"Handschriftenkatalogisierung und Internet"

(Referat Leipzig, 21. September 1999)

Sehr geehrte Damen und Herren,
 

       in meinem Referat werde ich auf die Nennung von Internet-Adressen verzichten. Sie können jedoch den Text des Referates mit den Adressen aller erwähnten Internet-Seiten vom Server der Österr. Akademie der Wissenschaften abrufen. Auf eine Demonstration der Internetdateien parallel zu meinem Referat habe ich bewußt verzichtet, da ich auf eine Reihe von Seiten jeweils nur sehr kurz eingehen werde.

       Im folgenden wird nicht nur auf bereits im Internet abrufbare Dateien verwiesen werden, sondern es sollen auch einige Möglichkeiten des Einsatzes dieses Mediums für Belange des Handschriftenbearbeiters aufgezeigt werden.

       Das unbestritten wichtigste Internet-Hilfsmittel für den Handschriftenbarbeiter, die Datenbank "Handschriften des Mittelalters", ist jedem von Ihnen bekannt, so daß ich darüber keine weiteren Worte verlieren muß.

- DBI-LINK: http://dbix01.dbi-berlin.de:6100/DBI/login.html
 

       Was das Internet darüber hinaus an für uns interessanten Seiten bietet, darüber informieren mehr oder weniger umfangreiche Link-Sammlungen. Ich verweise hier beispielhaft auf die Erlanger Historikerseite, auf die Seiten Mediävistik im Internet, Internetquellen zu Handschriften und Mediävistik im Netz. Die Link-Sammlung der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters wird derzeit überarbeitet; sie leidet derzeit wie viele andere Linksammlungen unter mangelnder Aktualität: Manche der angeführten Seiten dürften nicht mehr existieren, andere haben ihre Adresse geändert, wichtige neue Seiten sind noch nicht vermerkt.

- Virtual Library - Geschichte/Deutschland: http://www.spinfo.uni-koeln.de/~tschass/hw/
- Mediävistik im Internet (speziell "Mittelalterliche Handschriften im Internet"): http://www.mediaevum.de/
- Internetquellen zu Handschriften http://www.stub.uni-frankfurt.de/lhsn.htm
- Mediävistik im Netz: http://www2.rz.hu-berlin.de/literatur/medlink.htm
- The Labyrinth.Resources for Medieval Studies http://www.georgetown.edu/labyrinth/
- Handschriftenforschung im Internet (Klaus Graf) http://www.uni-koblenz.de/~graf/hsslink.htm
- Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters - Links http://www.oeaw.ac.at/ksbm/k6.htm
 

       Um der schnellen Veralterung solcher Sammlungen entgegenzuwirken und den nicht unbeträchtlichen Arbeitsaufwand der ständigen Pflege einer Linksammlung in Grenzen zu halten, wäre es meiner Meinung nach sinnvoll, eine auf die Bedürfnisse der Handschriftenbearbeiter zugeschnittene Linksammlung im Teamwork zu erstellen und zu pflegen. Sollten sich dafür Interessenten finden, müßte man sich auf die Struktur der Seite sowie auf die Aufteilung von Verantwortungsbereichen für ihre Unterabschnitte (z.B. zu den Themen Handschriftenbeschreibungen, Datenbanken, Liturgische Texte und dergleichen) einigen. Die Handschriftenbearbeiter wären dann aufgefordert, laufend zusätzliche, ihnen wichtig erscheinende Seiten an die Redaktion der Linksammlung zu melden.

 

       Eine andere Möglichkeit, Kenntnis von interessanten neuen Internet-Seiten zu erlangen, ist die Teilnahme an relevanten Diskussionslisten; ich denke hier etwa an Exlibris, Medieval Texts und Medieval Religion.

- Exlibris: http://palimpsest.stanford.edu/byform/mailing-lists/exlibris/
- MEDTEXTL: http://www.english.uiuc.edu/medtextl.htm
- Medieval-Religion: http://www.mailbase.ac.uk/lists-k-o/medieval-religion/
- Medieval Academic Discussion Groups by Edwin Duncan: http://www.towson.edu/~duncan/acalists.html
- Eine umfangreiche Zusammenstellung von Diskussionslisten, die sich im weitesten Sinne mit Geschichte beschäftigen, findet sich auf Otfried Lieberknechts Homepage: http://members.aol.com/lieberk/h_lists.htm
- Discussion Lists and Newsgroups: http://libweb.uwic.ac.uk/discussionlists.htm
 

