ÖSTERREICHISCHE HANDSCHRIFTEN IM INTERNET

Die Website der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

von CHRISTINE GLASSNER


Der vorliegende Text (http://www.oeaw.ac.at/ksbm/varia/zfda2000.htm) ist die mit direkt anwählbaren Hyperlinks versehene HTML-Fassung eines in der „Zeitschrift für deutsches Altertum" 129 (2000) Heft 2, S. 202-209, abgedruckten Beitrags. Die WWW-Publikation erfolgt mit ausdrücklicher Genehmigung des Herausgebers Joachim Heinzle (heinzle@mailer.uni-marburg.de) und des Franz Steiner Verlags.

Siehe auch Addenda und Corrigenda zur Druckfassung.


In einem eher 'langsamen' Medium wie einer geisteswissenschaftlichen Zeitschrift über die Aktivitäten einer Institution in einem sehr schnellebigen Medium wie dem Internet zu berichten, mag anachronistisch erscheinen. Wenn es hier dennoch geschieht, so um darüber zu informieren, wie an der Koordinationsstelle für die Katalogisierung mittelalterlicher Handschriften in Österreich, der im Jahr 1966 eingesetzten Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (KSBM), das Internet derzeit für die laufenden Katalogisierungsarbeiten genützt wird und welche Ziele für die nähere Zukunft ins Auge gefaßt sind.(1)

Jeder Wissenschaftler, der sich mit der Edition oder Erforschung schriftlicher Quellen, vor allem des Mittelalters, beschäftigt, kennt das mühevolle und insbesondere zeitraubende Unterfangen der Durchforstung von Handschriftenkatalogen und -verzeichnissen. Die Palette der Erschwernisse, die dabei anzutreffen sind, reicht von nur spärlich vorhandenen und in langen Abständen erscheinenden modernen Handschriftenkatalogen über wohl gedruckte, jedoch modernen Anforderungen nicht mehr genügende, meist aus dem 19. Jahrhundert stammende Verzeichnisse bis zu schwer öffentlich zugänglichen, nur handschriftlich erhaltenen Katalogen. Im schlimmsten Fall mag es vorkommen, daß eine Handschriftensammlung mangels schriftlicher Bestandsverzeichnisse für die Forschung verloren ist. Am Beispiel Österreich: Von den in rund 150 verschiedenen Bibliotheken(2) erhaltenen etwa 30.000 mittelalterlichen Handschriften ist bisher nur rund ein Zehntel durch moderne Kataloge erschlossen. Die weitere Katalogisierung geht mangels personeller, aber vor allem finanzieller Ressourcen sehr langsam vonstatten. Ein Grund dafür mag auch in den sehr detailliert ausgeführten Richtlinien der KSBM zur Handschriftenkatalogisierung in Österreich(3) liegen, die eine weit größere Erschließungstiefe fordern als etwa die Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft.(4) Relativ hohe Druckkosten der Kataloge bedingen außerdem ein zeitaufwendiges Gutachterverfahren, das einer zügigen Drucklegung der Kataloge kaum förderlich ist. Die Verbreitung des Internet eröffnete hier neue Perspektiven, die dank der Initiative des KSBM-Mitarbeiters Alois Haidinger, der die Möglichkeiten des neuen Mediums für die Handschriftenkatalogisierung sofort erkannte und zu nützen versuchte, auch in die Tat umgesetzt werden konnten. A. Haidingers Konzeption der Homepage der KSBM geht auf das Jahr 1996 zurück. Seitdem wird die Website von drei KSBM-Mitarbeitern (A. Haidinger, F. Lackner, Ch. Glaßner) betreut, die dieser Aufgabe freilich neben ihrer Katalogisierungstätigkeit bei weitem nicht in der von ihnen selbst gewünschten Intensität nachkommen können.

