Zu diesem Zwecke ist der Aufbau einer photographischen Dokumentation aller festgestellten Wasserzeichen unumgänglich; dabei soll das Verfahren der Betaradiographie zum Einsatz kommen.
Die Wasserzeichen-Photographien sind laufend in Graphiken zu transformieren und in eine Bild-Text-Datenbank zu integrieren; als Endprodukt wird ein Repertorium der in Klosterneuburg nachgewiesenen Wasserzeichen in Form einer Text-Bild-Datenbank vorliegen.
Für die Datierung von Papierhandschriften könnten stärker als bisher die Erkenntnisse der Filigranologie herangezogen werden: Vor allem Dank der Forschungen von Gerhard Piccard ist bekannt, daß völlig identische (in allen Details deckungsgleiche) Wasserzeichen nur innerhalb eines Zeitraumes von wenigen Jahren auftreten. Der Grund dafür ist in der nur wenige Jahre umfassenden Lebensdauer des Schöpfsiebes, auf dem das Wasserzeichen als Drahtfigur befestigt war, zu sehen. Für eine genaue zeitliche Einordnung einer undatierten Papierhandschrift ist also lediglich der Nachweis identischer datierter Wasserzeichen notwendig. Dieses Vergleichsmaterial - mehrere Zehntausend maßstabgetreue Strichzeichnungen von Wasserzeichen - wird in einigen Repertorien dem Forscher zur Verfügung gestellt.
Zwar finden sich in manchen Handschriftenkatalogen Verweise auf Wasserzeichenrepertorien; häufig jedoch mit der Einschränkung "ähnlich", weil das Wasserzeichen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zumindestens teilweise von Schrift bedeckt und daher nur unvollkommen zu erkennen ist. Eine "ähnliche" Nachzeichnung in einem Repertorium kann jedoch bei all jenen Motiven (z.B. Glocke), die über einen langen Zeitraum in sehr ähnlichen Formen in Gebrauch waren, keinen zuverlässigen Datierungsansatz für die Handschrift bieten.
Abhilfe kann hier der Einsatz photographischer Verfahren, insbesondere der Röntgenphotographie und Betaradiographie bringen. Dabei werden die Dickenunterschiede des Papiers sichtbar gemacht: Alle Drähte des Schöpfsiebes - also auch das Wasserzeichen als Abdruck der auf dem Schöpfsieb angebrachten Drahtfigur - erscheinen auf dem Film als helle Linien, während der mit schwarzer oder brauner Tinte geschriebene Text weitestgehend verschwindet. Das letztgenannte Verfahren ist den internationalen Erfahrungen zufolge am besten in der Lage, eindeutige photographische Aufnahmen der Papiermarken herzustellen. Zwar ist der zeitliche und finanzielle Aufwand bei der Betaradiographie wesentlich höher als bei der Röntgenphotographie, doch kann erstere selbst von sehr schwach sichtbaren Wasserzeichen noch brauchbare Aufnahmen liefern. Daß das Verfahren der Betaradiographie für die Datierung von Papierhandschriften bislang nicht in größerem Umfang angewendet worden ist, hat seine Ursache in erster Linie in den dabei zu beachtenden rigorosen Strahlenschutzbestimmungen.
Liegen alle Wasserzeichen einer Papierhandschrift in Form eindeutig erkennbarer Photos vor (die Zahl der Wasserzeichen je Handschrift kann nach den in Klosterneuburg gemachten Erfahrungen zwischen zwei und über dreißig schwanken), so zeigt sich leider, daß zu vielen Papiermarken keine eindeutig identischen Nachzeichnungen in den gedruckten Repertorien nachgewiesen werden können. Hingegen hat die Erfahrung gezeigt, daß - erwartungsgemäß - die Suche nach identischen Zeichen in Handschriften desselben Fonds weit häufiger von Erfolg gekrönt ist als die Suche in Repertorien.
Zur Feststellung einer möglichen Identität muß jede neue Aufnahme mit den bereits vorhandenen Photos desselben Motivs verglichen werden. Ein Übereinanderlegen der Filme zwecks Feststellung einer möglichen Identität liefert wegen des zu geringen Kontrates der Bilder oft keine eindeutigen Ergebnisse, die Photos müssen somit auf einem Leuchtpult nebeneinanderliegend verglichen werden. Dies wäre bei manchen Motiven - etwa bei dem Wasserzeichen Glocke, von dem bis jetzt mehrere Dutzend Röntgenaufnahmen von sehr ähnlichen Wasserzeichen vorliegen - äußerst zeitaufwendig.