       Abonniert man die Beiträge der genannten Listen, so muß man allerdings damit rechnen, täglich mehrere Dutzend mails im elektronischen Briefkasten zu finden, deren Großteil für den Handschriftenbearbeiter von sehr geringem Interesse ist. Der Zeitaufwand bei der Lektüre der Diskussionsbeiträge könnte vermindert werden, wenn man nur die von vielen Diskussionslisten eingerichteten Archive durchsucht oder wenn mehrere Personen verschiedene Listen abonnieren und interessante Beiträge untereinander weiterleiten. Als Forum, um bei der Katalogisierung auftretende Probleme zur Diskussion zu stellen, eignen sich meines Erachtens die existierenden Diskussionslisten wohl nur in den seltensten Fällen.

 

       Es sollte daher in diesem Zusammenhang festgestellt werden, ob seitens der Handschriftenbearbeiter Interesse an der Schaffung einer eigenen Diskussionsliste zum Thema Handschriften besteht. Diese könnte dazu dienen, bei der täglichen Katalogisierungspraxis auftauchende Fragen zu erörtern - ich würde etwa eine unleserliche Textstelle als Graphik an die Liste senden, ich würde anfragen, ob jemand Kalendarien mit Spalten nicht nur für die Goldenen Zahlen sondern auch für die Stunden des Tages und der Nacht kennt oder ob jemand Näheres über den Kult des heiligen Osdagus weiß. Die Liste wäre andererseits auch das ideale Medium, um Fachkollegen Informationen allgemeiner Art - etwas zu neu erschienener Fachliteratur - zukommen zu lassen. Die Liste könnte fallweise sicher auch zur Weiterbildung aller Listen-Teilnehmer beitragen; nämlich dann, wenn Antworten auf Anfragen nicht direkt an den Fragenden geschickt werden, sondern - wie es für eine Diskussionsliste eigentlich selbstverständlich sein sollte - an die Adresse der Liste und somit an alle Mitglieder der Liste weitergeleitet werden würden. — Sollte ein solches Diskussionsforum von den Bearbeitern gewünscht werden, müßte geklärt werden, wer die Organisation der Diskussionsliste übernehmen könnte. Am sinnvollsten wäre zweifellos, würde die von Marburg eingerichtete Diskussionsliste zum Thema Handschriftendatenbank auch für allgemeine Themen der Handschriftenbeschreibung offenstehen.

- Marburger Diskussionsliste: Adresse für das An- und Abmelden: majordomo@lists.uni-marburg.de
Betreff: subscribe | Text: subscribe diskus
Adresse für Beiträge: diskus@lists.uni-marburg.de
 
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       Zu den für den Handschriftenbearbeiter interessantesten Internet-Dateien zählen wohl jene, die Handschriftenbeschreibungen und Handschriftenlisten enthalten. Dateien dieser Art sind im Internet in unterschiedlichster Form vertreten:

 

       Schon vor Jahren hat die Beinecke Library in Yale ihre Handschriftenbeschreibungen - und zwar sowohl gedruckte wie ungedruckte - im Internet zur Verfügung gestellt;

- Yale University Library - Finding Aid Database http://webtext.library.yale.edu/finddocs/fadsear.htm

die Handschriftensammlung der Grazer Universitätsbibliothek präsentiert seit Januar 1996 eine Abschrift ihres dreibändigen gedruckten Katalogs im Netz;

- Handschriftenkatalog der Universitätsbibliothek Graz http://www-ub.kfunigraz.ac.at/SOSA/katalog/

an der Kommission für Schrift- und Buchwesen wurde damit begonnen, den handschriftlichen, im wesentlichen aus den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts stammenden Zettelkatalog zu den Klosterneuburger Handschriften 401-1256 für das Internet abzuschreiben (Abschriften der Katalogisate zu Cod. 401-549 sind bereits on-line verfügbar);

- Hermann Pfeiffer, Berthold Cernik: Catalogus codicum manu scriptorum, qui in bibliotheca canonicorum regularium s. Augustini Claustroneoburgi asservantur. CCl 401-549. Klosterneuburg, ca. 1920/30. http://www.oeaw.ac.at/ksbm/kln/kat/catms.htm

und auch die Universitätsbibliothek Innsbruck hat ein Kurzinventar ihres 1167 Signaturen umfassenden Handschriftenbestandes in Angriff genommen (Kurzbeschreibungen der Manuskripte der vierten Centurie sind bereits verfügbar).

- Kurzinventar der Handschriften der Universitätsbibliothek Innsbruck http://homepage.uibk.ac.at/homepage/c108/c10838/hsi0.htm

Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang auch eine bebilderte Internet-Liste jener 133 Handschriften aus kleinen niederösterreichischen und Wiener Sammlungen, die im Katalog "Streubestände in Wien und Niederösterreich" publiziert werden.

- "Streubestände in Wien und Niederösterreich" - Übersicht über die katalogisierten Handschriften http://www.oeaw.ac.at/~ksbm/stb/mss.htm
 

       Darüber hinaus werden im Internet Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, die den Zugang zu den Handschriften eines bestimmten Fonds erleichtern: So werden die Codices 1-15500 der Wiener Nationalbibliothek durch eine on-line Datenbank erschlossen, die an Hand der Register der 1864-1893 gedruckten Wiener Kataloge erstellt wurde.

- TABULAE-Datenbank. Register zu den Handschriften Wien ÖNB, Cod. 1-15.500. (Konzept: Alois Haidinger; Konzeptausarbeitung und Durchführung: Christine Glaßner). 1997 (Datenupdate September 1998). http://www.onb.ac.at/online_s/tabulae/tabte.htm | Datenbank-Suchmaske: http://euler.onb.ac.at/cgi-allegro/maske.pl?db=tabulae
Zur Konzeption der Datenbank vgl. auch Christine Glaßner, Alois Haidinger: Vorschläge für eine Neuinventarisierung der Tabulae-Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek. Codices Manuscripti 25 (1998) 1-11.
 

       Weniger spektakuläre Hilfsmittel sind Autoren- und Initienregister sowie Signaturenkonkordanzen, wie sie zu einigen österreichischen Handschriftensammlungen angelegt wurden.

- Vgl. http://www.oeaw.ac.at/ksbm/k5.htm
 

       Erwähnenswert erscheint mir auch, daß die im Deutschen Archiv seit 1995 von Mentzel-Reuters verfaßten Literaturberichte zu neu erschienenen Handschriftenkatalogen seit wenigen Tagen im Netz sind. Eine Übersicht laufender Katalogisierungsprojekte - obwohl unschwer zu verwirklichen - existiert im Netz bislang leider nicht.

- Arno Mentzel-Reuters, Literaturbericht Handschriftenkataloge: DA 51 (1995), 53 (1997), 54 (1999). http://141.84.81.24/cgi-bin/html/hssrezhy.htm
 

       Die äußere Form der in Rede stehenden Dateien ist höchst unterschiedlich, doch scheint es mir nicht notwendig und wohl auch kaum durchführbar, hier eine Vereinheitlichung anzustreben. Nur erwähnen möchte ich an dieser Stelle, daß in den letzten Jahren mehrere Initiativen gesetzt wurden, einen Standard für die Präsentation von Handschriftenbeschreibungen in elektronischer Form zu entwickeln: die wichtigsten dieser Projekte sind das EU-Projekt MASTER und die beiden methodisch damit verwandten nordamerikanischen Projekte EAMMS und Digital Scriptorium.

- MASTER (Manuscript Access through Standards for Electronic Records): http://www.cta.dmu.ac.uk/projects/master/
- EAMMS (Electronic Access to Medieval Manuscripts): http://www2.csbsju.edu/hmml/eamms/
- Digital Scriptorium: http://sunsite.berkeley.edu/Scriptorium/ | Testdatenbank (Juni 1999: ca. 4600 Bilder): http://sunsite.berkeley.edu/scriptorium/form.html

Bedauerlich ist, daß für die Benutzung der geplanten on-line-Kataloge letztendlich Gebühren zu entrichten sein werden.

 
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       Zu wünschenswerten und relativ einfach anzulegenden Internet-Dateien zählen auch Addenda und Corrigenda zu bereits gedruckten Handschriftenkatalogen. Diese Ergänzungen sollten nicht nur in einer Privatdatei des Bearbeiters oder in einem Zettelkasten der Bibliothek existieren, sondern via Internet allgemein bekannt gemacht werden. Auf diese Weise könnten laufend auch neuere Literatur zu den Handschriften oder Mitteilungen von Benutzern der Handschriften eingearbeitet werden. Auch Transskriptionen kleinerer Texte - etwa eines Kalendars, des Beginns eines anonymen Werkes und dergleichen -, für die im Katalog kein Platz ist und deren Veröffentlichung nicht vorgesehen ist, könnten hier ihren Platz finden.

- Addenda und Corrigenda zu Kat. Klosterneuburg 1: http://www.oeaw.ac.at/ksbm/kln/mss/addcorr.htm
- Addenda und Corrigenda zum Ausst.-Kat. Verborgene Schönheit. Die Buchkunst im Stift Klosterneuburg. Klosterneuburg/Wien 1998. http://www.oeaw.ac.at/ksbm/kln/mss/kat1998/
 

       Laufend betreute Addenda und Corrigenda wären auch denkbar zu den für den Handschriftbeschreiber wichtigsten Repertorien. So wäre etwa eine Datei zu den Schneyerschen Sermonesrepertorien vorstellbar, in der auf unrichtige Zuschreibungen, auf von Schneyer übersehene Sammlungen oder Einzelsermones, auf Parallelüberlieferungen und ähnliches verwiesen werden könnte.

- Vgl. in diesem Zusammenhang Sermoneslisten zu Iohannes Milicius (Sermones "Gratiae Dei"), Iohannes Zerngast (Subarratorium animarum) und Thomas Ebendorfer. http://www.oeaw.ac.at/ksbm/k5.htm#serm
 
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       Besonders geeignet erscheint mir das Internet für die Präsentation von Bildersammlungen. Geeignet vor allem hinsichtlich der geringen Kosten, die bei dieser Art der Publikation von Bildmaterial anfallen. Weniger geeignet allerdings in Bezug auf den Zeitaufwand, der für das Aufrufen größerer Einzelbilder oder das ausgiebige Navigieren in einer umfangreichen Sammlung erforderlich ist. Aus diesem Grunde ist das Internet wohl vor allem für Bildsammlungen, die noch im Aufbau sind oder deren Inhalt sich laufend verändert, von Interesse, während für abgeschlossene Sammlungen wohl eher die CD-ROM das vorteilhaftere Medium darstellt. Daher findet sich zu dem Anfang 2000 erscheinenden Katalog der Streubestände in Wien und Niederösterreich im Internet nur eine Liste der 133 Manuskripte mit insgesamt 163 Bildern, während dem Katalog eine CD-ROM mit rund 700 Bildern und zusätzlichen Textdateien beigelegt werden wird.

 

       Für das Internet geeignete Bildersammlungen sind meines Erachtens etwa Abbildungen von Stempelabreibungen, Fragmenten und Wasserzeichen. — Bei der Präsentation von Stempelabreibungen und Wasserzeichenbildern im Netz muß gewährleistet sein, daß der Benutzer in der Lage ist, einen maßstabgetreuen Ausdruck der Bilder anzufertigen. Da dies über die Druck-Funktion des Internet-Browsers nicht bewerkstelligt werden kann, ist es notwendig, bei jedem Bild seine Größe anzugegeben oder einen Maßstab miteinzuscannen. Unter diesen Voraussetzungen ist sodann der Druck des Bildes in seinen ursprünglichen Abmessungen mit einem gängigen Bildbearbeitungsprogramm (PhotoShop oder PhotoPaint) möglich.

- Verzierte Einbände des Stiftes Klosterneuburg. Allgemein: http://www.oeaw.ac.at/ksbm/kln/einb/ Abreibungen: http://www.oeaw.ac.at/ksbm/kln/einb/stempel.htm
  Um Bilder eingescannter Stempelabreibungen später eventuell in eine größere überregionale Datenbank integrieren zu können, wäre es hilfreich, zu wissen, ob seitens der Stellen, die den Aufbau solcher Sammlungen planen, bereits festgelegt ist, in welcher Auflösung die Digitalisierung der Abreibungen erfolgen soll.
 

       Fragmente werden in der Regel erst dann katalogisiert, wenn es zu den Handschriften derselben Bibliothek einen modernen Katalog gibt. Für Österreich bedeutet dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, daß in den nächsten Jahrzehnten keine der großen Fragmentensammlungen - beispielsweise in Melk, Admont oder Klosterneuburg - wissenschaftlich erschlossen wird.

 

       Es wäre jedoch mit vertretbarem Aufwand möglich, die Fragmente zu photographieren, in Listenform kursorisch zu erfassen und in einer Internet-Datei die Einträge der Liste mit den dazugehörenden Bildern zu verknüpfen. Die Liste könnte sodann - eventuell auch an Hand eingehender Benutzer-Kommentare - sukzessive verbessert werden.