Die Einstiegsseite(5) bietet einen Überblick über die einzelnen Hauptbereiche des Webangebots der KSBM. In der Rubrik Interna werden neben Personalstand(6) und Aufgabenbereichen(7) vor allem die Veröffentlichungen dieser Institution(8) das Interesse des Quellenforschers finden, wird doch hier eine Liste aller von der KSBM seit 1974 herausgegebenen Publikationen und der in Vorbereitung befindlichen Handschriftenkataloge(9) geboten.(10)

Die umfangreichsten Dateien der Website widmen sich den Handschriftenbeständen in Österreich. Diese sind einerseits über ein sachlich strukturiertes Verzeichnis(11) zugänglich, andererseits über eine alphabetisch nach Ortsnamen geordente Liste österreichischer Handschriftenbibliotheken.(12) Wie die Zugriffszahlen beweisen, findet die umfangreiche Bibliographie zu österreichischen Handschriften(13) besonderen Anklang. Nach Handschriftenbibliotheken und Signaturen geordnet, kann man hier auf einfachem Weg aus einem Fundus von rund 60.000 Literaturnachweisen zu österreichischen Handschriften, die etwa 4600 ausgewerteten Publikationen entnommen sind, schöpfen.

In Zukunft wird besonders die Sammlung „WZMA - Wasserzeichen des Mittelalters" an Bedeutung gewinnen.(14) Seit Juli 1999 steht daraus als Betaversion 0.7 ein erstes Konvolut von 1377 mittels Betaradiographie hergestellter Wasserzeichenbilder aus vorwiegend Klosterneuburger Handschriften im Netz zur Verfügung. Von einem Motivsammelindex ausgehend, können Wasserzeichen je nach Größe ausgewählt, die Fotografien auf den Bildschirm geholt, nach kurzer Bearbeitung originalgetreu ausgedruckt und mit eigenen Bildern oder Abreibungen verglichen werden. Auch dieses derzeit in dieser Form einzigartige Projekt wurde 1996 von Alois Haidinger initiiert. Bis 2002 erwartet der Projektleiter eine Verdreifachung der Anzahl der Wasserzeichenaufnahmen und die Präsentation des Prototyps eines Wasserzeichen-Archivierungs- und Verwaltungssystems, das komplexe Abfragen nach Daten der Trägerhandschrift, Motiven und Dimensionen von Wasserzeichen etc. erlauben wird.(15)

Über eine Unternehmung internationaler Zusammenarbeit der KSBM gibt die Seite „Mittelalterliche Handschriften in lateinischer Schrift in und aus Slowenien" Auskunft.(16) Komplettiert wird das Webangebot der KSBM durch ein Verzeichnis wichtiger Internetlinks für Handschriftenbearbeiter.(17) Eine überarbeitete und durch A. Haidingers Angaben in seinem Vortrag auf der DFG-Handschriftenbearbeitertagung in Leipzig(18) und weitere Linklisten ergänzte Sammlung dieser Internet-Verweise findet man auf der Website des Bildarchivs Foto Marburg.(19) Von weiteren interessanten Internetangeboten zur Mediävistik, speziell zur germanistischen Mediävistik, erhält man am besten über Diskussionslisten Kenntnis. Für den deutschsprachigen Raum ist derzeit zu diesem Themenbereich die Liste „Mediaevistik. Das deutschsprachige Mittelalter" führend, die von Graeme Dunphy (Universität Regensburg) und Ralf Schlechtweg-Jahn (Universität Bayreuth) moderiert wird und gegenwärtig knapp 200 Mitglieder aufweist.(20)

Das Marburger Handschriften-Forum(21) sei übrigens allen Quellenforschern nachdrücklich empfohlen. Es bietet u.a. in einer Datenbank(22) Nachweise zu 27.000 Handschriften, die aus den Registereinträgen des „Gesamtindex mittelalterlicher Handschriften"(23) generiert und zum Teil mit den entsprechenden digitalisierten Beschreibungsseiten aus den gedruckten Katalogen verknüpft wurden. Die Deskriptionen müssen also nicht nachgeschlagen werden, sondern können per Mausklick auf den Bildschirm geholt und ausgedruckt werden. Weiters liegen zehn Handschriften in vollständiger Digitalisierung vor, wodurch die Möglichkeit des virtuellen Blätterns in der jeweiligen Handschrift gegeben ist.(24) In der Handschriftendatenbank kann übrigens über das Feld „Sprache" nach der Schreibsprache von Texten gesucht werden, also etwa nach deutschen Texten, aber auch nach verschiedenen Schreibdialekten des Deutschen, wobei die verwendeten Mundartbezeichnungen über die Schaltfläche „Index" direkt selektierbar sind. (Siehe auch Addenda).

Während sich der Inhalt der Marburger Handschriftendatenbank derzeit fast ausnahmslos auf bereits im Druck erschienene Handschriftenkataloge bezieht, möchte die KSBM ihr Internetangebot unter vier zusätzlichen Gesichtspunkten verstanden wissen und erweitern:

  1. Publikation bereits bestehender, jedoch nur in handschriftlicher oder maschinschriftlicher Form vorliegender Verzeichnisse und Hilfsmittel.
  2. Darunter fallen die Signaturenkonkordanzen zu Göttweig(25), Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek (früher Studienbibliothek)(26), Salzburg, Universitätsbibliothek(27), Schlägl(28) und Wien, Schottenkloster(29); das Autorenregister zu Klosterneuburg(30) und die Initienregister zu Admont(31), Klosterneuburg(32) und Sankt Peter in Salzburg.(33) Auch der Katalog der Klosterneuburger Handschriften Cod. 401-529(34) beruht im zweiten Teil (ab Ccl 453) auf einem handschriftlichen Verzeichnis, während die Beschreibungen von Cod. 401-452 dem gedruckten Katalog entnommen sind(35).

  3. Veröffentlichung neu erarbeiteter Verzeichnisse, Hilfsmittel und Arbeitsmaterialien von Handschriftenbearbeitern.
  4. Dahinter steht die Überlegung, daß die Ergebnisse oft umfangreicher Recherchen von Katalogbearbeitern zu bestimmten Sachthemen oder Handschriftenbibliotheken in den Katalogen meist nur in kurzen Notizen Eingang finden können, die in der Fülle des dort dargebotenen Materials unterzugehen drohen. Der Quellenforschung ist aber, sofern sie auf die Materialsammlung zugreifen kann, möglicherweise mühevolle Kleinarbeit abgenommen. Als Beispiel sei auf die Liturgica-Textsammlung(36) mit der Publikation von Kalendarien, Sequenzen, Kanon-Gebeten, Litaneien etc., die Initienliste zu ausgewählten Predigtreihen aus österreichischen Handschriften (Iohannes Milicius, Sermones 'Gratiae Dei'(37); Iohannes Zerngast, Subarratorium animarum(38); Thomas Ebendorfer, Predigtzyklen(39)) und auf die demnächst im Netz abrufbare Zusammenstellung zu Überlieferung und Autorschaft der 'Memoria improvisae mortis'(40) verwiesen.

    In der Kategorie der Hilfsmittel sei die auf der Website der Österreichischen Nationalbibliothek kostenfrei abfragbare, auf Initiative der KSBM erstellte TABULAE-Datenbank(41) genannt(42), in der die Einzelregister von acht, die Signaturen von Cod. 1-15.500 umfassenden Katalogbänden(43) mit vereinheitlichten Autorennamensansetzungen bearbeitet und kumuliert wurden.(44)

    Bereits derzeit auf der KSBM-Website zugänglich sind folgende, von KSBM-Mitarbeitern neu erstellte Verzeichnisse: die Signaturenkonkordanzen zu Melk(45) und Sankt Paul im Lavanttal(46), die Initienverzeichnisse zu Altenburg(47) und Melk(48) und das Melker Autorenregister(49). Weiters werden verschiedene Handschriftenlisten oder -kurzbeschreibungen angeboten, wie etwa ein Inventar jener 12 lateinischen Handschriften, die von der Wiener Universitätsbibliothek im Jahr 1983 an die Österreichische Nationalbibliothek abgegeben wurden(50) oder ein Kurzverzeichnis der Handschriften des Stiftes Lilienfeld(51) (Update im Januar 1997(52)).(53)

    Unveröffentlichte Beiträge zu den Handschriften des Stiftes Klosterneuburg bieten weiters die Seiten „Stempel spätmittelalterlicher Klosterneuburger Blindstempeleinbände" (mit Abbildungen)(54) und „Fragmente der Stiftsbibliothek Klosterneuburg"(55), u.a. mit Farbabbildungen von Fragment 277, des Bruchstücks einer deutschen Mariendichtung(56) aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts.(57)

    Die Homepage der KSBM beherbergt zwar hauptsächlich von KSBM-Mitarbeitern erstellte Texte, steht darüber hinaus aber auch allen jenen zur Verfügung, die ein Publikationsforum für relevante Materialien zur Handschriftenkatalogisierung suchen. So kann seit Februar 1998 der von A. NOE erstellte, noch ungedruckte „Katalog der italienischsprachigen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek"(58) benützt werden, der in seiner aktuellen Version(59) die Signaturen Cod. 1-5600 und Cod. Ser. n. 1-4800 erfaßt. Bereits im Druck erschienen ist I. NÉMETHS als Preprint erstmals im Mai 1996 auf der Homepage der KSBM(60) angebotene „Bibliographie der gedruckten Kataloge zu den Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek bis zum Jahr 1974".(61) Darüber hinaus hat das Redaktionsteam der 'Gazette du Livre Médiéval' die KSBM-Website für die Web-Präsentation seiner Zeitschrift ausgewählt(62).

  5. Veröffentlichung sehr umfangreicher, häufig zu aktualisierender Sammlungen, die aus finanziellen Gründen im Druck schwer zu bewerkstelligen wären bzw. im Internet mehr Möglichkeiten der Darstellung und Benützung bieten.
  6. Hierher gehören die schon oben erwähnte Bibliographie zu österreichischen Handschriften und die Sammlung von Wasserzeichenbildern.

  7. Addenda und Corrigenda zu Veröffentlichungen von Mitarbeitern der KSBM.(63)

Auf den KSBM-Internetseiten sind natürlich auch Register oder Teile von Drucken zu finden, die gegenüber der Druckfassung unverändert belassen wurden, so etwa die Initienregister zu Rein(64), Wien, Schottenkloster(65) und Wilhering(66). Die Pläne zur Erweiterung des WWW-Angebotes der KSBM sind umfangreich und vielfältig, wenn auch die prekäre personelle Situation der Forschungseinheit einer raschen Verwirklichung entgegensteht. Noch im Jahr 2000 sollten folgende Seiten der Website hinzugefügt werden: ein kumuliertes Autorenregister zu den etwa 4600 mittelalterlichen Handschriften Niederösterreichs, Abbildungen aller erhaltenen Melker Profeßurkunden des 15. Jahrhunderts mit biographischen Kurzinformationen zu den Professen als Grundstock eines zu erarbeitenden Profeßbuches des Stiftes Melk, eine Sammlung von Abbildungen deutschsprachiger Fragmente in österreichischen Bibliotheken(67), eine Signaturenkonkordanz zu den Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (ausgehend von den Signaturen des 17. und 18. Jahrhunderts) und ein kumuliertes Register der in den gängigen Handschriftenrepertorien nachgewiesenen Autoren als Hilfsmittel zur Handschriftenkatalogisierung.(68) Angesichts der Tatsache des oben erwähnten hohen Zeitaufwandes zur Druckvorbereitung wäre auch eine kumulierte Teilpublikation von Handschriftenkatalogen ein und derselben Bibliothek im Internet oder auch auf CD-ROM zu überlegen. Eine Druckfassung könnte erst nach dem Abschluß der Katalogisierung des gesamten Handschriftenbestandes erstellt werden. Zusätzlich zu einem einem gewissen Synergieeffekt bei der Druckvorbereitung wären so auch fortlaufende Korrekturen und Veränderungen der Daten ermöglicht, die sich beim Fortgang der Katalogisierungsarbeiten zwangsläufig ergeben.

Daß das Webangebot der KSBM schon jetzt intensiv genützt wird, zeigt die Zugriffsstatistik: Im Jahr 1999 erfolgten insgesamt rund 160.000 Seitenzugriffe, das bedeutet gegenüber 1998 eine Steigerung um fast 100% und einen täglichen Durchschnitt von 440 Zugriffen, vorwiegend aus Österreich (30%), Deutschland (rund 20%) und den USA (etwa 17%). Aus der Statistik läßt sich weiter schließen, daß die Bibliographie zu österreichischen Handschriften, die Wasserzeichendatenbank und die verschiedenen Autoren- und Initienregister den Desideraten der Forschungen am ehesten entgegenzukommen scheinen.


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Letzte Änderung: 07.03.2001
Seite erstellt und betreut von Christine Glassner