Durch Einscannen der Bilder und Ausgabe der Graphiken auf einem Laserprinter wird einerseits die Wasserzeichen-Dokumentation wesentlich benutzerfreundlicher, andererseits ist dadurch auch die Möglichkeit gegeben, bereits zur Laufzeit des Projektes Wasserzeichen in Form von Graphikdateien (via Internet oder auf CD-ROM) und/oder als Laserprinterausdruck interessierten Institutionen zur Verfügung zu stellen.
Die Integration der Photos in eine Bild-Text-Datenbank ist problemlos möglich. Ein Hauptproblem stellt jedoch die angestrebte Implementierung eines automatischen Vergleichs von Wasserzeichen zur Feststellung identischer Zeichen dar. Der Vergleich der Wasserzeichen, das heißt der als helle Linien auf dem Film sichtbaren Abdrucke der auf dem Schöpfsieb angebrachten Drahtfiguren, wird vor allem durch die zahlreichen Artefakte erschwert (Lötstellen, Linienunterbrechnungen, helle Linien als Resultat der Rubrizierung etc.); dieses Problem soll durch ein am Bildschirm durchzuführendes semiautomatisches Tracen der Wasserzeichen (siehe unter Abschnitt E) gelöst werden.
Im Zuge einer genauen kodikologischen Untersuchung der rund 400 aus dem Zeitraum 1350-1450 stammenden Papierhandschriften des Stiftes Klosterneuburg sollen die in den Codices vorkommenden Wasserzeichenmotive und allfällige Datierungen von Handschriften bzw. Handschriftenteilen festgestellt werden.
Motiv und Fundorte der Wasserzeichen werden in einem Datenbank-Formular vermerkt, das auf Grund der ermittelten Lagenformel erstellt wird; die Zahl der immer paarweise auftretenden Zeichen - bekanntlich wurde Papier in der Regel unter gleichzeitiger Verwendung von zwei Sieben geschöpft - schwankt in Klosterneuburg erfahrungsgemäß zwischen zwei bis über dreißig pro Handschrift.
Von jeder Papiermarke wird - soferne noch keine ausreichend kontrastreiche Röntgenaufnahme vorliegt (siehe Abschnitt "Vorarbeiten") - mindestens eine Betaradiographie-Aufnahme angefertigt. Pro Aufnahme ist eine Belichtungszeit von etwa drei Stunden erforderlich, wie am Forschungszentrum Seibersdorf und an der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters durchgeführte Versuchsreihen gezeigt haben.
Die angefertigten Filme sind laufend einzuscannen. Es ist vorgesehen, neben Filmen zu Vergleichszwecken auch kleinere Gruppe von Wasserzeichen aus Handschriften anderer Fonds (beispielsweise Abreibungen von Wasserzeichen aus datierten Melker Handschriften des 14.Jh.) und aus gedruckten Wasserzeichen-Repertorien (Strichzeichnungen von Wasserzeichen) einzulesen.
Zur Erstellung von brauchbaren Ausdrucken auf Laserprinter müssen die eingelesenen Bilder einer ersten Nachbearbeitung unterzogen werden, die sich im wesentlichen auf die Elimination von Rauschstörungen und die Verstärkung der Kontraste im Grauwertbereich der Wasserzeichen beschränken wird.
a) auf Grund einer in der Handschrift selbst vermerkten Datierung
b) auf Grund des Nachweises in einem gedruckten Wasserzeichen-Repertorium
c) auf Grund des Nachweises in einer anderen datierten Handschrift
Da nach den bisher in Klosterneuburg gemachten Erfahrungen vor allem Punkt c) zutrifft, sollen zunächst die Wasserzeichen der datierten Handschriften als Vergleichbasis für jene der undatierten Codices aufgenommen werden. Eine wesentliche Vermehrung der Anzahl der datierten Wasserzeichen wird durch die Auswertung einiger Rechnungsbücher des Stiftsarchivs zu erzielen sein; diese sind jeweils aus mehreren Faszikeln zusammengesetzt und enthalten naturgemäß eine Reihe von Datierungen. Wie nicht anders zu erwarten, hat sich bei einer erst fallweise durchgeführten Auswertung einiger Rechnungsbücher gezeigt, daß in Archiv und Bibliothek des Stiftes identische Papiersorten in Gebrauch waren.