 

       Es wird überlegt, in der geschilderten Art und Weise mit den rund 1300 Fragmenten der Klosterneuburger Stiftsbibliothek zu verfahren. Bilder und Kurzbeschreibungen einiger Fragmente sind seit kurzem im Internet abrufbar: ausgewählt wurden einerseits bereits publizierte, wichtige Fragmente - wie die von Bernhard Bischoff bereits veröffentlichten aus dem 9. Jahrhundert - aber auch noch nicht bekannte Blätter, wie unidentifizierte illuminierte orientalische Fragmente aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.

- Fragmente der Stiftsbibliothek Klosterneuburg. http://www.oeaw.ac.at/ksbm/kln/mss/fragm/
 

       Zu den Fragmenten existiert eine Liste in Datenbankform: Sie verzeichnet Entstehungszeit, Schriftheimat, Besonderheiten des Buchschmucks und eine häufig sehr allgemein gehaltene Charakterisierung des Inhalts (kanonistischer Text, medizinischer Text und dergleichen). Die Liste wird innerhalb der nächsten Monate ins Netz gestellt werden; trotz ihrer Lückenhaftigkeit kann eine solche Liste - vor allem wenn sie mit Bildern verbunden ist - dem Fachmann den Zugang zu den Fragmenten wesentlich erleichtern und hat daher - solange es nichts besseres gibt - ihre Daseinsberechtigung im Internet.

 

       Schon seit längerem gibt es einige Sammlungen von Wasserzeichenbildern im Internet. Etwa eine Sammlung von Wasserzeichen aus griechischen Handschriften oder eine unter Beteiligung des Schweizer Papiermuseums in Basel erstellte Datenbank, die jedoch bislang im wesentlichen nur eine Teilmenge der Briquet-Abzeichnungen enthält.

- Archive of WATERMARKS and papers in Greek manuscripts, produced by Robert W. Allison, Assoc. Prof. of Religion, Bates College, Lewiston, Maine and Research Fellow Ektaktikos, the Patriarchal Institute for Patristic Studies, Thessaloniki. http://abacus.bates.edu/Faculty/wmarchive/
- SWJC - Search Watermark Images by Content. Collaboration between the Computer Science Center of the University of Geneva (Project Leader: Thierry Pun, Christian Rauber) and the Swiss Paper museum of Basel (Peter Tschudin). http://guest_watermark:guest_watermark@cuisun8.unige.ch/NSAPI/rauber/ignore?MIval=watermark
- Base de données des filigranes (icones): http://guest_watermark:guest_watermark@cuisun8.unige.ch/NSAPI/rauber/ignore?MIval=bri_intro
 

       Seit 1. Juli dieses Jahres finden Sie auf dem Server der Österr. Akademie der Wissenschaften die Wasserzeichensammlung "WZMA - Wasserzeichen des Mittelalters". Sie enthält derzeit rund 1300 nach Motiven und innerhalb der Motive nach Größe geordnete Wasserzeichen-Photographien des Zeitraums 1340 bis Anfang 16. Jh. Die Sammlung wird im Laufe des seit 1996 laufenden und mit März 2002 terminisierten Projektes "Wasserzeichen Klosterneuburger Handschriften" aufgebaut und wird zu Projektende mindestens auf das Dreifache angewachsen sein.

- "WZMA - Wasserzeichen des Mittelalters". http://www.oeaw.ac.at/ksbm/wz/
 

       Projektziel ist allerdings nicht nur die Veröffentlichung von Wasserzeichenbildern, sondern der Aufbau eines Wasserzeichen-Archivierungs- und Verwaltungssystems, das unter anderem die Abfrage der in einer Reihe von Tabellen abgelegten Informationen zu Trägerhandschrift, Wasserzeichen und Graphik nach verschiedenen Gesichtspunkten erlaubt. Ob das sehr umfangreiche Programm, das auf die Datenbanken zugreift, bereits vor Projektende im Jahre 2002 zur Verfügung gestellt werden kann, ist unsicher; als Zwischenlösung wird daher der größte Teil der Sammlung mit sehr eingeschränkten Recherchiermöglichkeiten ins Internet gestellt.

 

       Trotz aller Mängel, die dieser Sammlung noch anhaften, glaube ich doch, daß sie sich bereits jetzt als Ergänzung zu den gedruckten Repertorien eignet. Suchen Sie etwa nach Glockenwasserzeichen, die meiner Erfahrung nach zumindestens im süddeutsch-österreichischen Bereich sehr häufig vorkommen, so werden Sie in der Wasserzeichensammlung ein Mehrfaches an datierten Marken gegenüber Briquet und Mosin finden. Alle in der Sammlung behaupteten Identitäten zwischen Wasserzeichen können Sie selbst nachprüfen, indem Sie die entsprechenden Bilder nebeneinander auf den Bildschirm legen, sie ausdrucken oder etwa mit dem Programm Photoshop 5.0 aufrufen und übereinanderlegen. Nähere Erklärungen zum Aufbau, zur Benutzung und zur Zitierung der Sammlung finden Sie in der Hilfedatei zur Sammlung im Internet.

- "Hilfe zu "WZMA - Wasserzeichen des Mittelalters". http://www.oeaw.ac.at/ksbm/wz/wwwdb/wzhelp.htm
 

       Sollten Sie zu einem zu Ihrer Wasserzeichen in der angesprochenen Sammlung eine identisches Zeichen feststellen, so könnte, falls Sie es wünschen, diese Information unter Nennung Ihres Namens in die nächste Version der Wasserzeichensammlung aufgenommen werden. Mittelfristig wird beim weiteren Ausbau der Sammlung eine Kooperation mit jenen Institutionen angestrebt, die über größere Bestände von Betaradiographien oder Abreibungen verfügen; in dieser Hinsicht wurden bereits Kontakte mit der Königlichen Bibliothek in Den Haag hergestellt.

 

       Wie bei allen größeren Internet-Dateien stellt sich auch bei der Benutzung der Wasserzeichensammlung das Problem der langen Ladezeiten. Ein Herunterladen aller Dateien und Bilder auf die Festplatte ist zwar durchaus möglich (Bilder und Dateien beanspruchen derzeit nur etwas mehr als 10 MB), erscheint aber in Hinblick auf die angestrebte Aktualisierung der Sammlung in Intervallen von jeweils wenigen Monaten nicht sehr sinnvoll. Denkbar wäre hingegen - soferne daran Interesse besteht - mittelfristig eine Kopie der Sammlung auf CD den Handschriftenbearbeiterzentren zur Verfügung zu stellen.

 
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       Zuletzt möchte ich noch auf die Möglichkeit hinweisen, eine Handschriftenbibliographie im Internet zu veröffentlichen. Daß an einer solchen Interesse besteht, zeigt die Zugriffsstatistik auf die von der Kommission für Schrift- und Buchwesen angebotenen Internetdateien: Die Bibliographie zu österreichischen Handschriften, die von den Mitarbeitern der genannten Kommission erstellt wird und derzeit ca. 4600 Literaturzitate mit insgesamt rund 60.000 Verweisen auf Handschriften in österreichischen Bibliotheken enthält, verzeichnet täglich mehrere Dutzend Zugriffe. Die Umstellung dieser Handschriftenbibliographie von statischen Dateien zu dynamischen sowie die Einarbeitung zahlreicher neu ausgewerteter Literatur wird mittelfristig angestrebt.

- Bibliographie zu österreichischen Handschriften. http://www.oeaw.ac.at/ksbm/lit/frame.htm
 

       Es wäre angebracht, zumindestens in Zukunft neue Datensätze in einer Art und Weise aufzunehmen, die eine spätere Integration in die Marburger Handschriftendatenbank erlaubt. Vielleicht könnten die Betreuer der Marburger Datenbank dieses Format definieren und auch festlegen, wie Sonderzeichen in fremdsprachiger Literatur kodiert werden sollen.

 

       Auch bei allen anderen Internet-Projekten mit Bezug zur Handschriftenforschung sollte Kontakt mit Marburg hergestellt werden, um festzustellen, ob und wie eine spätere Integration der Daten in die Handschriftendatenbank möglich wäre. Ob Marburg diese beratende Funktion zusätzlich übernehmen kann, wird freilich von der finanziellen und personellen Ausstattung dieser Stelle abhängen.

 

       Ich bin mir bewußt, daß alle angeführten Beispiele zu bereits bestehenden und möglichen Internet-Dateien mit Bezug zur Handschriftenforschung nur eine kleine und sehr subjektive Auswahl darstellen. Falls Sie in der anschließenden Diskussion nicht zu Wort kommen, würde ich mich freuen, Ihre Meinung zu den angeschnittenen Themen per e-mail zu erfahren.

 

       Alois Haidinger (alois.haidinger@oeaw.ac.at)