sie zeigen dieselbe spitz zulaufende Kopfform; Haarsträhnen werden – wie beim im Gesichtstypus ansonsten nicht vergleichbaren Schmerzensmann des Klagenfurter Missales – durch geschwungene Doppellinien markiert. Gut vergleichbar mit der Physiognomie des Christus und rechten Apostels von CCl 66, 102v ist auch die Maria des Kanonbildes des Grazer Codex 123: in den punktförmigen Augen, dem kleinen, gebogenen Mund und der langen Nase mit schmaler Nasenwurzel. Im wesentlichen dasselbe Drapierungsschema – man beachte etwa den hochgestellt wirkenden Saumteil vor dem vorgesetzten linken Knie – zeigen der Ölberg-Christus auf 6r des Kremnitzer Stadtbuches (⇒Anm. 113-1) und die Maria auf 10r des 1423 datierten Cvp 2780.
[Seite 114]

Gemeinsam ist den vier Szenen auch die völlig identische Wiedergabe der Bäume: der Stamm ist in Hellbraun und Gelb gehalten, die Blätter heben sich in Gelb, Dunkelgrün und Braun vor hellgrünem Untergrund ab. In genau derselben Art ist auch der Baum der Ölbergszene des CCl 613 (99r) gesehen, während auf 57v derselben Handschrift, bei der Ölbergszene des CCl 78 (151r) oder auf 264v des Cvp 326 die Bäumchen summarischer gezeichnet sind. Die Maria der Epiphanie ist in ihrer Physiognomie und im kubisch gesehenen Unterleib, der durch vom vorderen, stark aufgehellten Knie ausgehenden, durchhängenden Röhrenfalten gegliedert ist, den Sitzfiguren des 1423 datierten Cvp 2780 an die Seite zu stellen.

In die späte Schaffenszeit des Michael gehören hingegen die Initialen der dem Antiphonar später hinzugefügten Teile. Die Blätter der in einfacher Wellenform verlaufenden und weder mit Blüten noch mit Drolerien besetzten Ranken sind gegenüber denen älterer Michael-Handschriften deutlich vereinfacht und werden kaum noch variiert; die Palette ist dünkler geworden, die Malweise summarischer. Auf demselben Niveau stehen die Rankenausläufer der Michael-Handschriften der Wiener Schottenbibliothek (vgl. z.B. Cod. 88, 10r) sowie der Großteil der Michael-Initialen von Cvp 326 und Cvp 1767 (z.B. 220r). Dies und eine wahrscheinlich auf dieses Antiphonar zu beziehende Rechnungsbucheintragung aus dem Jahre 1440, die eine Zahlung verzeichnet, die wohl für die Anschaffung von Einbandleder geleistet wurde, legen eine Datierung des Buchschmucks der Ergänzungen gegen 1440 nahe.

Der 1429 illuminierte CCl 97 (⇒Kat.-Nr.53) wird durch eine historisierte Initiale mit dem thronenden Gott Vater eingeleitet. Dieser entspricht in Typus und Körperhaltung der Figur der Adventinitiale des Aachener Missales (⇒Anm. 114-1), sein Faltenstil [Seite 115] ist gegenüber der letzteren und der sitzenden Figuren des Cvp 2780 insofern fortschrittlicher, als das Gewand stoffreicher geworden ist und sich – wie bei den meisten der Figuren der Miniatur des Grazer Codex 23 oder bei der Maria des Kanonbildes des Missales Graz, UB, Cod. 123 – in breiten Stoffbahnen am Boden ausbreitet. Die durch den Balken des Buchstabenkörpers abgetrennte Hintergrundarchitektur ist genetisch wohl als Ausweitung einer Thronarchitektur in der Art der des Origines auf 10r des Cvp 2780 zu erklären. Die mindestens sechs Jahre jüngere Initiale zum Textanfang von CCl 682 (⇒Kat.-Nr.57) mit dem thronenden Ptolemaios zeigt gegenüber der historisierten des CCl 97 keinen faßbaren Fortschritt; ihre etwas geräumigere Hintergrundarchitektur kann auch lediglich als Folge des breiteren Bildfeldes aufgefaßt werden. Die unfigürlichen Initialen des CCl 97 sind jenen der Handschriften Graz, UB, Cod. 23 und Lilienfeld, Cod. 100 (⇒Anm. 115-1) engstens verwandt. Am deutlichsten schließen sich die drei Codices durch ihre Rankenblattformen zusammen – man vergleiche etwa CCl 97, 258v mit Lilienfeld, Cod. 100, 70r und Graz, UB, Cod. 23, 161r –, die gegenüber denen älterer wie jüngerer Michael-Handschriften in der Regel eine geschlossenere Form zeigen, deren Blattlappen weniger stark geschwungen und stärker in die Gesamtform des Blattes eingebunden sind. Neu in der Ornamentik dieser Gruppe ist, daß die Blattranken durch Vögel und Drolerien belebt werden.
[Seite 116]

Die beiden Missalien CCl 78 (⇒Kat.-Nr.55) und CCl 613 (⇒Kat.-Nr.56) werden in der Literatur unterschiedlich datiert. Während Schmidt den CCl 78 um 1430 und den CCl 613 um 1435/40 ansetzt, nimmt Oettinger die Entstehung des CCl 613 in den Jahren 1437/1438 an und betrachtet den CCl 78 als "jüngstes Werk" des Michael, also als nach 1447/1448 (Cvp 1767) entstanden. (⇒Anm. 116-1) Der in CCl 613 vorgetragene Drapierungsstil mit seinen ungebrochenen, langen Röhrenfalten und den am Boden auslaufenden breiten Stoffbahnen (siehe z.B. 39r, 50r, 64r, 99r) steht noch auf dem Niveau der 1429 illuminierten Handschriften CCl 97 und Graz, UB, Cod. 23 sowie des St. Lambrechter Missales Graz, UB, Cod. 123 (Maria des Kanonbildes!). So ist etwa die Maria der Pfingstinitiale CCl 613, 64r gut vergleichbar mit dem Kaiser auf 1r des Grazer Codex 23. Ein teilweise ähnlicher Faltenstil – wenn auch auf höherem Qualitätsniveau – begegnet im vor 1437 vom Albrechtsminiator illuminierten Cvp 2722 – etwa beim Christus der Dornenkrönung auf 76v, der wie die beiden oben genannten Sitzfiguren einen an der Basis eckig umbrechenden U-förmigen Faltenwulst zeigt. Auch in der Ornamentik ergeben sich zwischen CCl 613 und den Handschriften um 1430 Berührungspunkte: in der Verwendung meist dichter und mit zahlreichen Blüten besetzter Ranken (vgl. z.B. CCl 613, 1r, 42v mit Lilienfeld, Cod. 100, 1r) und von Camaieu-Figuren als Buchstabenkörper-Füllung.

Allein der gegenüber CCl 613 kleinteiligere und knittrigere Faltenstil des CCl 78 – man vergleiche etwa die Drapierung des Christus der Ölbergszenen CCl 613, 99r und CCl 78, 151r oder die der Maria aus den Darstellungen der Ausgießung des Heiligen Geistes CCl 613, 64r und CCl 78, 134r – spricht für eine spätere Datierung dieser Handschrift. Im Faltenstil [Seite 117] zum Christus der Ölbergszene in CCl 78 ähnliche Lösungen bringt der 1438/40 entstandene Albrechtsaltar, z.B. die Maria aus Christi Geburt.

Für eine spätere Datierung des CCl 78 spricht auch das gegenüber CCl 613 gestiegene Interesse des Illuminators am Umraum der Figuren. (⇒Anm. 117-1) In der erstgenannten Handschrift finden sich bereits in Luftperspektive gegebene Landschaftsausblicke von der Art, wie sie auch in der um 1445 entstandenen Ladislaus-Grammatik Cvp 23 (⇒Anm. 117-2), im 1446 datierten Cvp 326 auf 13v, im 1447/48 entstandenen Cvp 1767 (z.B. auf 220r) und in der undatierten Heiligenleben-Handschrift Ser. n. 15166 vorkommen, während in CCl 613 auch bei Freiraumszenen der Hintergrund durch ein architektonisches Motiv (z.B. 57v) oder konventionell durch Versatzstücke wie Felsen und Bäume (z.B. 79v) gestaltet ist.

Die Architekturdarstellungen des CCl 78 (9r, 21r, 28v, 134r) sind zwar gegenüber denen des CCl 613 geringfügig "realistischer" geworden – die Palette ist nicht mehr buntfarbig wie in CCl 613, sondern beschränkt sich auf Braun und Gelb; in die Architekturdarstellungen werden erstmals realistische Details wie der Flaschentrockner und Handtuchhalter auf 9r des CCl 78 eingefügt –, doch sind die Innenräume des CCl 78 im Vergleich zu denen des Cvp 326 (z.B. 11r) und Cvp 1767 (220r) weit weniger überzeugend, sind noch durch Addition architektonischer Einzelmotive – besonders deutlich bei CCl 78, 9r – konstruiert.

Ein meiner Meinung nach weiterer zuverlässiger Beweis dafür, daß CCl 78 älter als der 1446 datierte Cvp 326 ist, ist in den beiden Darstellungen der Geburt Christi (CCl 78, 21r - Cvp 326, 13v) zu finden. Auf die teilweise architektonische Szenenrahmung, die in CCl 78 offensichtlich nur die Funktion [Seite 118] eines Platzfüllsels gehabt hat (⇒Anm. 118-1), wird verzichtet – eine Felsformation und ein Landschaftsausblick (⇒Anm. 118-2) nehmen ihre Stelle im Bild ein. Die Bildelemente werden in Cvp 326 in einen weit logischeren Bezug zueinander gebracht – auch die Größenunterschiede der Akteure sind nicht mehr so stark –, der der Darstellung zugrunde liegende Gedanke der Geburt Christi in der Höhle kommt deutlicher zum Ausdruck.

Was dafür spricht, daß CCl 78 gleich CCl 613 noch zur Regierungszeit des Propstes Georg Müstinger (1418-1442) entstanden ist, ist die Tatsache, daß der Chorherrenpropst auf 9r er erstgenannten Handschrift als alter Mann dargestellt ist. Georg Müstinger starb etwa 55jährig, sein Nachfolger Simon vom Thurm (1442-1451) war zu diesem Zeitpunkt vermutlich erst Anfang Vierzig. (⇒Anm. 118-3) Nach den bisherigen Ausführungen erscheint mir eine Datierung des CCl 613 um 1430/35 des CCl 78 um 1440 am wahrscheinlichsten.

In der Literatur noch nicht bekannt ist, daß in dem aufgrund einer Reihe von inhaltlichen und äußeren Merkmalen zweifelsfrei aus dem Besitz der Chorherren von Klosterneuburg stammenden Missale Budapest, Bibl. der Akademie der Wissenschaften, lat. cod. 4o 27 (⇒Kat.-Nr.52) (⇒Anm. 118-4) die Adventinitiale (7r) und das Kanonbild (150/2v) dem Illuminator Michael zuzuweisen sind.
[Seite 119]

Kanonbilder von der Hand des Illuminators Michael haben sich nur in den beiden St. Lambrechter Missalien Graz, UB, Cod. 123 und 128 erhalten. Zu diesen zeigt das Kanonbild des Budapester Missales neben Beziehungen in der Ornamentik – die Goldranke mit großen stilisierten Blüten entspricht der des Cod. 128, das das Kanonbild konturierende Fleuronnée findet sich in derselben Form bei den Kanonbildern beider St. Lambrechter Missalien – deutliche Übereinstimmungen in der Wiedergabe des Gekreuzigten, der denselben Gesichtstypus, dieselben überdünnen, viel zu kurzen Oberarme und dieselbe Oberkörper-Binnenzeichnung – mit hoch angesetzter Brustmuskelkontur – aufweist. Die drei Gekreuzigten stimmen auch in der [Seite 120] Art wie das Blut der Wunden fließt bzw. tropft und in der identischen Ansicht des Kreuzes überein. Gegenüber dem Christus des Budapester Missales, der mit C- förmig durchgestrecktem Körper am Kreuze hängt und mit einem durchscheinenden, eng anliegenden Lendentuch bekleidet ist, vertreten jedoch die beiden ikonographisch völlig entsprechenden Gekreuzigten der genannten St. Lambrechter Missalien (⇒Anm. 120-1) einen anderen Typus: dort hängt Christus mit abgewinkelten Beinen am Kreuz und ist mit einem undurchsichtigen, stoffreicheren, an der Seite geknoteten Lendentuch bekleidet. Diesem sind in der Haltung am Kreuz und in der Drapierung eng die beiden Gekreuzigten des sog. Meisters des Kremnitzer Stadtbuches verwandt, und auch die Assistenzfiguren der Kanonbilder des genannten Meisters sind in ihrer Ikonographie mit denen der St. Lambrechter Missalien vergleichbar: die des Kremnitzer Stadtbuches mit Cod. 128, die des Aachener Missales mit Cod. 123. Da Meister Michael im Kremnitzer Stadtbuch tätig war, könnte zwischen den genannten vier Kanonbildern zumindestens eine teilweise direkte Abhängigkeit im Ikonographischen bestehen.

Am nächsten kommt dem Budapester Gekreuzigten der etwa 6 cm große Kruzifixus am unteren Seitenrand auf CCl 613, 102v. Er steht in seiner Körperhaltung zwischen den St. Lambrechter Gekreuzigten (gegenüber diesen durchgestrecktere Beine) und dem Budapester Kruzifixus (gegenüber diesem weniger stark [Seite 121] zur Seite gebogen); die Stellung seiner Füße entspricht ersterem, sein Lendentuch ist in der Art des letzteren gegeben. (⇒Anm. 121-1) Darstellungen dreifiguriger Kreuzigungen enthalten außerdem die Michael-Initialen CCl 66, 113v, CCl 613, 55v und 1r, die jedoch wegen ihrer geringen Größe nur sehr beschränkt zum Vergleich heranzuziehen sind. Wärend der Kruzifixus-Typus der erstgenannten beiden Initialen an den der St. Lambrechter Missalien anschließt, erinnert die Kreuzigungsgruppe des Altars im Initialbild CCl 613, 1r an das Budapester Kanonbild.

Mit dem kleinen Papstfigürchen der nur fünfzeiligen Initiale auf 7r sind die etwa doppelt so großen Figuren der Advent- (8r) und Kanon-Initiale (222r) des Missales Graz, UB, Cod. 128 vergleichbar; der Papst erinnert in seiner etwa stärkeren Plastizität und in der flüchtigeren Pinselführung an Michael-Miniaturen in Handschriften der Wiener Schottenbibliothek, z.B. an Cod. 3, 1v.

Zwischen den Assistenzfiguren der Budapester Kreuzigung und denen der St. Lambrechter Kanonbilder bestehen nicht nur keine ikonographischen sondern auch kaum stilistische Beziehungen. Die in ihrer Qualität weitaus schwächeren des Budapester Missales zeigen ein einfacheres Faltenrelief. Während der Gewandsaum des Johannes noch durchaus in der Art des der Maria von Cod. 123 sich am Boden ausbreitet (⇒Anm. 121-2), knicken die Faltenzüge der Budapester Maria beim Aufstoßen am Boden deutlich um. Dieses Motiv, die sehr summarische Malweise, vor [Seite 122] allem jedoch die Tatsache, daß Michael in dieser Handschrift sich offensichtlich die Arbeit mit dem Missalienmeister teilte, legt eine Datierung von um 1440/1450 nahe. (⇒Anm. 122-1) Unterstützt wird diese Datierung durch die einzige Fleuronnéeinitiale dieser Handschrift (auf 11v), die von einer Kraft geschaffen worden ist, die auch im nach 1438 entstandenen CCl 127 (auf 116r schließt die Chronik mit dem Jahr 1438) tätig gewesen ist (z.B. auf 223r, 236r, 237r).

Eine Untersuchung der Sekundärornamentik (Fleuronnée, Lombarden) von Michael illuminierter Handschriften erweist eindeutig, daß auch er Fleuronnéeinitialen geschaffen hat. Mit ihm ist jene Kraft zu identifizieren, die auf den gegen 1440 eingefügten Blättern 302-355 in CCl 65, 308-316 in CCl 66 und 297-310 in CCl 67 die Fleuronnéeinitialen ausgeführt hat. (⇒Anm. 122-2)

Was zur Identifizierung des Florators der genannten Antiphonarblätter mit Michael berechtigt, ist, daß Fleuronnée derselben Hand nur in von Michael illuminierten Handschriften zu Lombarden und/oder als Begleitornament von Miniaturen oder Rankenstengeln begegnet. Von derselben Hand wie die Fleuronnéeinitialen der genannten Blätter stammen die des CCl 682 sowie je eine Fleuronnéeinitiale in CCl 78 (26v) und auf einem Missale-Einzelblatt. (⇒Anm. 122-3) In CCl 613 ist das gesamte Fleuronnée und sind die mit der Sigle B bezeichneten Lombarden [Seite 123] derselben Hand zuzuschreiben. (⇒Anm. 123-1) Dasselbe Fleuronnée findet sich weiters in von Michael illuminierten Handschriften der Wiener Schottenbibliothek: in Cod. 2 zu den Lombarden bis 10v, in Cod. 6 auf 20v, 32r, 70v, 144v, 224v, in Cod. 77 auf 131v, 265r, 372r.

Charakteristisch für das "Michael-Fleuronnée" ist die Form der streng vertikal und bisweilen auch horizontal verlaufenden Fortsätze, die – häufig fast bis über ihre gesamte Länge – mit locker aneinandergereihten Perlen besetzt sind, in der Nähe der Initiale oft stilisierte Halbpalmetten einschließen und in mäanderförmigen Schlingen auslaufen (siehe z.B. CCl 65, 349v, CCl 78, 26v, CCl 613, 37v, 76v, 105v, CCl 682, 158v, 203v). Das Fleuronnée ist jeweils in der Gegenfarbe des Buchstabenkörpers gehalten, wobei allerdings das zu den blauen Lombarden zwischen verschiedenen Rottönen und Hellbraun schwankt.

Als Umrahmung von Miniaturen findet sich das Michael-Fleuronnée schließlich bei den Kanonbildern der St. Lambrechter Missalien Graz, UB, Cod. 123 und 128 und des Budapester Missales (mit dem Fleuronnée dieser Kanonbilder vergleiche etwa CCl 682, 2v) oder bei den Miniaturen Wien, Schottenbibl., Cod. 2, 52r und Cod. 3, 1v (mit letzterem vergleiche etwa CCl 65, 349v oder CCl 613, 102v); als Begleitornament in Form einer Perlenreihe zu am Seitenrand oder zwischen den Kolumnen geführten Rankenstengeln ist es unter anderem auf 7r des Budapester Missales, auf 1r des Cvp Ser. n. 15166 oder auf 220r in Cvp 1767 nachweisbar.
[Seite 124]

Der Meister der Klosterneuburger Missalien

Der Name "Meister der Klosterneuburger Missalien" (fortan als "Missalienmeister" bezeichnet) wurde von Schmidt (⇒Anm. 124-1) für einen Illuminator gewählt, den Holter (⇒Anm. 124-2) als Schüler des Albrechtsminiators bezeichnet und die nicht näher spezifizierte "Gruppe um den Klosterneuburger Codex 72" zugeschrieben hat. Schmidt hat erstmals ein oeuvre dieses Meisters zusammengestellt und ihn näher charakterisiert. Er spezifiziert dessen Anteil in den beiden 1446-1448 für Friedrich III. geschaffenen Handschriften Cvp 326 (⇒Kat.-Nr.59 – Legenda aurea) und Cvp 1767 (⇒Kat.-Nr.60 – Gebetbuch) und schreibt ihm die Malereien in fünf Klosterneuburger Missalien zu, die er – aufgrund ihrer Verwandtschaft zu denen der beiden vorgenannten Codices und auf Grund von in den Missalien enthaltenen Datierungen (CCl 72 ist 1452 datiert, CCl 609 ist an Hand des Propstwappens auf 9r 1443/1451 entstanden) – im Zeitraum 1445/1452 entstanden denkt. (⇒Anm. 124-3)

Die Nähe des Missalienmeisters zum Albrechtsminiator sieht Schmidt vor allem in der Ornamentik aber auch im Figurenstil begründet. Als Gegensatz zum Albrechtsminiator nennt er unter anderem "sorglosere Fraktur, hellere Palette und relativ knittriger Faltenstil." Außerdem hebt er das Interesse des Missalienmeisters an weiten, mit Bäumchen bestandenen Landschaftsprospekten hervor. Über die stilistische Entwicklung dieses Illuminators sagt Schmidt: "Technisch und stilistisch sehr ungleichmäßig, gelangt er zuletzt doch auf ein leidliches künstlerisches Niveau, wobei die kontinuierliche Anpassung an den Albrechtsminiator eine scheinbare Rückläufigkeit seiner Stilentwicklung bewirkt haben dürfte. In seinen ersten Malereien noch den Ausdruckswerten der "Dunklen Zeit" [Seite 125] aufgeschlossen, mündet er zuletzt in jenen verhärteten und manierierten "Weichen Stil", dem auch sein Lehrmeister so unerschütterlich die Treue gehalten hatte."

Diese technischen und stilistischen Unterschiede (⇒Anm. 125-1) sind meiner Meinung nach jedoch so groß, daß es notwendig ist, das dem Missalienmeister zugeschriegene ouevre einer Überprüfung zu unterziehen. Ausgegangen soll dabei von den großen Hofaufträgen Cvp 326 (1446-1447) und Cvp 1767 (1447-1448) werden.

Im Cvp 326 hat der Albrechtsminiator nur das erste Blatt illuminiert, Martinus hat hingegen den Deckfarbenschmuck von 24 Lagen und Michael den von drei Lagen ausgeführt. Der Schmuck weiterer sieben Lagen wird von Schmidt dem Missalienmeister zugeschrieben; zwei Lagen sind nicht illuminiert. Während sich hier die Illuminatoren immer nur zu Beginn einer neuen Lage ablösen, sind in Cvp 1767 am Deckfarbenschmuck einer einzigen Lage meist zwei Kräfte beteiligt. So hat der Albrechtsminiator in einer Reihe von Lagen nur jeweils jene Doppelblätter zur Gänze illuminiert (z.B. Doppelblatt 151/156 in Lage 17), die er mit einer historisierten Initiale (in Lage 17 auf 151v) geschmückt hat, während Martinus in einzelnen Lagen (z.B. in den Lagen 9-13) nur die figürlichen Initialen ausgeführt hat. Die unfigürlichen Initialen der mit Figurenschmuck von der Hand des Albrechtsminiators bzw. Martinus versehenen Lagen wurden – ausgenommen Lage 11 – vom Missalienmeister geschaffen.

Daß sich dieser in seiner Ornamentik eng an den Albrechtsminiator anschließt, wird in Cvp 1767 besonders deutlich. Die Blattranken der ihm zugeschriebenen figürlichen Initialen – die unfigürlichen sind in der Regel ohne Blattfortsätze – [Seite 126] stellen bisweilen getreue Kopien solcher des Albrechtsminiators in derselben Handschrift dar, und wie beim Albrechtsminiator alternieren bei seinen unfigürlichen Initialen in Gold bzw. Deckfarben gehaltene Buchstabenkörper vor meist blauem oder rosa Initialgrund mit weißem oder purpurfarbenem Binnengrundmuster, welches meist aus einer Fadenranke besteht, deren Endmotive einen von einer Punktreihe besetzten Halb- oder Dreiviertelkreis zeigen. Unterschiede zum Albrechtsminiator bestehen vor allem in der weniger sorgfältigen Ausführung und im etwas stumpferen Kolorit.

An den unfigürlichen Initialen des Cvp 1767 waren neben Michael, Albrechtsminiator, Martinus und Missalienmeister mit Sicherheit mindestens zwei weitere Hilfskräfte beteiligt: jene Hand, die erstmals in Lage 4 auftritt und jene, die das Doppelblatt 179/180 ausgeschmückt hat. Die erstgenannte hat auch Lage 6 zur Gänze ausgeschmückt und in Lage 11 zumindestens die Deckfarbeninitialen geschaffen (die Goldinitialen dieser Lage sind hingegen von jenen des Missalienmeisters nicht überzeugend absetzbar). Die Initialen dieser Hand (in den Lagen 4 und 6 – im Gegensatz zu Lage 11 und zu allen vom Albrechtsminiator und Missalienmeister illuminierten Blättern – keine Goldinitialen) zeigen fast ausnahmslos eine wellenförmige Blattrankenfüllung, deren Blattspitzen in der Regel weiß schraffiert sind. In Lage 4 und 6 laufen die Initialen in jeweils zwei große Blätter mit auffällig betont tropfenförmigen Blattrippen aus; die Initialen der Lage 11 haben keine Ausläufer. Die großen Blattformen und die Binnengrundornamentik dieser Initialen variieren geringfügig die entsprechenden Formen der beiden oben genannten Illuminatoren. Von einer einzigen Hand dürften die ab der 6. Lage bis zum Ende der Handschrift bei unfigürlichen Initialen des "Meister der 4. Lage" und des Missalienmeisters auftretenden stilisierten Blüten (als Ausläufer der Initialen) und Tiere (auf Blattfortsätzen dieser Initialen) stammen.

In den dem Missalienmeister zugeschriebenen Lagen des Cvp 326 finden sich insgesamt 50 9-13zeilige historisierte Initialen oder Miniaturen. Der Buchstabenkörper oder Rahmen der Miniatur entwickelt [Seite 127] kurze Blattfortsätze (z.B. Cvp 326, 203v); den Schriftspiegel rahmende Blattranken mit Blütenmotiven finden sich nur in der 28. Lage (z.B. Cvp 326, 221v). Zu Beginn jeder Legende ist der oder die Heilige fast immer im Rahmen des Martyriums dargestellt. Bei den zahlenmäßig weit überwiegenden Enthauptungsszenen werden Henkersknecht und sein Opfer stets in einer bildparallelen Ebene angeordnet: links der Henker mit erhobenem Schwert, rechts kniet der oder die Heilige (z.B. Cvp 326, 203v, 229v). Auch mehrfigurige Szenen zeigen keinerlei räumliche Wirkung; ihre Komposition ist – betrachtet man etwa die gleichmäßige, streumusterartige Verteilung der Bildelemente oder die parallelisierten Bewegungsrichtungen bei der Kreuzigung Simeons (Cvp 326, 227v) – noch durchaus dem Internationalen Stil verpflichtet. Die Flächenhaftigkeit der Kompositionen wird durch die sehr beschränkte Palette verstärkt.

Als Gewandfarben werden meist Rosa und Blau verwendet; Grün und Braun sind hingegen in der Regel der Darstellung der Landschaft oder des Innenraums vorbehalten. Die Farben sind stumpf und wenig differenziert. Bei der Binnenzeichnung der Gesichter und anderer nackter Körperteile werden Weiß, Rot, Braun und Grau fast skizzenhaft aufgetragen; Arme und Beine halbnackter Märtyrer werden von einem Liniengespinst überzogen (z.B. Cvp 326, 261v, 263r). Die Abschattierung des Gewandes erfolgt häufig durch aufgesetzte dunkle Punkte.

Dort wo eine Beurteilung des Faltenstils möglich ist, ist er als knittrig zu bezeichnen. Geknickte Falten zeigen etwa die Ärmel der Schergen und das Lendentuch des Märtyrers auf 227v in Cvp 326; geknickte Faltenzüge finden sich vor allem auch dort, wo das Gewand am Boden aufstößt (Cvp 326, 278v etc.). Nur selten werden die Darstellungen vor ornamental gemusterten Initialgrund gesetzt, meist in einen Innenraum oder vor Landschaftshintergrund (z.B. Cvp 326, 203v, 278v, 257r). Der Innenraum wird stets als Raumecke gegeben; meist so, daß seine linke Seitenwand die Hintergrundsfolie für den Schergen bildet, ein vor die bildparallele Rückwand gehängtes Ehrentuch die für das Opfer. Fußboden und Decke zeigen häufig ein Schachbrettmuster; eine Holzbalkendecke wird stets gewölbt gesehen (z.B. Cvp 326, 229v). Die Landschaftsdarstellungen – bei rund einem Drittel der 50 dem Missalienmeister im Cvp 326 zugeschriebenen Darstellungen &ndsh; zeigen einen kaum differenzierten, [Seite 128] in stumpfem Grün gehaltenen Wiesengrund, der mit einem Streumuster kleiner, kugelähnlicher Bäumchen belegt ist, während im Hintergrund, vor dem hügeligen Horizont, Zypressen (⇒Anm. 128-1) in einer bildparallelen Ebene aufgereiht werden. An den Bildrändern finden sich häufig völlig nackte, dunkelbraune Felsen. Bereichert wird die Landschaftsdarstellung bisweilen durch eine Schlucht oder einen Wasserlauf (z.B. Cvp 326, 273v). In einigen Fällen wird die Szene durch eine bildparallele Steinbrüstung vom Landschaftshintergrund abgegrenzt (z.B. Cvp 326, 210r, 257r).

Den Missalienmeister-Darstellungen des Cvp 326 eng verwandt ist der Deckfarbenschmuck der etwa 1440/50 entstandenen Handschriften Wien, Schottenbibl., Cod. 165 (⇒Anm. 128-2) und Klosterneuburg, Cod. 956 (⇒Anm. 128-3) – man vergleiche etwa die völlig übereinstimmenden, in hellen Farben gehaltenen Blattranken und die ähnlichen Buchstabenkörperfüllungen. Während die figürlichen Darstellungen des CCl 956 wegen ihrer Kleinheit und minderen Qualität für einen Vergleich ungeeignet sind, zeigt das Autorbild im Schotten-Codex deutliche Beziehungen zu den in Rede stehenden Darstellungen des Cvp 326: so in der Art der knittrigen Drapierung (dieselben dreieckähnlichen Faltentäler etwa bei Cvp 326, 277v) und im in seiner Reliefierung und dem durchbrochenen Ornament engstens mit dem Lesepult des Augustinus (Cvp 326, 210r) übereinstimmenden Thronmöbel.
[Seite 129]

Den Missalienmeister-Darstellungen des Cvp 326 engstens verwandt ist die T(e igitur)-Initiale mit Christus am Ölberg auf Bl. 150/3r des Klosterneuburger Missales Budapest, Bibl. der Akad. der Wissenschaften, lat. cod. 4o 27 (⇒Kat.-Nr.52). In der Gestaltung des Landschaftsgrundes, in der Drapierung, die beim Aufstoßen am Boden umknickt und flach aufliegende Stoffbahnen ausbildet, ist etwa Cvp 326, 227v vergleichbar – während der Faltenwurf der knienden Figuren des Cvp 326 in der Regel kleinteiliger und knittriger ausgebildet ist (z.B. 229v, 278v). Die Blattranken der Seitenränder sind in ihrem Verlauf und ihren Blattformen völlig identisch mit jenen von CCl 616, 164r.

Allein in ihrer Größe aus der Masse der z.T. qualitativ sehr bescheidenen Missalienmeister-Darstellungen des Cvp 326 herausragend sind die Hieronymus-Darstellung auf 210r und die vier historisierten Initialen der 28. Lage (219r Dionysius, 221r Calixtus, 221v Leonhardus, 223r Lucas); in jener Lage, die als einzige unter den dem Missalienmeister zugeschriebenen Lagen des Cvp 326 anstelle von kurzen Blattfortsätzen der Initialen sich über die gesamte Blatthöhe hinziehende wellenförmig bewegte Blattranken mit Blütenmotiven aufweist. Vergleichbare Darstellungen enthalten 270r-271r des 1447-1448 datierten Stundenbuches Cvp 1767. Der Bildschmuck dieser Blätter wird von Holter (⇒Anm. 129-1) zur "vom Albrechtsminiator und seinen Schülern" ausgeführten Gruppe zugezählt, während er bei Schmidt (⇒Anm. 129-2) – wohl aus Versehen – nicht in die Liste der dem Missalienmeister zugeschriebenen Initialdarstellungen des Cvp 1767 aufgenommen worden ist.

In den Landschaftsdarstellungen auf 270r (Sebastian) und 270v (Barbara) des Cvp 1767 finden sich dieselben Versatzstücke wie in Cvp 326 (z.B. 19r, 263r), doch in abweichender Anordnung und in differenzierterer Form- und Farbgebung. Die Palette ist heller geworden, der Wiesengrund zeigt einen kontinuierlichen Übergang vom Rotbraun des Vordergrundes zum Grün des Mittel- und Hintergrundes, das Laubwerk des [Seite 130] Baumes, an den Sebastian gefesselt ist und das der Zypressen – die hier nicht am Horizont aufgereiht sondern vor die Felsen gesetzt sind – ist farblich differenziert, die Felsen sind nicht mehr dunkelbraun und nackt sondern in Rotbraun und zum Teil bewachsen gegeben. Durch den Standort der Versatzstücke sowie durch die zum Horizont zu aufgehellte Palette wird mehr Tiefenraum suggeriert als dies bei vergleichbaren Szenen in Cvp 326 der Fall ist.

Die auf genannten Seiten dargestellten Innenräume (270v Maria Magdalena, 271r Helena) sind im Gegensatz zu denen des Cvp 326 in Zentralperspektive gesehen; mit Fußboden in Schachbrettmusterung, Kassettendecke und ornamentiertem Ehrentuch an der Rückwand des Raumes findet dabei dasselbe Formenvokabular wie in Cvp 326 Anwendung.

Der Figuren- und Faltenstil der Darstellungen auf 270r-271r zeigt zum Teil Beziehungen zum Albrechtsmeister. (⇒Anm. 130-1) So erinnern die Aktfiguren dieser Blätter mit ihrer in grauen Pinselstrichen eingetragenen Binnenzeichnung des Oberkörpers an den Schmerzensmann des 1440 datierten Geus-Epitaphs. In der Binnenzeichnung des Oberkörpers steht der Sebastian (⇒Anm. 130-2) auf 270r diesem sehr nahe; seine Muskelpartien sind freilich weit weniger plastisch herausmodelliert als die des Schmerzensmannes. Der Drapierungsstil steht den 1438 entstandenen Tafeln mit der Vertreibung aus dem Tempel und der Verkündigung an Joachim näher als denen des 1438/40 datierten Albrechtsaltares. Eine ähnliche Abfolge unregelmäßig geformter, muldenförmiger Faltentäler wie bei der Helena und Maria der Kreuzigung auf 271r (in schematisierterer Form auch bei der Verena auf 277v in Cvp 326) begegnet bei der Anna der erstgenannten Szene (auch beim Patriarchen am linken Bildrand der entsprechenden Szene des Albrechtsaltares); [Seite 131] die Drapierungsform, die die Gewänder der stehenden Figuren von 270r-271r beim Aufstoßen am Boden ausbilden – breite, übereinandergelegte Faltenbahnen – stehen jenen des Engels aus der Verkündigungsszene näher als den kleinteiligeren und unruhigeren des Albrechtsaltares. An den Albrechtsaltar erinnern die wie dort in Brauntönen gehaltenen Schachbrettböden der Maria Magdalena (270v) und Helena (271r) und die – allerdings nur in Cvp 326 nachweisbaren – bildparallelen Steinbrüstungen (Cvp 326, 210r, 257r etc.).

Die von Schmidt dem Missalienmeister zugesprochenen Darstellungen des Cvp 1767 sind mit jenen der Blätter 270r-271r zum Teil eng verwandt. Die Zuschreibung des Christophorus (196v) und Aegidius (211v) an den Missalienmeister hält Schmidt für möglich; beide stammen jedoch zweifelos von der Hand des Albrechtsminiators, da sie in Malweise, in den Physiognomien und im Faltenstil völlig mit den anderen dem Albrechtsminiator zugeschriebenen Darstellungen in Cvp 1767 übereinstimmen. Man vergleiche etwa das Faltengeschiebe am Ärmel des Aegidius mit dem des Josefs aus der Beschneidung (47r) oder mit dem zweier Könige der Epiphanie (64r), oder die Art wie das Gewand des Aegiidus am Boden umbricht mit dem Erasmus (145v) oder Bartholomaeus (207r) oder Christus (230r).

Der Florian auf 134*r unterscheidet sich in seiner offenen Malweise sowohl von Darstellungen des Albrechtsminiators als auch von jenen auf 270r-271r (man vergleiche etwa die Physiognomie des Sebastian auf 270r und den Innenraum der Helena auf 271r) und rückt ihn in die Nähe von Darstellungen wie Cvp 326, 19r, 203v, 261v. Die Form der Blattfüllung der Florian-Initiale sowie der sich an den Seitenrändern hinziehenden Blattranken stimmt völlig mit der Epiphanieinitiale (64r) von der Hand des Albrechtsminiators überein, doch ist die Malweise flüchtiger und das Kolorit stumpfer.

Die auf den Florian folgende, in derselben Lage befindliche Darstellung der Helena (139v) wird von Schmidt nicht dem ouevre des Missalienmeisters zugerechnet. Nun stimmen aber Helena und Maria der Visitatio (187v) – die von Schmidt dem Missalienmeister [Seite 132] zugesprochen wird – in Physiognomie und Faltenstil so eng überein, daß man sie wohl demselben Meister zuschreiben muß. Mit der Florian-Initiale stimmen die beiden genannten Darstellungen in der flüchtigen Zeichnung des Innenraumes überein. Wie bei diesem – und bei allen anderen Darstellungen in Cvp 1767, die nicht mit Martinus, Michael oder dem Albrechtsminiator in Zusammenhang gebracht werden können – stimmen die Blattranken in Verlauf und Einzelformen zwar völlig mit jenen der Albrechtsminiator-Initialen in Cvp 1767 überein, unterscheiden sich jedoch durch ihre stumpfere Palette (vgl. z.B. Cvp 1767, 139v – 167r; Cvp 1767, 187v – 64r). Die aufgrund ihres Standortes in der Handschrift der Helena gegenüber geringfügig jüngere Visitatioszene zeigt einen leicht eckigeren Drapierungsstil – man vergleiche mit der Helena vor allem den Kopfschleier der Anna und die oberste der Schüsselfalten Mariens.

Deutliche Beziehungen zu Bl. 270r-271r zeigt der Petrus auf 181v. Die Faltenformeln seines gerafften Gewandteils sind gut mit jenen der Helena auf 271r vergleichbar, deren Gewand jedoch deutlicher am Boden umknickt und deren Konturen – man vergleiche die jeweils linke Körperkontur und die Konturen der Saumlinien – eckiger ausgebildet sind. Dem Petrus ist in der Malweise des Gesichtes und im Faltenstil der Heinrich auf 191v anzuschließen, dem Paulus auf 181r in den Formeln des am Boden aufstoßenden Gewandes und in der Physiognomie mit grau konturierter, gebogter Nase der Vitus auf 177r. Dem Leonhardus auf 235v ist im Drapierungsstil und in der sehr sorgfältigen Malweise die Barbara und Maria Magdalena auf 270v vergleichbar. Demgegenüber ist der weit schwächere Leonhardus auf 221v des Cvp 326 – dem etwa der Franciscus auf 15r derselben Handschrift an die Seite zu stellen ist – wohl von anderer Hand.

Die von Schmidt mit dem Missalienmeister in Zusammenhang gebrachten Darstellungen in Cvp 1767 (ausgenommen die dem Albrechtsminiator zuzuschreibenden auf 196v und 211v) sowie die Helena auf 139v könnten als Werke des auf 270r-271r tätigen [Seite 133] Illuminators verstanden werden, der im Laufe seiner Arbeit am Cvp 1767 einen allmählich härter werdenden Faltenstil vertritt. Zumindestens bei der Ausführung der nach dem Vorbild des Albrechtsminiators geschaffenen Innenräume dürfte ihm ein Mitarbeiter zur Seite gestanden haben. Die Möglichkeit, daß auch figürliche Darstellungen wie Florian, Helena und Heinrich nicht eigenhändige Arbeiten des Illuminators der Blätter 270r-271r in Cvp 1767 (fortan "Sebastianmeister" genannt) sind, kann allerdings nicht ausgeschossen werden.

In Lage 28 des Cvp 326 ist ihm mit Sicherheit der Lucas von 223r zuzuschreiben. Dieser stimmt mit der thronenden Maria (Cvp 1767, 270r) im Faltenstil (die Saumlinien der Maria sind allerdings gebrochener), im Kolorit und in der Malweise völlig überein. Die Art der Ornamentik des Heiligenscheins des Lucas, die der des Jesusknaben von Cvp 1767, 270r entspricht, ist die auf Bl. 270r-271r des Cvp 1767 übliche. Der Calixtus (Cvp 326, 221r) zeigt gegenüber dem Evangelisten eine etwas einfachere Drapierung und einen kleineren Kopf mit fleckigem Inkarnat. In Details – etwa in der Form der Mantelschließe und der Krone – stimmt er mit der Maria auf 270r in Cvp 1767 überein. Am Dionysius (Cvp 326, 219r) erinnert die Malweise des Gesichts (die Besonderheit, daß die leicht gewellte Kontur der rechten Gesichtshälfte schwarz nachgezogen ist, findet sich etwa auch beim Johannes auf 271r des Cvp 1767) und im Perlenschmuck der Robe an den Calixtus, der Leonhardus (Cvp 326, 221v) ist in der Art wie er das Buch hält und im Heiligenscheinornament mit dem Lucas vergleichbar. Leonhardus stammt jedoch zweifelos von derselben Hand wie der ebenfalls mit einem weißgrauen Schädeldach und einem verrutscht wirkenden Haarkranz ausgestattete Franciscus vor dem Gekreuzigten auf 215r des Cvp 326. Daß diese Szene jedoch kaum dem Illuminator von 270r-271r des Cvp 1767 zugeschrieben werden kann, zeigt der Kruzifixus, der gegenüber dem zwar in einer Reihe von Details übereinstimmenden auf 271r des Cvp 1767 – vergleichbar sind etwa Haltung am Kreuz, Binnenzeichnung, Verlauf des Blutes der Seitenwunde, Drapierung des Lendentuches – weit schwächer ist (vgl. z.B. die Physiognomien). [Seite 134]

Daß die in der Literatur unter der Bezeichnung "Meister der Klosterneuburger Missalien" zusammengefaßten Kräfte auch in den Klosterneuburger Missalien CCl 72 (⇒Kat.-Nr.61), CCl 606 (⇒Kat.-Nr.62), CCl 609 (⇒Kat.-Nr.63), CCl 616 (⇒Kat.-Nr.64), CCl 960 (⇒Kat.-Nr.65) und im Harrach-Missale (⇒Kat.-Nr.66) (⇒Anm. 134-1) tätig waren, wird allein schon durch die mit den Missalienmeister-Initialen des Cvp 326 und Cvp 7167 völlig übereinstimmende Ornamentik der genannten Missalien belegt. Wie in den genannten Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek finden sich auch in den Missalien zwei Variationen von Blattrankenausläufern: Die Rankenblätter von CCl 72, CCl 606, CCl 609 und der T(e igitur)-Initiale des Harrach-Missales zeigen zu Blattspitzen führende Linien, die von einer dichten Abfolge kurzer Querstrichelchen durchkreuzt werden und sind in kräftigeren Farbtönen als in den übrigen Missalien gehalten (ausgenommen die in blaßem Rotbraun gemalten Blätter der Ausläufer des Kanonbildes und der T-Initiale des CCl 72). Während diese Handschriftengruppe in ihren Rankenblattformen den Missalienmeister-Initialen des Cvp 326 (ausgenommen denen der 28. Lage) entspricht, stehen die Blattranken des CCl 960 und CCl 616 in ihren weniger kräftigen und in sich kontrastärmeren Farbtönen – und auch in den nur in CCl 960 vorkommenden Blütenmotiven – den Missalienmeister-Initialen des Cvp 1767 und der 28. Lage des Cvp 326 – also jenen Initialen, die zum [Seite 135] überwiegenden Teil vom sog. Sebastianmeister geschaffen wurden – nahe. Man vergleiche etwa die Rankenausläufer Cvp 1767, 270v – Cvp 326, 221r, 223r – CCl 960, 9r.

Auch die figürlichen Darstellungen von CCl 616 und CCl 960 zeigen Beziehungen zum Sebastianmeister. Der stark beschädigte Kruzifixus des CCl 616 ist in Haltung am Kreuz, Binnenzeichnung (siehe auch den Schmerzensmann auf 167r) und Drapierung des Lendentuchs mit dem Gekreuzigten von Cvp 1767, 270r und 271r verwandt; die Maria entspricht in Kostümierung und Handhaltung in etwa der auf 270r, im Faltenrelief jedoch besser der auf 271r und der Helena auf 271r. Der Johannes – er wird auch in den übrigen vier Klosterneuburger Missalien des Missalienmeisters in derselben Haltung gegeben – stimmt ikonographisch mit dem von Cvp 1767, 271r überein; seine Drapierung ist diesem gegenüber geringfügig abgewandelt. Die Innenräume CCl 616, 9r, 142r sind wie die des Sebastianmeisters in Zentralperspektive gesehen (z.B. Cvp 1767, 271r), Handhaltung und Form der Krone der Maria auf 142r entsprechen der auf 270r in Cvp 1767; die Drapierung der erstgenannten ist allerdings – wohl da nur halb so groß - weit einfacher.

Die figürlichen Darstellungen des CCl 960 (Kanonbild, Schmerzensmann) stimmen ikonographisch mit den entsprechenden des CCl 616 überein. Beide Missalien zeigen eine unfigürliche Initiale zum Kanonbeginn und auf gleiche Weise tangential am Kanonbildrahmen ansetzende Ranken. Die Assistenzfiguren des CCl 690 sind gegenüber jenen des CCl 616 gelängter, ihre Gesichter weniger sorgfältig ausgeführt, die Faltenzüge weniger deutlich gebrochen.

Ikonographisch verwandt mit dem Sebastianmeister (vgl. Cvp 1767, 271r) ist auch das Kanonbild – vor allem die Maria – von CCl 606, deren schematisches Faltenrelief etwa dem der Verena auf 277v des Cvp 326 vergleichbar ist. Daß die ausführende Hand mit jener Kraft zu identifizieren ist, die die Masse der Missalienmeister-Initialen in Cvp 326 ausgeführt hat, wird vor allem durch die Landschaftsdarstellung der Initiale CCl 606, 167v – vergleiche damit etwa Cvp 326, 227v – nahegelegt.
[Seite 136]

Im Kanonbild des Harrach-Missales (⇒Anm. 136-1) stimmt die Haltung der Akteure mit der Sebastianmeister-Kreuzigung Cvp 1767, 271r überein. Wie dort sind die Beine Christi von einem netzartigen Liniengespinst überzogen. Doch ist Christus im Harrach-Missale breithüftiger und trägt ein anderes Lendentuch; vor allem jedoch zeigen die Assistenzfiguren des Harrach-Missales einen gänzlich anderen Faltenstil. Dieser dem Internationalen Stil – sieht man vom zusammengeschobenen rechten Ärmel und den geknickten Falten vor der Brust des Johannes ab – noch weit näherstehende Faltenstil mit langen dünnen Röhrenfalten hat in den Missalienmeister-Lagen des Cvp 326 mit Sicherheit keine Parallele; in Cvp 1767 vertreten von den hypothetisch mit dem Sebastianmeister in Zusammenhang gebrachten Darstellungen am ehesten die Helena (139v), Maria (187v) und der Leonhardus (235v) eine verwandte Stilrichtung. Die Maria des Harrach-Kanonbildes, die in Standmotiv und Drapierung den Typus der Maria des Turs-Missales tradiert (⇒Anm. 136-2), ist engstens verwandt mit der etwas stärker frontalisierten und steifer wirkenden Maria des Kanonbildes des 1450 gekauften CCl 609, der derselben Hand wie CCl 606 zuzuschreiben ist. Ein Vergleich der Kanonbilder der beiden letztgenannten Handschriften zeigt engste Übereinstimmungen im Gesichtstypus und im Faltenwurf der beiden Johannes, während die Maria des CCl 606 der des CCl 609 zwar in etwa in ihrem Umriß entspricht, in der Binnenzeichnung des Gewandes jedoch eher an CCl 616 anschließt. Völlige Übereinstimmung zwischen CCl 606 und CCl 609 besteht auch in Zeichnung und Verlauf der Blattranken und in der Ikonographie der Geißelungsszene zum Kanonbeginn. Auch die beiden Adventinitialen (jeweils mit einem knienden Chorherren) zeigen eine verwandte Ikonographie. Auf Grund dieser engen Beziehungen wird man beide Handschriften in etwa gleichzeitig entstanden denken müssen.
[Seite 137]

Auf ähnliche Vorbilder wie die Kanonbilder des Harrach-Missales und des CCl 609 dürfte das Kanonbild des 1452 gekauften CCl 72 zurückgehen. Ponderation und Faltenwurf der Maria des Kanonbildes in CCl 72 – und noch besser der Maria auf 355r in CCl 72 – erinnern an die Marien der Kanonbilder der beiden erstgenannten Handschriften; der Christus des CCl 72 ist als einziger unter denen des Missalienmeisters nicht frontal gesehen, sondern in ähnlicher Weise wie der Turs Missale-Kruzifixus zur Seite gedreht.

Von den genannten Missalien kann der in die späten vierziger Jahren zu datierende CCl 616 am ehesten als eigenhändiges Werk des Sebastianmeisters aufgefaßt werden. Das qualitätvolle Kanonbild des Harrach-Missales könnte – auf Grund der ikonographischen Abhängigkeit vom Turs-Missale und des Drapierungsstils der Maria wohl einige Jahre jünger – ein Werk derselben Hand sein. CCl 606, CCl 609 und wahrscheinlich auch CCl 72 stammen hingegen höchstwahrscheinlich von jener Kraft, die den größten Teil der Missalienmeister-Initialen des Cvp 326 geschaffen hat.

In Cvp 1767 heben sich die insgesamt sieben unfigürlichen Deckfarbeninitialen des innersten Doppelblattes (Bl. 179, 180) der 20. Lage von den übrigen Initialen dieser Handschrift deutlich ab. Zumindestens einige von ihnen – nämlich die Initialen auf 179r, 179vb, 180rb und 180vb – stammen von einer Hand, die auch in CCl 603 (⇒Kat.-Nr.67) (⇒Anm. 137-1), Lambach (OSB), Cml. LV (⇒Kat.-Nr.68) und im 1448 datierten Cvp 2744 nachweisbar ist.
[Seite 138]

Charakteristisch für die Initialen dieser Hand ist vor allem die Art der Buchstabenkörperfüllung, die aus einer wellenförmig bewegten, häufig rundlappigen Blattranke besteht, wobei schmale Stellen des Buchstabenkörpers meist nicht wie üblich als undifferenzierter Wulst gegeben sind, sondern mit einer Art Blattfries belegt werden (z.B. CCl 603, 55r, 215r, Cvp 1767, 179v, Cvp 2744, 1r und – weniger deutlich – Lambach, Cml LV, 48r). Der Goldgrund wird bevorzugt durch punktierte Linien, die von je einer eingravierten flankiert werden, in Rauten oder Quadrate unterteilt und von einer schmalen farbigen Linie konturiert. Der Deckfarbenschmuck dieser Hand in Cvp 2774, CCl 603 und Lambach, Cml LV stimmt unter anderem auch in der bevorzugten Verwendung desselben Fadenrakenornaments überein (z.B. Cvp 2744, 1rb, 35r, Lambach, Cml LV, 24r, CCl 603, 55r) sowie in den mit freien Goldpunkten geschmückten Blattranken (z.B. Cvp 2744, 1rb, Lambach, Cml LV, 85v, CCl 603, 119v), die gegenüber jenen des Missalienmeisters räumlicher bewegt und mit weniger schematisch gezeichneten Blattformen belegt sind.

In Cvp 2774 (⇒Anm. 138-1) sind dieser Hand der Deckfarbenschmuck auf 1r sowie insgesamt zwölf Miniaturen auf 26r-38v zuzuweisen, deren Stil mit den Darstellungen des CCl 603 – man vergleiche etwa das undifferenzierte verlorene Profil des Johannes auf 119v des CCl 603 mit dem des Josef auf 32v in Cvp 2774 oder die Faltengebung der Maria des CCl 603 mit der des Josef auf 26r in Cvp 2774 – und im Lambacher Codex – man vergleiche etwa den knienden Propst auf 85v (⇒Anm. 138-2) dieses Codex mit dem vordersten Knienden auf 36v der Historienbibel – übereinstimmt.
[Seite 139]

Die Verbindung des Cvp 2774 zur Salzburger Buchmalerei ist vor allem durch die von mehreren Händen stammende Deckfarbenornamentik dieser Handschrift gegeben, die "die Textanfänge begleitet und in deutlicher Abhängigkeit von den maskenreichen Formeln um die Grillingerbibel steht". (⇒Anm. 139-1) Dieser nahestehend ist nicht nur die Ornamentik des oben genannten Illuminators – man vergleiche beispielsweise die Blattranken Cvp 2774, 1r und CCl 603, 119v mit Cvp 2774, 224r – sondern auch die der Marieninitiale auf 232r in CCl 606, die als einzige Deckfarbeninitiale dieser Handschrift nicht dem Missalienmeister zugeschrieben werden kann. Ihre Buchstabenkörperfüllung, die in regelmäßigen Abständen mit Querstrichelchen versehenen Buchstabenkörperteile, die Blattranke mit ihren Blattformen, freien Goldpunkten und gestrahlten tropfenförmigen Goldblüten erinnert an Buchinitialen des Cvp 2774 wie auf 90r, 114r, 204r. Auch das Marienfigürchen selbst, mit seiner betonten Körperlichkeit und den dünnen Röhrenfalten, gemahnt an Werke der Salzburger Malerei. (⇒Anm. 139-2) Im Gesichtstypus und in der Ausbildung der Saumzone ist ihm auch das Frauenfigürchen auf 44v des Cvp 2774 verwandt.

Darauf, daß Cvp 2774 auf 21v und 23r je eine kolorierte Federzeichnung des Missalienmeisters enthält, hat bereits Ziegler (⇒Anm. 139-3) hingewiesen. In der Wiedergabe der Landschaft, in der fleckigen Malweise der Gesichter und im Faltenstil - vergleiche etwa den Isaak auf 21v mit der Justina auf 203v in Cvo 326 – besteht ein deutlicher Zusammenhang zu den Missalienmeister-Initialen des Cvp 326.

Die Tatsache, daß der Missalienmeister des Cvp 326 in Cvp 2774 zwei Miniaturen ausgeführt hat und andererseits einige wenige Initialen des Cvp 1767 von einer in Cvp 2774 tätigen Hand eingesetzt worden sind, läßt – in Hinblick auf die gesicherte Datierung der genannten Handschriften in die Jahre 1446-1448 – meines Erachtens den Schluß zu, daß der [Seite 140] bislang nach Salzburg lokalisierte Cvp 2774 im Wiener Raum entstanden ist. Daß der Deckfarbenschmuck von Cvp 2774 der Salzburger Malerei zweifellos näher steht als der Wiener Malerei widerspricht nicht einer solchen Lokalisierung, da die Mobilität mittelalterlicher Illuminatoren genügend belegt ist (beispielsweise war Michael auch in St. Lambrecht und Seckau, der Albrechtsminiator auch in Melk tätig). Im Falle von Cvp 2774 könnten aus dem Salzburger Bereich nach Wien abgewanderte Kräfte hier mit lokalen Künstlern eine neue Werkstattgemeinschaft gebildet haben.
[Seite 141]

Zusammenfassung

Bei der Beschäftigung mit im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts in Niederösterreich illuminierten Handschriften konnten unter anderem – vor allem durch Beachtung der Sekundärornamentik (Fleuronnée, Lombarden) – noch unerkannte Beziehungen zwischen CCl 614, CCl 74 und der Gruppe des Niederösterreichischen Randleistenstils nachgewiesen werden; Beziehungen, die vor allem für das Verständnis der letztgenannten Handschriftengruppe relevant sind. Jene Hand, die den Großteil des Fleuronnées in genannter Gruppe geschaffen hat, ist nicht nur auch im Fleuronnéeschmuck der älteren CCl 614 und CCl 74 nachweisbar; ihr ist auch der größte Teil der Lombarden und Deckfarbeninitialen in den Codices des Niederösterreichischen Randleistenstils zuzuweisen. Somit ist für die unter diesem Terminus zusammengefaßte, in den achtziger und frühen neunziger Jahren nachweisbare Form des Deckfarbenschmucks im wesentlichen eine Persönlichkeit verantwortlich zu machen, die auf Grund der Handschriften-Provenienzen als Wanderkünstler zu verstehen ist, und die meist den gesamten Buchschmuck dieser Codices ausgeführt hat.

Im Deckfarbenschmuck hat dieser Illuminator einerseits aus Handschriften wie CCl 614, CCl 154 und CCl 74 (⇒Anm. 141-1) Anregungen bezogen, andererseits jedoch auch italienische Vorbilder auf direktem oder indirektem Wege verarbeitet. Holter (⇒Anm. 141-2) hat in diesem Zusammenhang auf die Handschriften Cvp 1191 und Cvp 405 (letztere heute in Budapest) hingewiesen und auf Grund der allgemeinen Ähnlichkeiten in der Anlage des Rahmensystems und in Einzelmotiven (stabartige Ranken, unterbrochen von Knoten und Blüten, besetzt mit Vögeln und Fabelwesen), [Seite 142] die von Schmidt (⇒Anm. 142-1) später der Gruppe des Niederösterreichischen Randleistenstils hinzugerechneten Handschriften Cvp 1790 und Cvp 1388 als "nicht schulmäßige, wohl österreichische Nachahmung von Handschriften der sienesisch-neapolitanischen Schule" verstanden. Weit enger sind die Beziehungen der Codices des Niederösterreichischen Randleistenstils zur venezianischen Handschrift S 64 sup. der Mailänder Ambrosiana (⇒Anm. 142-2); sowohl im dürftigeren Randleistenschmuck als auch in Einzelformen. (So begegnet das etwa in Berlin, Ms. germ. fol. 479, 1r vertretene Motiv des Rankenmedaillons mit glockenförmigen Blüten und Halpalmetten auch am unteren Seitenrand von 84v der Mailänder Handschrift; nicht jedoch in den von Holter angeführten italienischen Codices).

Während die 1392 datierbare Bibel Wien, UB, Ms. 506 noch den Niederösterreichischen Randleistenstils vertritt, gehört der unfigürliche Deckfarbenschmuck der 1397 datierten Heiligenkreuzer Bibel Cod. 1 und 2 bereits dem Umkreis der Wiener Hofwerkstätte an, von der angenommen wird, daß sie sich mit dem um 1385 angesetzten Beginn der Ausschmückung am Rationale Durandi (Cvp 2765) konstituiert habe. (⇒Anm. 142-3) Eine [Seite 143] breitere Produktion illuminierter Handschriften dürfte jedoch – nach der Überlieferung zu schließen – erst in den neunziger Jahren stattgefunden haben, wobei die Mehrzahl dieser Handschriften in ihrer Ornamentik und zum Teil auch im Figurenstil mit der älteren Stilschicht des Cvp 2765 in Zusammenhang steht.

Letzteres gilt auch für den nach dem Cvp 2765 am reichsten illuminierten Codex des ausgehenden 14. Jahrhunderts aus dem Wiener Raum, für das Missale Wiener Neustadt, Neukloster, Cod. XII A 10, dessen Kanonbild-Illuminator vom Frühstil des Cvp 2765 abhängt. Mit dem Wiener Neustädter Codex schließen sich im Deckfarben- und/oder Fleuronnéeschmuck weitere 14 Handschriften, darunter acht aus Klosterneuburg, zusammen. Nur vier der ganzen Gruppe zeigen figürliche Darstellungen, wobei der – durch einen im Cvp 2765 nicht nachweisbaren Illuminator hergestellte – stilistische Zusammenhang zwischen Wiener Neustädter Missale, CCl 23 und dem Lektionar Budapest, Bibl. der Akademie der Wissenschaften, "Ivrét 1b" weit enger ist als zu dem auf Grund seiner Deckfarbenornamentik und der Fleuronnéeinitiale auf 128r zweifellos derselben Gruppe zuzurechnenden Missales St. Florian, Cod. III 205, dessen mit dem Wiener Neustädter Missale zum Teil in ikonographischer Beziehung stehende Darstellungen (Abendmahl!) einer schwächeren Hand zuzuweisen sind.

Dafür, daß nicht alle dieser 14 Handschriften an einem Ort ausgeschmückt worden sind, spricht unter anderem die Provenienz der liturgischen Handschriften dieser Gruppe. Das Psalterium Klosterneuburg, Cod. 600 (mit Klosterneuburger Litanei), das St. Florianer Missale (nach St. Florianer Ritus), Wiener Neustädter Missale (mit Kalendar der Diözese Salzburg) und das Budapester Lektionar (mit Kalendar der Diözese Salzburg; geschrieben offensichtlich von derselben Hand wie der vorgenannte Codex) sind höchstwahrscheinlich – da angenommen [Seite 144] werden darf, daß von Handschriften, die eine nur an einem bestimmten Ort gültige Liturgie überliefern, Abschriften in der Regel wohl nur an Ort und Stelle hergestellt wurden – in Klosterneuburg, St. Florian beziehungsweise Wiener Neustadt ausgeschmückt worden.

Hauptsitz der Werkstatt dürfte Wiener Neustadt gewesen sein. Dafür spricht vor allem der Umstand, daß am Deckfarben- und Fleuronnéeschmuck des Wiener Neustädter Missales mindestens je drei Hände beteiligt waren – was naheliegt, daß der Buchschmuck dieser Handschrift innerhalb einer größeren und daher wohl auch in einer in einem Zentrum tätigen Werkstatt entstanden ist –, während die Ausstattung der übrigen, zum Teil nachweislich an verschiedenen Orten geschriebenen Codices dieser Gruppe hingegen von jeweils nur ein bis zwei, eventuell von der Werkstatt delegierten oder aus ihr hervorgegangenen, herumziehenden Kräften ausgeführt worden ist.

Ob die Werkstatt des Wiener Neustädter Missales als Ableger der Hofwerkstätte aufzufassen ist oder ob nicht vielmehr beide Werkstätten auf ähnliche Vorbilder zurückgreifen, kann – da zweifellos nur ein geringer Prozentsatz der illuminierten Handschriften dieser Zeit erhalten ist – nicht entschieden werden.

Die Beschäftigung mit der jüngeren Stilschicht des RD hat gezeigt, daß eine genaue Scheidung der an ihr beteiligten Hände unmöglich ist. Doch sprechen die Unterschiede zwischen Bl. 163r und 274r in Verbindung mit dem Umstand, daß ein Großteil der dieser Stilschicht zuzurechnenden Initialbildchen mit den Darstellungen des einen oder anderen der beiden vorgenannten Blätter in Verbindung zu bringen ist, dafür, für den Figurenschmuck von 163r und 274r – im Gegensatz zur Ansicht Schmidts (⇒Anm. 144-1), der beide Blätter dem Illuminator Nikolaus zuschreibt – wenigstens zwei Hände verantwortlich zu machen. Die Beziehungen des etwa gleichzeitig tätigen "Lyra-Meisters" zu Bl. 163r und zu dem von Holter (⇒Anm. 144-2) ihm gleicherweise zugeschriebenen Bl. 57r erwiesen sich als zu wenig charakteristisch, um eine Zuschreibung dieser Blätter an den [Seite 145] Lyra-Meister zu rechtfertigen. Was das oeuvre dieses Illuminators anbelangt, schließe ich mich der Meinung Schmidts (⇒Anm. 145-1) an, jedoch erscheint mir die Zuweisung des halbseitigen Widmungsbildes Herzogs Wilhelm auf 1v der New Yorker Historia-Handschrift an Nikolaus auf Grund der Verwandtschaft zur Darstellung des Herzogs auf 274r des RD möglich.

Deckfarbenornamentik und Figurenstil der Handschriften, in denen der Lyra-Meister nachweisbar ist, sprechen für eine Entstehung innerhalb der an der jüngeren Stilschicht des RD tätigen Werkstatt: Die Deckfarbenornamentik ist – mit Ausnahme einiger erst wieder in Handschriften um 1420 wiederkehrender Blattrankenformen des Cvp 2783 – von der des RD nicht absetzbar; die figürlichen Darstellungen stehen Bl. 163r oder 274r und den mit diesen Blättern jeweils in Zusammenhang gebrachten Initialbildchen nahe. Für die Ausschmückung der Lyra-Meister-Handschriften in der Hofwerkstätte sprechen auch ihre Vorbesitzer: Die Historia-Handschrift war für Herzog Wilhelm bestimmt, Cvp 2783 war im Besitz des Andreas Plank, herzoglicher Kanzler ab 1406.

Erst in den Jahren 1420/1421 setzt wiederum eine reiche Produktion illuminierter Handschriften im Wiener Raum ein. Hauptwerk ist das Antiphonar CCl 65-68, in dessen zwischen 1420 und 1424 entstandenen, reich mit Deckfarbeninitialen, fleuronnierten Lombarden und Cadellen ausgestatteten Grundstock eine Reihe von Händen tätig war. Von denselben oder eng verwandten Kräften stammen unter anderem neben den schon bei Oettinger (⇒Anm. 145-2) genannten 16 illuminierten Codices der Klosterneuburger Stiftsbibliothek weitere sechs, aus inhaltlichen Gründen 1420/1421 zu datierende: CCl 36, 38, 58, 128-129, 722 B. Die Ansicht Oettingers, daß die Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts sich auf die in den Rechnungsbüchern genannten Illuminatoren aufgrund von Unterschieden im Figurenstil und in der Ornamentik aufteilen lassen, erfuhr bei genauer Untersuchung des Buchschmucks keine uneingeschränkte Bestätigung.
[Seite 146]

Dem Illuminator Michael ist im Grundstock des Antiphonars neben vier historisierten Initialen der weitaus größte Teil der insgesamt 275 unfigürlichen zuzuschreiben. Einige davon sind – wie die dem Michael bislang zugewiesenen beiden Initialen des CCl 121 – wahrscheinlich vom Meister des Kremnitzer Stadtbuches, dieser wäre auch als Ausführender einer der herausgeschnittenen figürlichen Initialen des Antiphonars denkbar. An die Ornamentik der insgesamt 12 figürlichen "Nikolaus-Initialen" des Antiphonars schließt nur eine kleine Gruppe unfigürlicher im Antiphonar, jedoch der überwiegende Teil aller in Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts enthaltener an.

Eine Analyse der "Nikolaus-Initialen" des Antiphonars zeigte Unterschiede in Drapierungsform, in den Gesichtstypen, in der Malweise, im Kolorit und auch in der Qualität auf; Unterschiede, die Anlaß waren, zumindestens für die Ausführung der Initialen der Verkündigung, des Ostermorgens, des Johannes Bapt. und des Christus und Zachäus einen Mitarbeiter des Nikolaus anzunehmen. Diesem Gehilfen ist auch der Deckfarbenschmuck des CCl 36-38 zuzuschreiben; dem Hauptmeister hingegen unzweifelhaft das Kanonbild des Turs-Missales und wahrscheinlich auch die figürlichen Darstellungen des CCl 273 und CCl 35. Während die mit dem Illuminator Nikolaus zu identifizierenden Darstellungen jene Stilrichtung fortsetzen, die durch Bl. 274r des RD, durch die fortschrittlicheren Initialdarstellungen des Cvp 2783 und durch 1v der New Yorker Historia-Handschrift vertreten ist, wurden bei den seinem Mitarbeiter zugewiesenen Darstellungen Beziehungen zu Bl. 163r des RD und dem vom Lyra-Meister ausgeschmückten Bl. 1r des Cvp 2783 festgestellt.

Eine Verbindung vom Buchschmuck des Antiphonars zur älteren Buchmalerei im Wiener Raum ist auch durch jenen Florator gegeben, dessen Tätigkeit im Antiphonar sich im wesentlichen auf die Ausschmückung der mit "Nikolaus-Initialen" versehenen Doppelblätter beschränkt hat, der nachweislich auch Deckfarbeninitialen geschaffen hat und bereits im Cvp 2783 und wohl auch auf 1v der Historia-Handschrift tätig war.
[Seite 147]

Unterschiede im Formenrepertoire der Deckfarbeninitialen und -ranken in Klosterneuburger Handschriften des dritten Jahrzehnts erlauben zwar die Bildung von Handschriftengruppen, doch kann – da sie nicht scharf voneinander abzugrenzen sind – die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, daß die festgestellten Unterschiede lediglich Folge der Weiterentwicklung desselben Illuminators sind. Für Illuminator Veit verbleiben als mögliche Werke seiner Hand lediglich die mit unfigürlichen Initialen ausgestatteten CCl 47 (1426), CCl 34 (1427), CCl 139 (1428) und ein Teil des CCl 35.

Die stilistische Verwandtschaft der Antiphonar-Illuminatoren zur Buchmalerei im böhmisch-mährischen Raum (⇒Anm. 147-1) – Nikolaus und der Meister des Kremnitzer Stadtbuches hängen eng von der späten Martyrologiumswerkstätte ab, Michael hat wiederholt mit dem Meister des Kremnitzer Stadtbuches zusammengearbeitet (die von Michael um 1430 geschaffenen Kanonbilder in zwei St. Lambrechter Missalien sind jenen des letztgenannten Meisters ikonographisch engstens verwandt) und zeigt noch näher zu untersuchende Beziehungen zur Buchmalerei in Brünner Missalien des ersten Jahrhundertviertels – und der Umstand, daß selbst die Formen der Sekundärornamentik (Fleuronnée, Lombarden) in von der Antiphonar-Werkstatt illuminierten Klosterneuburger Handschriften vor und nach dem dritten Jahrzehnt in Klosterneuburger Handschriften nicht zu finden sind, könnte dahingehend interpretiert werden, daß die um 1420/21 in Klosterneuburg erstmals greifbare Arbeitsgemeinschaft bereits im zweiten Jahrzehnt in derselben Zusammensetzung im böhmisch-mährischen Raum tätig gewesen ist. Daß das Haupt derselben, der Illuminator Nikolaus, im ersten Jahrzehnt in der Wiener Hofwerkstätte nachweisbar ist, reicht meines Erachtens nicht aus, diese Arbeitsgemeinschaft der Wiener Hofwerkstätte zuzurechnen.

Das vierte Jahrzehnt der Buchmalerei im Wiener Raum wird durch den Albrechtsminiator und den Illuminator Michael dominiert. Mit der Wiener Malerei um 1430 wurde erstmals der Illuminator [Seite 148] des Breviers für Georg von Palocs, Erzbischof von Gran 1423-1439 (Salzburg, Studienbibl., Cod. M II 11), in Zusammenhang gebracht. Dieser Meister war um 1425 in Melk tätig, wo ihm – unter anderem aufgrund völlig übereinstimmender Ornamentmotive – der Deckfarbenschmuck zweier Missalien (Missalefragment New York, Public Library, Ms. 16, Bl. 8-11 und Missale Melk, Cod. 239) sowie einige unfigürliche Initialen im 1426 datierten, mit unfigürlichem Schmuck einer Hand aus der Grillinger-Werkstatt ausgestatteten St. Lambrechter Missale Graz, UB, Cod. 122 zuzuschreiben sind. Aus letztgenannter Werkstatt könnte der Illuminator auch einige seiner Ornamentmotive bezogen haben.

In den folgenden Jahren ist er wohl mit Handschriften des Albrechtsminiators in Berührung gekommen, da das im Figuren wie Ornamentstil gegenüber oben genannten Handschriften zweifellos jüngere Graner Brevier in Ornamentik, Figurenstil und Ikonographie Beziehungen zu zwischen 1425 und 1435 entstandenen Handschriften des Albrechtsminiators zeigt. Letztere hätte der Meister des Palocs-Breviers im Wiener Raum – eventuell auf seinem Weg nach Gran – kennenlernen können; möglicherweise sind ihm diese Kenntnisse jedoch auch durch eine verlorengegangene Handschrift des Albrechtsminiators in Melk selbst vermittelt worden.

Ebenso wie der Meister des Palocs-Breviers so zeigt auch die Melker Buchmalerei gegen und um die Mitte des 15. Jahrhunderts Beziehungen zur Werkstatt der Grillinger Bibel (in einzelnen Motiven der Deckfarbenornamentik und im Fleuronnée zahlreicher Handschriften) wie zum Albrechtsminiator. Erstere könnten – zumindestens teilweise – durch den Meister des Palocs-Breviers in die Melker Buchmalerei Eingang gefunden haben, letztere sind durch direkte Kenntnis von Melker Handschriften des Albrechtsminiators erklärbar.

Der Buchschmuck Klosterneuburger Handschriften des vierten Jahrzehnts umfaßt neben figürlichen und unfigürlichen Deckfarbeninitialen des Albrechtsminiators (CCl 56, 57, 124) und des Illuminators Michael (CCl 682, 613) eine in kolorierter Federzeichnung gehaltene Sternbilderreihe im naturwissenschaftlichen [Seite 149] CCl 125. Für letztere konnte in dem für Klosterneuburg bestimmten, 1433-35 niedergeschriebenen Cvp 5415 eine verwandte Reihe gefunden werden. Übereinstimmende kodikologische Merkmale belegen die Entstehung beider Handschriften in unmittelbarer zeitlicher und örtlicher Nähe. Der Zeichner der weitaus schwächeren, um einige Jahre jüngeren Reihe in CCl 125 hat offenbar in all jenen Fällen, in denen es der Text seiner Handschrift erlaubte, die entsprechenden Darstellungen des Cvp 5415 kopiert. Während der Zeichner des CCl 125 in einzelnen Motiven wie in der Binnenzeichnung der Halbakte an die Malerei um 1430 (Meister der Votivtafel von St. Lambrecht und Umkreis) erinnert, ist für die Sternbilder des Cvp 5415 in der zeitgenössischen österreichischen Malerei kein vergleichbar fortschrittlicher Figurenstil zu finden. Auch die Frage nach der dem Cvp 5415 zugrundeliegenden Vorlage konnte im Rahmen dieser Arbeit nicht gelöst werden. Die von oberitalienischen Vorbildern abhängigen Sternbildkataloge der Wenzels-Handschriften Cvp 2352 und München, BSB, Cod. 826 kommen weder ikonographisch noch stilistisch als Vorlagen in Betracht. Eine oberitalienische Vorlage darf jedoch unter Berücksichtigung der fortschrittlichen Figuren- und Tierdarstellungen im Sternbildkatalog des Cvp 5415 wohl auch für diesen angenommen werden; im Bereich des Möglichen erscheint auch die Annahme, daß eine solche auf indirektem Wege über eine Handschrift der späten Wenzelswerkstatt vermittelt worden ist.

Die Vorstellungen über die Klosterneuburger Handschriften des Illuminators Michael wurden in einigen Punkten korrigiert beziehungsweise ergänzt. Im Antiphonar hat er nicht nur den größten Teil aller Deckfarbeninitialen des Grundstocks ausgeführt, sondern auch den gesamten Buchschmuck (Deckfarbeninitialen, Fleuronnéeinitialen) der gegen 1440 eingefügten Teile – auch in anderen von seiner Hand illuminierten Handschriften hat er Teile der Sekundärornamentik geschaffen. Für die in der Literatur unterschiedlich datierten Klosterneuburger Missalien dieses Illuminators wurde eine Entstehung von um 1440 für CCl 78 und von 1430/1435 für CCl 613 ermittelt, da erstgenannte Handschrift gegenüber dem – in Drapierungsstil und [Seite 150] Ornamentik um 1430 entstandenen Michael-Handschriften verwandten – CCl 613 unter anderem einen kleinteiligeren und knittrigeren Faltenstil und ein gesteigertes Interesse des Illuminators an Innenraum- und Landschafts-Darstellungen zeigt, die jedoch noch nicht ganz das Niveau von in der zweiten Hälfte der 40er Jahren entstandenen Michael-Handschriften erreicht haben. Als ein Klosterneuburger Missale mit Advent- und Kanonbild von der Hand des Michael konnte die Handschrift Budapest, Bibl. der Akademie der Wissenschaften, lat. cod. 4° 27 identifiziert werden. Faltenstil, die summarische Malweise, vor allem aber die Tatsache, daß Michael in dieser Handschrift sich die Arbeit mit dem im fünften Jahrzehnt nachweisbaren Meister der Klosterneuburger Missalien teilt, legt eine Datierung von um 1440/1450 nahe. Dafür, daß Michael zumindestens noch ein weiteres Missale für Klosterneuburg illuminiert hat, spricht ein Klosterneuburger Missalefragment mit einer Fleuronnéeinitiale seiner Hand.

Vorherrschende Kraft in illuminierten Klosterneuburger Handschriften des fünften Jahrzehnts war der Meister der Klosterneuburger Missalien ("Missalienmeister"). Die technischen und stilistischen Unterschiede innerhalb des ihm zugeschriebenen ouevres – deren verbindendes Merkmal die einheitliche, in engster Abhängigkeit vom Albrechtsminiator stehende Ornamentik ist – erwiesen sich als zu groß, um dieses einem Meioster zuschreiben zu können. So zeigte die Untersuchung der ihm in der Literatur zugeschriebenen Darstellungen des Cvp 326 (1446-1447) und Cvp 1767 (1447-1448), daß diese von mindestens zwei, stilistisch allerdings bisweilen sehr ähnlichen und daher nicht immer eindeutig unterscheidbaren Händen ausgeführt worden sind. Die in ihrer Qualität hervorragende, als "Sebastianmeister" bezeichnete Kraft hat im Cvp 1767 den Figurenschmuck auf 270r-271r, den größten Teil der für den Missalienmeister in der Literatur in Anspruch genommenen übrigen Initialen dieses Codex und im Cvp 326 zumindestens den Lucas auf 223r ausgeführt, die restlichen Initialen letztgenannter Handschrift sind hingegen meist von deutlich schwächerer Qualität und daher zum überwiegenden Teil einer anderen [Seite 151] Kraft derselben Werkstatt zuzuschreiben. Während die ersten der "Sebastianmeister"-Initialen im Cvp 1767 – die teilweise sicher unter Mitarbeit eines Gehilfen entstanden sind (z.B. Florian auf 134*r) – der Stilrichtung des Albrechtsminiators nahestehen, zeigen die auf 270r-271r - etwa in der Modellierung der Aktfiguren oder in Drapierungsmotiven – deutlichere Beziehungen zum Albrechtsmeister.

Auch an den Missalienmeister-Kanonbildern läßt sich das Nebeneinander der genannten beiden – nicht mit jeweils einer bestimmten Kraft dieser Werkstatt zu identifizierenden – Stilrichtungen aufzeigen. Die Kanonbilder des CCl 616 und CCl 960 stehen in Ikonographie und Faltenstil Darstellungen auf 270r-271r im Cvp 1767 am nächsten; auf Grund der sehr schwachen Qualität des CCl 960 erscheint eine Zuschreibung an den Sebastianmeister jedoch nur für CCl 616 möglich. Ihm kann auch das qualitätvolle Harrach-Missale-Kanonbild zugewiesen werden, dessen Maria – engstens verwandt der des 1450 gekauften, weit schwächeren CCl 609 – die Gottesmutter des um 1425 entstandenen TursMissale-Kanonbildes in Standmotiv und Drapierungsmotiv tradiert. Auf ähnliche, im Umkreis der Albrechtsminiators entstandene Vorbilder wie die Kanonbilder des Harrach-Missales und des CCl 609 dürfte auch das Kanonbild des 1452 gekauften CCl 72 zurückgehen. An in der Literatur noch nicht bekannten Arbeiten dieser Werkstatt sind neben dem Kanonbild und T(e igitur)-Initiale des Harrach-Missales zwei Initialen im Klosterneuburger Missale Budapest, Bibl. der Akad. der Wissenschaften, lat. cod. 4o 27 (von der Hand des Meisters aus Cvp 326), der Deckfarbenschmuck in Wien, Schottenbibl., Cod. 165 und in CCl 956 zu nennen.

Neben der stilistisch im Wiener Raum verwurzelten Missalienmeister-Werkstatt ist im 1448 datierten Cvp 2774 eine andere Arbeitsgemeinschaft faßbar, deren Mitarbeiter zumindestens zum Teil aus dem Salzburger Raum gekommen sind. Dorthin weist die Deckfarbenornamentik der Handschrift; doch ist der erste der in diesem Codex vertretenen Illuminatoren nachweislich im Wiener Raum tätig gewesen: er hat einige unfigürliche Initialen [Seite 152] auf dem Doppelblatt 179/180 des Cvp 1767 eingesetzt, das Klosterneuburger Missale CCl 603 illuminiert und den nicht näher lokalisierbaren, für ein Augustiner-Chorherrenstift bestimmten Cml LV in Lambach ausgeschmückt.

Ein Zusammenhang zwischen dieser Arbeitsgemeinschaft und der Missalienmeister-Werkstätte ist insofern gegeben, als jene Kraft, die den Großteil der Initialen im Cvp 326 ausgeführt hat, im Cvp 2774 durch zwei kolorierte Federzeichnungen vertreten ist und andererseits in dem von diesem Illuminator ausgestatteten CCl 606 eine Initiale im Figurenstil und Ornamentik nach Salzburg weist. Das Eindringen von Salzburger Kräften in den Wiener Raum in den späten vierziger Jahren ist wohl als Folge des Umstandes zu verstehen, daß hier zu diesem Zeitpunkt eine gegenüber Salzburg bedeutendere Produktion an illuminierten Handschriften existierte.

Bei der Analyse des Buchschmucks der in dieser Arbeit behandelten Handschriften ergaben sich auch Erkenntnisse zum Arbeitsprozeß bei der Buchausstattung. Für die Art der Arbeitsaufteilung bei Ausführung der verschiedenen Austattungselemente (Lombarden, Fleuronnée, Deckfarbenschmuck) wurden verschiedene Möglichkeiten festgestellt, wobei der Umfang der durchzuführenden Arbeit nur sehr beschränkt einen Rückschluß auf die Anzahl der beteiligten Kräfte zuläßt. Denn während in manchen Handschriften sogar Lombarden und Fleuronnée von jeweils mehreren Händen eingesetzt worden sind (⇒Anm. 152-1), sind in anderen illuminierten Codices – beispielsweise im von Heinrich Aurhaym ausgeschmückten CCl 4 und in den von Michael ausgestatteten jüngeren Teilen des Antiphonars CCl 65-68 - alle Buchschmuck-Elemente von einer einzigen Hand ausgeführt worden. Daß letzteres nicht als Sonderfall aufzufassen ist, wird auch dadurch belegt, daß in schriftlichen Quellen des Spätmittelalters einerseits zwar zwischen den Tätigkeiten des Einsetzens von einfachen, vollfärbigen Initialen (capitales), dem Einsetzen des Fleuronnées (floritura, floratura etc.) und der Ausstattung mit Deckfarbenschmuck (illuminare) unterschieden [Seite 153] wird, andererseits aber "illuminare" auch in der allgemeinen Bedeutung von "ausschmücken" in Gebrauch gewesen ist. (⇒Anm. 153-1) In vielen Fällen ist die Sekundärornamentik oder sind Teile derselben (vor allem die Lombarden) jedoch nicht vom Illuminator oder von Kräften einer Buchmalereiwerkstätte geschaffen worden, sondern vom Schreiber oder Rubrikator des jeweiligen Codex oder von Kräften, die innerhalb eines Skriptoriums mit dieser Aufgabe betraut waren. Zweck der Beschäftigung mit der – für sich betrachtet kunsthistorisch oft uninteressanten – Sekundärornamentik ist es, mit deren Hilfe Beziehungen zwischen illuminierten Handschriften herzustellen, die bei Beschränkung auf den Deckfarbenschmuck dieser Codices allein nicht hätten erkannt werden können. Erst durch Beachtung der Sekundärornamentik gelingt bisweilen die Zuordnung einer illuminierten Handschrift zu einer bestimmen Werkstatt.
[Seite 154]

Handschriften-Beschreibungen

Staatsbibliothek Preu▀ischer Kulturbesitz - Abkuerzung SPK ?
UB Ms 506 - Signatur ?

  1. Klosterneuburg (OSA), Cod. 614 – Seite: 156
  2. Klosterneuburg (OSA), Cod. 200 – Seite: 158
  3. Klosterneuburg (OSA), Cod. 626 – Seite: 158
  4. Klosterneuburg (OSA), Cod. 154 – Seite: 160
  5. Göttweig (OSB), Cod. 156 (olim 165) – Seite: 161
  6. Klosterneuburg (OSA), Cod. 74 – Seite: 162
  7. Melk (OSB), Cod. 356 (olim 508) – Seite: 166
  8. Klosterneuburg (OSA), Cod. 467 – Seite: 167
  9. Bratislava, Kapitelbibl., Cod. 47 – Seite: 168
  10. Wien, ÖNB, Cod. ... olim Wien, UB, Ms. 506) – Seite: 168
  11. Berlin, STB, Cod. germ. fol. 479 – Seite: 169
  12. Göttweig (OSB), Cod. 5 – Seite: 170
  13. Klosterneuburg (OSA), Fragm. Nr. 329 – Seite: 172
  14. Wien, ÖNB, Cod. 1388 – Seite: 173
  15. Wien, ÖNB, Cod. 1790 – Seite: 173
  16. Klosterneuburg (OSA), Cod. 10 – Seite: 175
  17. Klosterneuburg (OSA), Cod. 14 – Seite: 176
  18. Klosterneuburg (OSA), Cod. 23-24 – Seite: 177
  19. Klosterneuburg (OSA), Cod. 27 – Seite: 179
  20. Klosterneuburg (OSA), Cod. 33 – Seite: 180
  21. Klosterneuburg (OSA), Cod. 344 – Seite: 181
  22. Klosterneuburg (OSA), Cod. 600 – Seite: 182
  23. Heiligenkreuz (OC), Cod. 1-2 – Seite: 182
  24. Brixen, Seminarbibl., Cod. A 12 – Seite: 183
  25. St. Florian (OSA), Cod. III 205 – Seite: 185
  26. Wiener Neustadt, Neukloster (OC), Cod. XII A 10 – Seite: 189
  27. Budapest, Bibl. der Akad. d. Wissenschaften, Cod. "Ivrét 1b" – Seite: 193
  28. St. Florian (OSA), Cod. XI 407 – Seite: 194
  29. Klosterneuburg (OSA), Cod. 1191 – Seite: 195
  30. Heiligenkreuz (OC), Cod. 5 – Seite: 196
  31. St. Florian (OSA), Cod. XI 478 – Seite: 198
  32. Wien, ÖNB, Cod. 1854 – Seite: 198
  33. Wien, ÖNB, Cod. 381 – Seite: 200
  34. Wien, ÖNB, Cod. 2783 – Seite: 200
  35. Melk (OSB), Cod. 1881 (olim 981) – Seite: 203
  36. Klosterneuburg (OSA), Cod. 65-68 – Seite: 205
  37. Klosterneuburg (OSA), Cod. 34 – Seite: 215
  38. Klosterneuburg (OSA), Cod. 35 – Seite: 216
  39. Klosterneuburg (OSA), Cod. 36-38 – Seite: 217
  40. Klosterneuburg (OSA), Cod. 44-46 – Seite: 219
  41. Klosterneuburg (OSA), Cod. 47 – Seite: 220
  42. Klosterneuburg (OSA), Cod. 58 – Seite: 221
  43. Klosterneuburg (OSA), Cod. 128-129 – Seite: 222
  44. Klosterneuburg (OSA), Cod. 139 – Seite: 223
  45. Klosterneuburg (OSA), Cod. 273 – Seite: 224
  46. Klosterneuburg (OSA), Cod. 290 – Seite: 224
  47. Klosterneuburg (OSA), Cod. 321 – Seite: 225
  48. Klosterneuburg (OSA), Cod. 722 B – Seite: 226
  49. Salzburg, Studienbibl., Cod. M II 11 – Seite: 227
  50. Klosterneuburg (OSA), Cod. 125 – Seite: 230
  51. Wien, ÖNB, Cod. 5415 – Seite: 231
  52. Budapest, Bibl. der Akad. d. Wissenschaften, lat. cod. 4o 27 – Seite: 235
  53. Klosterneuburg (OSA), Cod. 97 – Seite: 236
  54. Klosterneuburg (OSA), Cod. 121 – Seite: 238
  55. Klosterneuburg (OSA), Cod. 78 – Seite: 239
  56. Klosterneuburg (OSA), Cod. 613 – Seite: 243
  57. Klosterneuburg (OSA), Cod. 682 – Seite: 248
  58. Wien, ÖNB, Cod. Ser. n. 15166 – Seite: 249
  59. Wien, ÖNB, Cod. 326 – Seite: 250
  60. Wien, ÖNB, Cod. 1767 – Seite: 252
  61. Klosterneuburg (OSA), Cod. 72 – Seite: 255
  62. Klosterneuburg (OSA), Cod. 606 – Seite: 257
  63. Klosterneuburg (OSA), Cod. 609 – Seite: 260
  64. Klosterneuburg (OSA), Cod. 616 – Seite: 261
  65. Klosterneuburg (OSA), Cod. 960 – Seite: 263
  66. Bruck a.d. Leitha, Schloß Prugg, Privatbesitz Grafen von Harrach, Missale – Seite: 264
  67. Klosterneuburg (OSA), Cod. 603 – Seite: 268
  68. Lambach (OSB), Cml. LV – Seite: 269

Alois Haidinger, Wien 1980
Abschrift für Internet: Dezember 2003