Wasserzeichenrepertorien werden dort herangezogen werden müssen, wo die unter Punkt a) und c) genannten Möglichkeiten nicht zutreffen. Zu den gängigen Wasserzeichenrepertorien existiert ein teils selbsterstelltes, teils aus verschiedenen Quellen kumuliertes - und daher noch sehr mangelhaftes und im Rahmen des Projekts schrittweise zu korrigierendes - Motivregister. Die Motive der bislang in Klosterneuburger Handschriften der Bibliothek und in Rechnungsbüchern des Archivs festgestellten Wasserzeichens sind gleichfalls in einer Datenbank vermerkt, die für besonders häufig vorkommende ähnliche Zeichen (z.B. Glocke) zwecks leichterer Auffindbarkeit auch einige Größenparameter verzeichnet. Diese Textdatenbank enthält außerdem Informationen über die angefertigten Photographien, über festgestellte Nachweise in Repertorien, zur Parallelüberlieferung der Papiermarken in anderen Klosterneuburger Handschriften, zu Datierungen usw; sie wurde bereits mit Erfolg bei der Datierung der Papierhandschriften im Rahmen der Katalogisierung der zweiten Centurie der Klosterneuburger Handschriften eingesetzt.
Die Probleme der Wasserzeichenerkennung sind nur scheinbar jenen der automatischen Texterkennung (OCR) ähnlich: Im Gegensatz zur Texterkennung sind kleinste Abweichungen im Linienverlauf von Bedeutung, während die Erkennung des Motives kein wesentliches Problem darstellt.
Das Ergebnis der Extraktion eines Wasserzeichens ist eine Linienrepräsentation (Skeleton), die in Informationsgehalt und Aussehen einer händisch erstellten Wasserzeichenabbildung in den Standardrepertorien der Filigranologie entspricht. Diese Repräsentationen sind es, auf deren Basis die Vergleiche zwischen Wasserzeichenbildern beziehungweise Suchschritte nach ähnlichen Wasserzeichen durchgeführt werden sollen.
Welche Datenbank eingesetzt werden wird, ist noch nicht endgültig entschieden. Derzeit sind mehrere - an der ÖAW bereits vorhandene - Systeme (Ingres, Oracle, FoxPro) in Erprobung. Die Datenbank muß über den vollen Funktionsumfang einer Textdatenbank verfügen, darüberhinaus Manipulationen mit Bildern erlauben und mit selbstentwickelten Programm-Modulen (vor allem zur Bildbearbeitung und zur Wasserzeichenidentifikation) zusammenarbeiten können.
1991 wurden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Informationsverarbeitung erste Versuche zu einer EDV-gestützten Verarbeitung der Photographien durchgeführt. Wesentlich intensiviert wurde die Zusammenarbeit in den Jahren 1993 und 1994 im Rahmen des Ost-West-Projektes "Wasserzeichenrepertorium als Text-Grafik-Datenbank": Mehrere Hundert der Röntgenbilder von Wasserzeichen aus Handschriften des Stiftes Klosterneuburg wurden im Institut für Probleme der Datenübertragung der Russischen Akademie der Wissenschaften eingelesen und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Informationsverarbeitung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften softwaremäßig verbessert. Weiters wurde mit der Erprobung verschiedener Datenbanksysteme begonnen.
Da sich in der Praxis gezeigt hat, daß die gegenüber der Betaradiographie kostengünstigere und auch weit weniger zeitintensive Methode der Röntgenphotographie von sehr schlecht erkennbaren Wasserzeichen keine ausreichend kontrastreichen Bilder liefern kann, wurde 1995 damit begonnen, unzureichende Röntgenaufnahmen durch Betaradiographie-Aufnahmen zu ersetzen.
Alle im Zusammenhang mit den geschilderten Arbeiten auftretenden EDV-Fragen wurden von Dipl.-Ing. Emmanuel Wenger, Leiter der Abteilung für Angewandte Informationsverarbeitung des Instituts für Informationsverarbeitung, wahrgenommen (Vgl. http:// www.iinform.oeaw.ac.at/ Projects.html#water_database). Dieser arbeitet seit 15 Jahren auf dem Gebiet der Computergraphik, digitalen Bildverarbeitung und Morphometrie. Über die Bearbeitung von Wasserzeichenbilder hat er bereits zweimal auf internationalen Konferenzen (Riga 1992, SPIE-Konferenz in Samara 1994) vorgetragen; ein Beitrag zu diesem Thema wurde auf der IEEE/ACM Konferenz: "Image Analysis Applications and Computer Graphics" in Hong Kong (Dezember 1995) angenommen.
Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters